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Kritik an einer sozialkonstruktivistischen Problemsoziologie

Das Verdienst sozialkonstruktivistischer, wissenssoziologischer Arbeiten, die epistemologischen Grundlagen der eigenen Forschung kenntlich zu machen, hat den Ansatz neben einer endogenen Kritik von Woolgar und Pawluch (1985) zugleich aus verschiedenen exogenen Richtungen angreifbar gemacht (ausführlich siehe Münch 2010, S. 62–66). Im Folgenden sollen die zentralen Diskussionsfelder beleuchtet werden, nämlich die Auseinandersetzung mit dem immanenten Relativismus und seiner Selektivität, die strukturalistische Kritik sowie die Frage nach dem Spielraum sozialkonstruktivistischer Gesellschaftskritik, da diese Punkte zuweilen auch gegenüber der interpretativen Policy-Analyse moniert werden (siehe 5.1).

Der Sozialkonstruktivismus wurde von den selbst in dieser Tradition stehenden Autoren Steve Woolgar und Dorothy Pawluch (1985) des ontological gerrymandering gescholten, worunter sie die selektive Natur des sozialkonstruktivistischen Relativismus verstanden. Der aus der Politikwissenschaft stammende Begriff gerrymandering bezeichnet eine dem Stimmgewinn dienende Manipulation der Grenzen von Wahlkreisen im Mehrheitswahlsystem (Johnston et al. 2000, S. 312). Die beiden Autoren wiesen damit auf die erkenntnistheoretische Inkonsequenz einiger sozialkonstruktivistischer Arbeiten hin, die sich in zweierlei Weise zeigt. Einmal findet häufig eine explizite Objektivierung statt, wenn auf der einen Seite der Konstruktionscharakter aller Elemente betont wird, aber in den Forschungsarbeiten versucht wird zu zeigen, dass die Konstruktion bestimmter Sachverhalte als soziale Probleme unabhängig von den „objektiven“ Merkmalen dieses Sachverhaltes und seinen Veränderungen im Zeitverlauf erfolge. Wird zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort beispielsweise häufiger über Einwanderung gestritten, obgleich die Zahlen „eigentlich“ rückläufig sind? Man schneidere sich also die Realität zurecht, so der Vorwurf, denn wenn Realität fundamental konstruiert sei, könne man nicht Problemkonstruktionen mit „objektiv gegebenen Sachverhalten“ konfrontieren (Albrecht 2001, S. 118). Eine solche Forschungspraxis bleibe hinter ihrem selbst postulierten Realitätsverständnis zurück und spreche nur dann von „Konstruktionen“, wenn es darum gehe, jene Argumente oder Institutionen in Zweifel zu ziehen, die man aus moralischen oder politischen Gründen ablehnt. Auf der anderen Seite würden diejenigen Positionen, denen man zustimmt, von dieser Behandlung ausgenommen (Travers 2004, S. 22).

Theoretisch problematisch bleibt generell der Zusammenhang von „objektiven Bedingungen“ und „gemachter“ Wirklichkeit. Dies wurde bereits von Howard

S. Becker thematisiert, der selbst aus der Labelingoder Etikettierungstradition stammte, also aus dem Beitrag des Symbolischen Interaktionismus zur soziologischen Analyse abweichenden Verhaltens und sozialer Probleme: Kann jedweder Sachverhalt zum Problem erklärt und somit auch ein Zustand, der nicht existiert, als Problem definiert werden (zit. in Spector und Kitsuse 2006, S. 52)? Ein Beispiel für heute nicht mehr übliche Problemkonstruktionen wären etwa die gesellschaftliche Furcht vor Hexen im Mittelalter oder die in der Internierung vieler japanischstämmiger Amerikaner gipfelnde Angst vor Angehörigen der Gegner-Nationen im Zweiten Weltkrieg in den USA. Von den Konstruktionisten des strong program wird jedoch kritisiert, dass die Konstruktionspraktiken selbst aus dem Blick gerieten, wenn das Augenmerk auf die Gegenüberstellung und Überprüfung von Definitionsleistungen gerichtet würde. Strikte Konstruktionisten sehen in der Berücksichtigung objektiver Bedingungen für die Definition eines sozialen Problems die Gefahr, dass die Problemdefinition zu einer einfachen mechanischen Reaktion auf externe Ereignisse verkommt, und verzichten daher gänzlich auf eine Bezugnahme auf die problematisierten Phänomene selbst. Für viele empirische Arbeiten ist die selektive Berücksichtigung objektiver Bedingungen hingegen theoretisches Problem und praktische Lösung zugleich (vgl. Schmidt 2000, S. 167). Diese Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass der konstruierte Charakter objektivistischer Annahmen und Behauptungen ihrer Evaluierung nicht entgegen stehe (Schmidt 2000, S. 165). Eine ähnliche Haltung zeigt sich in der interpretativen Policy-Forschung. Wenn policy-relevante Annahmen mit entsprechenden Forschungsergebnissen kontrastiert werden, dann zumeist im Bewusstsein der Kontextabhängigkeit und Vielfalt von möglichen Deutungen. In einem interpretativen Verständnis, das Wissen als durch Kommunikation konstituiert und konfirmiert begreift, unterscheidet sich wissenschaftliches Wissen lediglich durch den Ort seiner Produktion sowie die spezifischen Regeln seiner Systematisierung und Konfirmierung in den „anarchischen Entscheidungsprozesse[n] seiner wissenschaftlichen Fachgemeinschaften“ (Willke 2002, S. 14; Rüb 2006, S. 346).

Eine weitere Dimension der Kritik ergibt sich aus der sozialkonstruktivistischen Betonung von Handlungen gegenüber Strukturen (Jacobs und Manzi 2000, S. 37). Dabei kritisieren insbesondere marxistische, aber auch feministische Autorinnen und Autoren, dass mit der Betonung der Handlung Zwänge und Beschränkungen übersehen würden. Zudem gehen sie davon aus, dass es objektive Probleme gibt

– und zwar auch solche, auf die nicht reagiert werde. Sie halten dem Konstruktionismus damit vor, fragmentierend zu sein und soziale Probleme in partielle und episodische Ereignisse ohne Bezug zueinander herunter zu brechen. Ihr Argument lautet vereinfacht, Kapitalismus und Patriarchat funktionierten durch Hegemonie,indem sie durch die Unterstützung eines falschen Bewusstseins bestimmten, was als wichtiges soziales Problem akzeptiert und was verschleiert werde (Kemeny 2004, S. 59). Jacobs und Manzi (2000) verweisen dagegen auf Giddens' (1984) Überlegungen zur Structuration, wonach individuelle Handlungen einerseits durch weitere soziale Prozesse eingeschränkt sind, aber zugleich diese Strukturen generieren.

Mit der marxistischen und feministischen Kritik ist schließlich auch die Frage verbunden, ob sozialkonstruktivistische Arbeiten prinzipiell Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Ordnungen üben können. Die Frage mag insofern überraschen, als sozialkonstruktivistische Autorinnen und Autoren gerade hierin einen Vorteil ihres Ansatzes sehen, nämlich politische „Wahrheiten“ weniger selbstverständlich erscheinen zu lassen und für andere Sichtweisen zu sensibilisieren (Marston 2004,

S. 89). Auch Travers (2004, S. 28) führt den Siegeszug des Ansatzes darauf zurück, dass er den Eindruck erwecke, es sei möglich, etablierte Institutionen trotz ihres massiven Einflusses über das Individuum verändern zu können. Kritiker wenden jedoch ein, dass nur weil beispielsweise Obdachlosigkeit ein konstruiertes Problem sei, es dadurch nicht verschwinde oder sich die Lebensbedingungen des Betroffenen änderten (King 2004, S. 39). Insbesondere dem strikten sozialkonstruktivistischen Programm, das sich mit seiner Analyse nur auf der sprachlichen Ebene bewegt, wird die rhetorische Frage entgegen gehalten, warum man sich um soziale Ungerechtigkeit kümmern solle, wenn menschliche Interessen nicht mehr seien als eine Bewegung im Diskurs (Somerville und Bengtsson 2002, S. 122). Andere kritisieren zudem, sozialkonstruktivistische Ideen würden zwar genutzt, um positivistische Kategorien in Frage zu stellen, könnten aus sich heraus jedoch keine alternativen, emanzipierenden Konzepte entwickeln (Willig 1999, S. 38).

Ratner (2006, Abs. 4) geht in seiner Ablehnung des Konstruktionismus noch weiter und wirft ihm vor, dass das Ausklammern von Wahrheitsansprüchen Dogmatismus begünstige: Konstruktionisten glaubten, so die Unterstellung, durch die Entfernung von Wahrheitsansprüchen Menschen offener für Alternativen zu machen, immunisierten sie aber, da eine Falsifizierung unmöglich werde. Wenn nämlich alle Darstellungen der Welt gleichsam zutreffend seien, gingen vertretbare Gründe für moralische Entscheidungen und politische Gefolgschaft verloren (Burr 2003, S. 23). Auf diese Kritik hat das strong program nach Ibarra und Kitsuse (1993) reagiert, indem es seinen Fokus auf die claims richtete, ohne ihre Genauigkeit oder ihren Wahrheitsgehalt zu bewerten. Der Ansatz wird somit auf die Beschreibung rhetorischer Strategien und Problemdefinitionen reduziert. Trotz der wissenschaftstheoretischen Nähe zur Soziologie sozialer Probleme ist damit das Selbstverständnis der interpretativen Policy-Forscherinnen und Forscher ein deutlich anderes, da sie sich zumindest häufig in einer Advokatenrolle sehen (vgl. 5.4).

 
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