Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Politikwissenschaft arrow Interpretative policy-analyse
< Zurück   INHALT   Weiter >

1.5 Unterschiedliche Strömungen der interpretativen Policy-Analyse

Für die Policy-Forschung bedeutet eine sozialkonstruktivistische Epistemologie, dass politische Strategien und Lösungsversuche nicht als natürliche Reaktionen auf objektive Probleme, Machtverhältnisse und Handlungsbeschränkungen zu verstehen sind, sondern immer als Interpretationen dieser Elemente (Hofmann 1995, S. 128). Der Ansatz rückt den Fokus auf die Bedeutungen, die Policies haben können, und auf die Wege, wie diese Bedeutungen kommuniziert und unterschiedlich interpretiert werden (vgl. Hajer 2003, S. 102). Interpretation hat dabei eine doppelte Funktion, einerseits als Untersuchungsobjekt – wenn es beispielsweise um die Rekonstruktion von Deutungsmustern und Frames geht – und andererseits als Untersuchungsmethode.

Obgleich sich die verschiedenen Strömungen innerhalb der interpretativen Policy-Analyse auf die Konstruiertheit von Wirklichkeit verständigen können und antreten, scheinbar politisch neutrale Sachzwänge und Problemlösungen zu denaturalisieren, lassen sich bei genauerer Betrachtung gravierende Unterschiede dahingehend beobachten, wie die zentrale Kategorie der „Bedeutung“ gefasst wird. Während Kathrin Braun (2014, S. 77) mit Hendrik Wagenaar (2011) drei Stränge der interpretativen Policy-Analyse unterscheidet, die entlang der ihnen innewohnenden „Bedeutung von Bedeutung“ differenziert werden, unterscheidet dieses Lehrbuch lediglich das hermeneutische von einem diskursiven Bedeutungsverständnis. Das dialogische Bedeutungsverständnis, das bei Wagenaar eine eigene Kategorie darstellt, wird hier als Unterform eines hermeneutischen Verständnisses gefasst (ähnlich auch Nullmeier 2012, S. 44).

Die unterschiedlichen Strömungen unterscheiden sich dahingehend, wo Bedeutung lokalisiert wird und worin die entsprechende Aufgabe der Forschung liegt.

Hermeneutisches Bedeutungsverständnis

Ein hermeneutisches Bedeutungsverständnis verortet Bedeutung in den Intentionen, Beweggründen, Überzeugungen oder Wünschen einzelner politischer Akteure. Akteure gehen den Sinnund Bedeutungsstrukturen also logisch voraus (sind gewissermaßen Henne und nicht Ei) und es ist Aufgabe der Forschenden, diese Bedeutungsstrukturen herauszuarbeiten (Braun 2014, S. 85, 87). In Ansätzen mit einem hermeneutischen Bedeutungsbegriff wird Wirklichkeit konstituiert durch ein Zusammenspiel von Interaktionen und Interpretationen individueller und kollektiver Akteure, die relative Autonomie entfalten können (vgl. Waldschmidt 2004, S. 150).

In interpretativ-hermeneutischer Tradition geht es darum, wie Menschen Bedeutungen herstellen, kommunizieren und verstehen sowohl in Bezug auf Praktiken als auch auf Text (Gottweis 2006, S. 465). Dvora Yanow (2000) definiert einen interpretativen Zugang zur Policy-Analyse als solchen, der auf die Bedeutungen einer Policy fokussiert, auf die Werte, Gefühle, Überzeugungen, die diese ausdrücken, und auf die Prozesse, über die diese Bedeutungen an verschiedene Zielgruppen kommuniziert und durch diese „gelesen“ werden. In einem Grundlagenwerk der interpretativen Policy-Forschung, „How does a policy mean“ aus dem Jahr 1996, sensibilisiert Yanow für die expressiven, symbolischen Aspekte des policymaking, die sie nicht als Beigabe zu den instrumentellen, materiellen und machtbezogenen Aspekten, sondern als intrinsische und unhintergehbare Eigenschaft jeder einzelnen Handlung begreift. Diese Bedeutung liegt nicht nur in den Gesetzestexten, die Absicht bekunden, sondern im Handeln zentraler Gruppen, die Programme implementieren, und in den Artefakten wie Verwaltungsgebäuden und Webseiten (Wagenaar 2007, S. 433).

Für eine Untergruppe von hermeneutischen Autorinnen und Autoren gehen Subjekte ebenfalls den Diskursen voraus; das Forschungsinteresse richtet sich aber vor allem darauf, wie Diskurse als Mittel der Auseinandersetzung eingesetzt werden. Die Frage lautet, wie Diskurse als strategische Ressource genutzt werden, um politische Ziele zu erreichen. Auf die strategische Nutzung des Diskurses im Kampf um Ideen gehen innerhalb des interpretativen Paradigmas vor allem die Vertreter des argumentative turn ein. Argumente stellen in ihrem Verständnis nicht nur den Output der Policy-Analyse dar, sondern auch ihren Input (Saretzki 2003, S. 400–401). Die Autoren gehen der Frage nach, welcher Anteil der sprachlichen Rahmung von Policy-Problemen oder der Einbettung einzelner Programmfragen in Diskurssysteme und Diskurskoalitionen in der Politikgestaltung zukommt (Schneider und Janning 2006, S. 98). Eines der grundlegenden Ziele von Politik bestehe nicht nur darin, eine existierende Realität zu verändern, sondern ein gemeinsames Verständnis eines Problems zu konstruieren (Fischer 1998, S. 135).

Politische Entscheidungen werden demnach nicht als rationale Prozesse verstanden, da die Wahrnehmung von Problemen und die Unterbreitung von Lösungsvorschlägen nicht als ein einfacher objektiver Mechanismus ablaufen. Vielmehr beeinflussen Aspekte der sprachlichen Vermittlung, der Deutung und Verarbeitung von Informationen und der Glaubwürdigkeit sowie des rhetorischen Geschicks der politischen Akteure den Policy-Prozess (Schneider und Janning 2006, S. 171). Bereits bei Majone (1989), auf den sich die Autorinnen und Autoren des argumentative turn berufen, steht der Begriff des Argumentes im Mittelpunkt seines Ansatzes, da die Überzeugungskraft von Argumenten nach seiner Meinung wichtigster Hebel im politischen Prozess sei (Gadinger 2003, S. 12). Hier klingt zwischen den Zeilen an, was Dryzek (1993, S. 229) als ein Autor des argumentative turn festhält: Man kann nicht Policies analysieren, ohne ebenso den politischen Prozess zu betrachten, denn der englische Begriff argument wird nicht nur als Gegenstand, sondern auch als Handlung im Sinne des Verbs to argue (diskutieren, streiten, sich auseinandersetzen) verstanden.

Arbeiten mit einem dialogischen Bedeutungsverständnis stehen ebenfalls in hermeneutischer Tradition, begreifen Sinnhaftigkeit aber expliziter als Produkt sozialer Interaktion. Bedeutung entsteht erst im Dialog zwischen Betrachter und Betrachtetem beziehungsweise zwischen dem Interpretierenden und dem interpretierten Phänomen. Interpretation ist daher ein Handeln zwischen mehreren Akteuren. Deliberative Ansätze (siehe 3.10) werden hier verortet (Braun 2014, S. 88).

Diskursives Bedeutungsverständnis

Am anderen Ende des Spektrums stehen diejenigen Ansätze, die nach Wagenaar (2011) ein diskursives Bedeutungsverständnis vertreten und in anderen Kontexten vor allem als (post-)strukturalistisch bezeichnet werden (zu deren Forschungspraxis siehe ausführlich 3.4.3). Diese waren im Grundlagenwerk der argumentativen Wende (Fischer und Forester 1993a) noch schwach vertreten (Braun 2014, S. 82), sind mittlerweile aber ein fester Bestandteil der interpretativen Policy-Analyse.

„Im Unterschied zu handlungstheoretischen Ansätzen sieht der Strukturalismus, pointiert formuliert, die gesellschaftliche Wirklichkeit als Ergebnis anonymer Mächte, als Resultat von symbolischen Ordnungen, sozialen Institutionen und materiellen Bedingungen, die unabhängig vom Subjekt bestehen, in denen der einzelne sich zwar bewegen kann, auf die er aber keinen Einfluss auszuüben vermag“ (Waldschmidt 2004, S. 149).

Vertreterinnen und Vertreter dieser Schule unterstreichen also die Wirkmächtigkeit übergeordneter Denkund Bedeutungsstrukturen und führen Identitäten und Handlungsweisen der Akteure überhaupt erst auf diese Strukturen zurück. Sinnhaftigkeit und Bedeutung liegen also nicht in den Wünschen, Deutungen, Interessen der Subjekte, sondern in ihnen nicht unmittelbar zugänglichen sprachlichen und kulturellen Rahmenstrukturen, die zuweilen als Diskurse, Dispositive oder Meta-Frame bezeichnet werden. Bei den Vertretern eines diskursiven Bedeutungsbegriffs wird die Konstruktion der Wirklichkeit also um die Subjekte selbst erweitert. Sinn und Bedeutung lassen sich also nicht in den Subjekten und deren Überzeugungen verorten, sondern in größeren, sedimentierten diskursiven Strukturen (Braun 2014, S. 90). Das Interesse an Interpretationen einzelner oder kollektiver Akteure vertritt also vor allem die interpretativ-hermeneutische Strömung, während poststrukturalistische Autorinnen und Autoren eher auf die Ebene des Diskurses abheben.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften