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1.3 Grundlagen des interpretativen Paradigmas: die Konstruktion von Wirklichkeit

Die Entwicklung der argumentativen oder interpretativen Policy-Analyse ist eingebettet in eine komplexe intellektuelle Umwelt, die sich nicht nur aus der Politikwissenschaft, sondern auch aus Strömungen in der Soziologie, Philosophie und So- zialanthropologie speist (vgl. Gottweis 2006, S. 462). In ihren Prämissen schließt die interpretative Policy-Forschung an parallele Entwicklungen in den Nachbardisziplinen an. Während der „Geist des Positivismus“ (Dryzek 1993, S. 217) in der technokratischen Policy-Forschung deutlich länger herumspukte, hatte die Labeling-Tradition in der Soziologie schon Jahrzehnte zuvor das Interesse auf interpretative und diskursive Prozesse des „Erkennens“ bzw. „Konstruierens“ von sozialen Problemen wie etwa sozialer Devianz gerichtet (Travers 2004, S. 21). Die folgenden erkenntnistheoretischen („epistemologischen“) Grundlagen sind also nicht im engeren Sinne einer interpretativen Policy-Forschung zuzuschreiben, sondern dem interpretativen Paradigma im Allgemeinen (für das Folgende siehe Münch 2010, S. 52–53).

Hinter der kollektiven Identität „interpretativer“ Forschungsperspektiven in der Soziologie verbirgt sich eine Sammelbezeichnung für höchst unterschiedliche

„verstehende“ Arbeiten. Eine Säule bilden Herbert Blumers (1971) drei Grundprinzipien des symbolischen Interaktionismus, die besagen, dass Menschen Dingen gegenüber aufgrund der Bedeutung handelten, die diese Dinge für sie besitzen. Die Bedeutung der Dinge sei aus der sozialen Interaktion abgeleitet und diese Bedeutungen würden in einem interpretativen Prozess gehandhabt und geändert. Diese Kernsätze werden im interpretativen Programm mit dem Sozialkonstruktivismus nach Peter Berger und Thomas Luckmann verschmolzen (Nullmeier 1993, S. 105). In der Wissenssoziologie baut dieser Zugang auf der Annahme auf, soziale Realität sei nur als Wirklichkeitskonstruktion zugänglich und das, was als Realität gelte, sei sozial ausgehandelt und entstehe erst als Resultat von Interpretationskämpfen. „Jede noch so verfestigte institutionelle Wirklichkeit, jede stabile Struktur, erscheint in der interpretativen Sicht als Ausdruck eines fortwährend stattfindenden Prozesses der Reproduktion von Wirklichkeitskonstruktionen in alltäglichen Interaktionen“ (Nullmeier 1997, S. 106).

Unter dem Sammelbegriff des social constructionism oder Sozialkonstruktivismus wird eine Vielzahl von sozialwissenschaftlichen Perspektiven miteinander verknüpft, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Herstellung von Wissen durch soziales Handeln befassen. Der Begriff der „Konstruktion“ steht dabei als Metapher für den Aspekt der Tätigkeit und das „Gemachtsein“ durch Menschen, ohne diesen dabei einen entsprechenden Plan zu unterstellen (Keller 2005b, S. 36). Während in anderen Kontexten meist von Spielarten des Konstruktivismus die Rede ist, hat sich in der Soziologie sozialer Probleme der Begriff „Konstruktionismus“ eingebürgert (Schmidt 2000, S. 153), der auch als Sozialkonstruktivismus bezeichnet wird.

Die Grundlagen für eine sozialkonstruktivistische Wissenssoziologie wurden 1966 mit der „Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“ von Peter L. Berger und Thomas Luckmann (deutsche Auflage Berger und Luckmann 1969) gelegt. Sie beschäftigen sich darin mit Prozessen der Generierung, Objektivierung und Institutionalisierung von Wissen als objektive Wahrheit (Keller 2005a: Abs. 6). Berger und Luckmann untersuchten, wie die soziale Welt zwar einerseits in sozialen Praktiken von Menschen hergestellt, aber zugleich von diesen als objektiv, äußerlich und quasi naturgegeben wahrgenommen wird (Burr 2003; KnorrCetina 1989, S. 87). In ihrem Verständnis existiert kein begreifbares „an sich“ der sozialen Welt „jenseits der Bedeutungszuschreibungen, auch wenn ihre materiale Qualität uns durchaus Widerstände entgegensetzt, Deutungsprobleme bereitet und nicht jede beliebige Beschreibung gleich evident erscheinen lässt“ (Keller 2005b, S. 40). Da sozialkonstruktivistische Ansätze also von der Annahme ausgehen, dass „there is nothing in the world whose meaning resides in the object itself“ (Loseke 2003, S. 18), unterstellen viele Kritiker fälschlicherweise, dass der Konstruktionismus die Existenz einer materiellen Welt negiere. Aus der Überlegung, dass Objekte nur über ihre Kategorisierung und Definition erfasst werden könnten, wurde abgeleitet, die Konstruktion von X bedeute, dass X nicht wirklich existiere und „nur“ konstruiert sei (Groenemeyer 2003, S. 7). Der interpretative Policy-Forscher Maarten Hajer (2008, S. 212) beschreibt, wie seine sozialkonstruktivistische Analyse zum Waldsterben durch „sauren Regen“[1] mit der zynischen Aufforderung beantwortet wurde, „rennen Sie erst mit dem Kopf gegen einen Baum und sehen Sie dann, ob es ein Diskurs ist!“ Dabei gehe es nicht darum, ob tote Bäume an sich ein soziales Konstrukt sind, sondern welchen Sinn und Bedeutung wir aus toten Bäumen ableiten. Anstatt also anzunehmen, dass Fakten gegeben sind und durch wissenschaftliche Untersuchungen „entdeckt“ werden können, gelten sie dem Konstruktivismus als kontingent, umkämpft und einer Vielzahl von Interpretationen ausgesetzt (Jacobs et al. 2004, S. 3). Übertragen auf einen konstruktivistischen Zugang zu politischen Problemen geht es also gar nicht darum, die Existenz der entsprechenden Bedingung in Frage zu stellen, sondern darum, ihre soziale und sprachlich vermittelte Bewertung als Problem in den Blick zu rücken (vgl. Albrecht 2001, S. 118). Auch Diskurstheoretiker erkennen an, dass es eine externe Wirklichkeit jenseits von Sprache gibt; sie widersprechen aber der Vorstellung, dass diese eine Bedeutung unabhängig von den Diskursen besitze, in denen sie als Objekt eingeführt werde (Howarth 2000, S. 112). Dazu heißt es bei Ernesto Laclau und Chantal Mouffe als poststrukturalistischen Theoretikern:

Eine entsprechende Policy-Analyse konzentriert sich somit auf das „Fürwahrhalten“ der Realität und nicht auf die Realität selbst. Anstatt also beispielsweise Armutsstatistiken miteinander zu vergleichen, wird aus interpretativer Perspektive gefragt, auf Grundlage welcher Kategorienbildung „Armut“ überhaupt erfasst wird, welche Eigenschaften dabei betont und welche ausgeblendet werden, warum nicht ein anderer Begriff wie etwa Exklusion gewählt wird und welche Vorstellungen von Gesellschaft dies transportiert. Für Post-Positivisten werden die empirischen Daten also erst durch Interpretation in Wissen verwandelt. Wissen wird somit als allgemein akzeptierte, sozial und historisch geprägte Konvention verstanden und weniger als Beweis. Dabei implizieren die Forscherinnen und Forscher in der Regel nicht, es gebe keine realen und unterscheidbaren Untersuchungsobjekte unabhängig von der Wahrnehmung des Forschenden.

  • [1] Saurer Regen entsteht durch Luftverschmutzung und wurde insbesondere in den 1980er Jahren als eine von verschiedenen Ursachen des „Waldsterbens“ öffentlich stark problematisiert An earthquake or the falling of a brick is an event that certainly exists, in the sense that it occurs here and now, independently of my will. But whether their specificity as objects is constructed in terms of ‚natural phenomena' or ‚expression of the wrath of God', depends upon the structuring of a discursive field. (Laclau und Mouffe 1985, S. 108)
 
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