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1.4 Über den Tellerrand geschaut: die sozialkonstruktivistische Soziologie sozialer Probleme

Über diese wissenstheoretischen Grundlagen hinaus gibt es für eine interpretative Policy-Forschung, die sich für die Deutungsmuster und Diskurse bei der Konstruktion von politischen Problemen interessiert, weitere Anknüpfungspunkte zur Soziologie: In den mehr als 40 Jahren seit dem Erscheinen von Herbert Blumers Social Problems as Collective Behavior im Jahr 1971 hat sich in der US-amerikanischen Soziologie sozialer Probleme der soziale Konstruktivismus zur führenden theoretischen Leitperspektive entwickelt (Groenemeyer 2003, S. 3), wohingegen er in Deutschland weiterhin eine eher nachrangige Position einnimmt (Schmidt 2000, S. 153, für das Folgende auch Münch 2010, S. 54–55). Während es in älteren, wissenssoziologischen Ansätzen um die soziale Konstruktion von Wirklichkeit ging, hat sich in den vergangenen Jahren eine Schwerpunktsetzung dahingehend ergeben, welche Rolle Sprache hierbei spielt (Keller 2005b, S. 21). Während die Soziologie sozialer Probleme traditionell auf die Erforschung von objektiv feststellbaren Problemlagen konzentriert war, stehen seither die Definition von Problemen und ihre Konstituierung in sozialen Prozessen im Zentrum. In Abgrenzung zu den bis dato prominenten funktionalistischen und normativen Ansätzen, die soziale Probleme als Form der Fehlfunktion, Desorganisation oder Abweichung fassten (Blumer 1971, S. 298), kommt der Theorie sozialer Probleme nun die Aufgabe zu, das Aufkommen, die Beschaffenheit und die Fortsetzung der Definitionsleistungen zu erklären (Schmidt 2000, S. 155). Im funktionalistischen Verständnis hatten sich soziale Probleme aus dem Versagen von Institutionen ergeben oder entstanden daraus, dass Gesellschaftsmitglieder nicht mehr die gleichen Werte teilten (Loseke 2003, S. 165). Hieran kritisierten sozialkonstruktivistische Autorinnen und Autoren, dass die Festlegung eines Standards nötig sei, um ein Phänomen als Abweichung kategorisieren zu können, und dies stets der persönlichen und nicht überprüfbaren Einschätzung des Forschers überlassen bliebe. Zudem könnten sich Dysfunktionen auf einige Institutionen negativ auswirken, aber positiv für andere sein (Spector und Kitsuse 2006, S. 25–26). Daraus folgt zudem, dass es nicht die Aufgabe der Wissenschaft ist, ein soziales Problem „aufzudecken“, sondern dies erst möglich wird, wenn ein sozialer Sachverhalt als ein solches Problem von der Gesellschaft gedeutet wird. Ein Vorteil des sozialkonstruktivistischen Ansatzes besteht darin, dass nun nicht jeder Autor seine eigene Vision zugrunde legt, welche Zustände nicht toleriert werden können und worin ihre Ursachen liegen (Loseke 2003, S. 164). Damit ist es möglich, auf einer abstrakten Ebene Prozesse der Problematisierung zu vergleichen. Damit wird jedoch auch die Rolle der Wissenschaftler(innen) als Experten in Frage gestellt, die der Gesellschaft zeigen sollten, wie die Welt zu funktionieren habe.

Der sozialkonstruktivistische Zugang zu sozialen Problemen betont, dass es nicht der objektive Schaden ist, der von einem Phänomen angerichtet wird, der es zu einem sozialen Problem macht, sondern die problematisierenden Aktivitäten von Akteuren in ihrem sozialen Kontext. Spector und Kitsuse fassen in ihrem Grundlagenwerk von 1977 (2. Auflage 2006) soziale Probleme als Aktivitäten von Individuen oder Gruppen, die Behauptungen über als unerwünscht, ungerecht oder amoralisch bewertete Bedingungen aufstellen, gegen die dementsprechend etwas unternommen werden sollte. Diese Definition impliziert, dass jede Forderung zu einem sozialen Problem werden kann, und richtet die Aufmerksamkeit auf den interaktiven Prozess (Spector und Kitsuse 2006, S. xi).

Mit einer sozialkonstruktivistischen Konzeption werden zwei weitere Fragen aufgeworfen, nämlich warum ein Phänomen plötzlich zu einem Problem wird und warum andere schädliche Phänomene nicht als Problem wahrgenommen werden (Heiner 2006, S. 6). Spector und Kitsuse (2006, S. 128) widersprechen der Vermutung, ein soziales Problem müsse ein bestimmtes Ausmaß erreichen, um als solches erkannt zu werden. Konstruktionistische Autoren wie Jacobs, Kemeny und Manzi (2003, S. 434) weisen darauf hin, dass die politische Agenda oftmals ein eigenes Momentum entwickele: Was zu einem Problem gemacht werde, werde häufig dadurch bestimmt, ob gangbare Lösungsansätze vorhanden sind. Regie- rungseinrichtungen reagierten nicht nur auf vorhandene Probleme, auch sie können Probleme definieren und pflegen (Spector und Kitsuse 2006, S. 155). Nach Spector und Kitsuse (2006, S. 84) tragen Lösungsmöglichkeiten wesentlich zur Problemkonstruktion bei, indem sie einen Rahmen liefern, innerhalb dessen die Probleme geäußert werden können. Der Glaube, dass etwas geändert werden könne, ist somit Voraussetzung dafür, dass etwas zum Problem wird.

 
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