< Zurück   INHALT   Weiter >

1.6 Methoden und Gütekriterien interpretativer Policy-Forschung

Die interpretative Wende eröffnet der Policy-Analyse nicht nur neue Inhalte, sondern hat weitreichende Konsequenzen für Methodologie, Forschungsdesign und Gütekriterien. Dabei ist die interpretative Policy-Analyse selbst eher ein Oberbegriff für einen sehr heterogenen approach als für eine Methode, die Schritt für Schritt anzuwenden wäre. Vielmehr greift die interpretative Policy-Analyse selbst auf eine Vielzahl qualitativer Methoden zurück (Yanow 2014). Die Auseinandersetzung mit dem disziplinären Selbstverständnis hat in der US-amerikanischen Forschung in den 1990er Jahren zu einer lebhaften Kritik an der „neo-positivistischen“ Policy-Forschung geführt und an ihrer Betonung von rigoroser meist quantitativer Analyse, dem Wunsch nach einer objektiven Trennung von Fakten und Werten und einer Suche nach generalisierbaren Befunden, deren Validität unabhängig von ihrem sozialen Kontext sei. Auch wenn dies stark verkürzt ist und verschiedene Strömungen unter dem Schlagwort der neo-positivistischen Forschung zusammengewürfelt werden, lassen sich unter „positivistischer Forschung“ Ansätze mit realistischen ontologischen und objektivistischen epistemologischen Vorannahmen fassen (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 6). Darunter fallen sowohl diejenigen Schulen positivistischen Denkens im engeren Sinne, die die Verifikation durch nachprüfbares Beobachtungswissen einfordern, als auch spätere kritisch-rationalistische Ansätze nach Popper, die die Falsifizierbarkeit wissenschaftlicher Empirie verlangen, da Hypothesen nicht bewiesen, sondern lediglich widerlegt werden könnten (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 141). Solcherlei Prämissen finden sich sowohl in quantitativen, als auch in qualitativen Arbeiten, sodass „interpretativ“ nicht als Synonym für „qualitativ“ gedeutet werden sollte (siehe unten).

Der Vorwurf von Adrienne Héritier (1993, S. 10), diese vor allem in den USA geführten Debatten zwischen interpretativ arbeitenden Policy-Forschern und ihren neo-positivistischen Kollegen muteten wie ein verspätetes Nachhutgefecht an, da der Positivismusstreit [1] in Deutschland schon 30 Jahre früher ausgetragen worden sei, ist insofern nicht ganz zutreffend, als die US-Forscher sich der Etablierung post-positivistischer Ansätze in der Wissenschaftsphilosophie durchaus bewusst sind, diese aber mit der als eine positivistische Bastion wahrgenommenen, von Rational-Choice-Ansätzen dominierten Policy-Analyse kontrastieren (vgl. Dryzek 1993, S. 217). Dieser Disput ergibt sich nicht lediglich aus unterschiedlichen Vorannahmen über den Realitätsstatus (Ontologie) und die wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten (Epistemologie) (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 19), sondern hat auch eine sehr handfeste Seite, wenn es um Zugänge zu Forschungsgeldern geht, deren Qualitätsstandards oftmals noch durch herkömmlichere Ansätze vorgegeben sind.

Die unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Vorannahmen haben Folgen für den Ablauf der Forschungsarbeit. So werden in neo-positivistischer Vorstellung zunächst Hypothesen definiert, Konzepte geschärft und diese in Form von Variablen operationalisiert, wobei das Verhältnis zwischen abhängigen und unabhängigen Größen bestimmt wird (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 1). Dieses Vorgehen, das häufig als allgemeiner Standard guten wissenschaftlichen Arbeitens unterstellt wird, kann für interpretative Arbeiten nicht gelten. Interpretative Arbeiten tragen nicht die aus der Forschungsliteratur gewonnenen Definitionen und Konzepte ihrer eigenen Community oder Theorien ins Feld, um deren Angemessenheit zu testen, sondern wollen verstehen, wie ein bestimmtes Verständnis, also eine bestimmte Interpretation „aus dem Feld“ zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort erwächst (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 18). Dementsprechend bietet sich keine unilineare Deduktion (empirische Überprüfung von Hypothesen) und streng genommen auch keine Induktion (Hypothesenbildung aus dem empirischen Material) an, sondern eine Abduktion, die nicht nach Generalisierbarkeit strebt, sondern für die Vielfalt potenzieller Interpretationen von Handlungen, Ereignissen, Umständen sensibel ist. Der Prozess der Erkenntnisgewinnung ist, anders als in neo-positivistischen Arbeiten, nichtlinear und iterativ, sodass das Forschungsde- sign im Laufe des Prozesses angepasst werden kann (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 28, 46).

Als Methoden der Materialerhebung dienen die teilnehmende Beobachtung und die Ethnographie (vgl. van Hulst 2008) von Handlungen und Artefakten, das Interview und vor allem die Auswertung von Dokumenten und anderem Textmaterial. In jüngerer Zeit wird unter dem Schlagwort pictorial turn eine Wende vom Sagbaren zum Sichtbaren genommen (Gottweis und Steurer 2011). Dies wird etwa in der Untersuchung von fotografischen Darstellungen von Sozialleistungsbeziehern im Rahmen von wohlfahrtsstaatlichen Reformen (Yanow 2014) umgesetzt oder in Arbeiten zur politischen Ikonographie am Beispiel eines Fotos aus dem Situation Room im Weißen Haus während der Tötung von Osama Bin Laden durch US-Spezialeinheiten (Kauppert und Leser 2014).

Dabei geht es der interpretativ-hermeneutischen Policy-Analyse insgesamt darum, die (diskursiven) Handlungen und Akteure so gut wie möglich aus ihrem eigenen Referenzrahmen, ihren eigenen alltäglichen, scheinbar selbstverständlichen Regeln zu verstehen (Yanow 2007, S. 409). Dies bedeutet nicht, alles blind zu akzeptieren, was der Forscherin erzählt wird, sondern eine „dichte Beschreibung“ und Perspektivenvielfalt, um Intertextualität über verschiedene Quellen hinweg zu gewinnen (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 51). Unter dem ursprünglich aus der Literaturwissenschaft stammenden Begriff der Intertextualität verstehen Schwartz-Shea und Yanow (2012, S. 86) das Bestreben, Querverbindungen und gegenseitige Bezüge von unterschiedlichen Quellen aufzudecken, die zur Interpretation dieser Daten beitragen können. Die soziale Konstruktion von Sinn erfolgt nämlich nicht individuell, sondern in der Referenz auf oder der direkten Übernahme von bereits existierenden Schlüsselkonzepten oder Schlagworten. In der Betonung der Kontextabhängigkeit von Bedeutung und Interpretation ist damit keine kausale Determiniertheit oder ein Automatismus impliziert, sondern etwas, das Schwartz-Shea und Yanow (2012, S. 52) als „konstitutive Kausalität“ fassen. Darunter verstehen die Autorinnen, wie durch die Deutungen der Akteure und die Sprache, in der sie die soziale Welt beschreiben, diese Welt konstituiert wird, die dann ihrerseits Möglichkeitsräume für Handlungen und Interpretationen schafft. In der positivistisch-qualitativen Forschung ist die Rede von „Triangulation“ gebräuchlich, wonach die Konvergenz zwischen verschiedenen Perspektiven erhellt, was „wahr“ ist. Bei interpretativen Forschern hingegen wird mit diesem Begriff eher eine Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten bis hin zu Widersprüchen erwartet. Es geht nicht darum, Mehrdeutigkeiten aufzulösen, sondern ihre Quellen zu verstehen (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 88, 108).

Vor allem Dvora Yanow hat seit Beginn der 1990er Jahren zur inhaltlichen, aber auch methodologischen Auseinandersetzung mit einer interpretativen Policy-Analyse beigetragen (Yanow 2000; Schwartz-Shea und Yanow 2012). Dabei hat sie sich immer wieder mit den unterschiedlichen Grundannahmen, Untersuchungsschritten und Qualitätskriterien von neo-positivistischer und interpretativer Policy-Forschung auseinandergesetzt und vor allem darauf abgehoben, die Gütekriterien für Forschung auf ihre Allgemeingültigkeit zu hinterfragen. Manche Kritik an interpretativen Forschungsdesigns, sei es bei einer Abschlussarbeit an der Universität oder bei der Beantragung größerer Forschungsprojekte, könnte dadurch ausgeräumt werden, dass die Bewertungsstandards von „Reliabilität, Validität und Objektivität“ nicht universell, sondern auf variablenbasierte, neo-positivistische Forschung beschränkt blieben. Yanow (2007, S. 406) kritisiert daher, dass auch qualitative Forschung zunehmend unter Druck gerate, neo-positivistischen Validitätsund Reliabilitätskriterien zu entsprechen, sodass ihr Forschungsdesign oftmals eher einem quantitativen Generalisierungsanspruch entspreche, nur dass dieser mit geringerer Stichprobengröße durchgeführt werde. Hier wird deutlich, dass die geläufige Unterscheidung zwischen qualitativen und quantitativen Arbeiten diese ontologischen und epistemologischen Unterschiede nicht auffängt. Es geht nicht darum, ob etwas in einer Arbeit zählbar ist, sondern wenn es im beobachteten Feld Zahlen gibt, werden nach qualitativ-interpretativem Verständnis auch diese als Bedeutungsquelle gelesen und nach den Strukturmustern der Kategorienbildung befragt (Yanow 2007, S. 407, siehe auch Infokasten zu Zahlen und Zuschreibungen in Abschn. 4.4).

Hinter der neo-positivistischen Forderung nach Validität oder Gültigkeit verbirgt sich die Frage, ob ein Indikator misst, was er messen soll. Das Ziel ist die Kongruenz zwischen dem theoretischen Konzept und seiner Operationalisierung. Aus interpretativer Sicht wird dem entgegengehalten, dass dies zu losgelöst von den bedeutungsgenerierenden Prozessen des Untersuchungsfeldes sei.

Das Gebot der Reliabilität oder Zuverlässigkeit beruht auf der Vorstellung, dass dieselbe Messung durch zwei Forschende oder zu unterschiedlichen Zeitpunkten dasselbe Ergebnis produzieren müsse (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 93). Für interpretative Forschung sind diese Ansprüche unangemessen, da sie auf unterschiedlichen Annahmen über die Stabilität der sozialen Welt und über die Erkenntnismöglichkeiten durch Forschung beruhen. Das interpretative Interesse an lokalem Wissen geht mit einem Desinteresse an Messungen und einem konstitutiven Verständnis von Kausalität einher (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 94).

Aufgrund ihrer sozialkonstruktivistischen Prämissen können interpretative Policy-Analysen nicht mit einer Vorstellung von Objektivität operieren oder mit der Annahme essentieller, zeitloser, universeller Bedeutung. Stattdessen betonen sie, wie sich Interpretationen aus dem zeitlichen und räumlichen Kontext ergeben (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 23). Interpretative Arbeiten verstehen sich als Gegenposition zu neo-positivistischen Vorannahmen, wonach eine direkte, nüchterne Beobachtung einen leichten Zugang zu einer objektiven Welt bieten würde, wo Bedeutung und Mehrdeutigkeit kein Problem seien (Yanow 1995, S. 111). In der interpretativen Policy-Forschung ist Realität sozial konstruiert und somit eingebettet in den sie produzierenden Gemeinschaften und in einem fortlaufenden Prozess der (Wieder-)Herstellung, der Aufrechterhaltung und des Wandels. Bedeutungen können aus dieser Perspektive nicht unabhängig von den Kontexten behandelt werden, aus denen sie hervorgegangen sind. Sie sind daher weder Variablen, die durch gängige Umfragemethoden erhoben werden könnten, noch ist der Policy-Prozess ohne Konstruktionen denkbar (Yanow 1995, S. 112). Dementsprechend ist es akzeptierte interpretative Forschungspraxis, die Arbeit nicht mit einer formalen Hypothese zu beginnen, die dann gegenüber der „Realität“ des Feldes „getestet“ würde. Interpretative Forschungsarbeiten erhalten ihren Anstoß vielmehr aus informierter Ahnung oder dem Eindruck einer Spannung zwischen Erwartungen und vorherigen Beobachtungen auf Grundlage bestehender Literatur und nicht selten aus vorheriger Kenntnis des Feldes (Yanow und Schwartz-Shea 2006, S. xvi).

Aus Sicht der neo-positivistischen Forschung wird gegenüber interpretativen Designs die Befürchtung geäußert, die/der Forschende könne nur diejenigen Belege sammeln, die ihre/seine vorab feststehende Meinung bestätigen. Oder ihre/ seine Anwesenheit „im Feld“, etwa durch teilnehmende Beobachtung oder Interviewführung, könne das Verhalten der untersuchten Akteure beeinflussen und damit die Befunde verfälschen. Dies soll in neo-positivistischer Forschung etwa durch starre Umfrageinstrumente ausgeräumt werden (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 96–97). Für Schwartz-Shea und Yanow (2012, S. 111) gibt es kein „unverfälschtes“ oder authentisches Verhalten der Forschungsteilnehmenden, da jegliches menschliches Handeln in ein Netz aus unzähligen Machtverhältnissen eingebunden sei. In einem interpretativen Verständnis werden Daten zudem zwangsläufig ko-generiert. Das feedback aus dem Feld auf erste Untersuchungsergebnisse ( member check) wird dementsprechend als Gütekriterium interpretativer Forscher angeführt. Dabei gehe es nicht um die Korrektur „falscher“ Fakten, sondern darum, die Komplexität der Beschreibung durch implizites Wissen und kontextspezifisches Vokabular zu erhöhen (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 106). Die Reflexivität gegenüber dem eigenen sense-making (Sinn-Stiftung) und ein Nachdenken darüber, wie die eigene Person, sei es ihr Geschlecht oder ihre Milieuzugehörigkeit, die Forschungsergebnisse beeinflusst, zählen ferner zu den interpretativen Gütekriterien, insbesondere beim Einsatz von ethnographischen Methoden (siehe hierzu Abschn. 3.11). Tabelle 1.1 fasst die zentralen Unterschiede zwischen interpretativer und neo-positivistischer Forschung zusammen.

Tab. 1.1 Gegensätzliche Zugänge interpretativer und neo-positivistischer Forschung. (Quelle: Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 113, eigene Übersetzung und Veränderung)

Interpretative Arbeiten

Neo-positivistische Arbeiten

Forschungsorientierung

Sinnbildung

Messung

Kontextbezogenheit

Generalisierbarkeit

Dichte Beschreibung

Prognosen

„Wie“und „Wodurch“-Fragen

Kausale Logik

„Warum“-Fragen

Forschungsdesign

Abduktive Forschung, iterativ,

rekursiv

Deduktive (seltener induk-

tive) Forschung

Ausgehend von Vorkenntnissen und Spannung zwischen Erwartetem und Beobachtetem

Klarheit des Modells, vorherige Erfahrungen gelten als unwichtig oder schlimmstenfalls verzerrend

Zirkulärer Prozess

Linearer Forschungsprozess, fixiertes Design, Kontrolle

Anpassung des Designs im Laufe der Forschung möglich

Teilnehmende als Subjekte, Informanten; Forscherin als Expertin des Themenfeldes

Teilnehmende als Akteure mit wertgeschätztem lokalen Wissen

Objektivität

Forschungsprozess

Informiertes vorläufiges

sense-making, ausgehend von Vorkenntnissen

Theorien> Konzept > Hypothesen > Variablen

Untersuchend

Testend

Zugangsfragen, Auswahl der Dokumente, Akteure, Archive

Fallauswahl, Zugang zweitrangig

Im Feld

Bottom up, Konzept wird an Ort und Stelle entwickelt

Sampling

Akzeptanz von lokalen Konzepten

A priori Konzeptbildung

Suche nach Intertextualität

Operationalisierung

Wandel der Forschungsfrage würde neues Design und neue Untersuchung nach sich ziehen

Analyse

Hermeneutische Sensibilität

Verifikation/Falsifikation

Kohärenz

Feststellung von Korrelationen und weiteren objektiven Zusammenhängen, Kontrolle von intervenierenden Variablen und singulären Konstellationen

Logische Argumentation

Tab. 1.1 (Fortsetzung)

Interpretative Arbeiten

Neo-positivistische Arbeiten

Bewertungsstandards

Vertrauenswürdigkeit

Validität, Reliabilität, Replizierbarkeit

Systematik

Stringenz

Reflexivität, Transparenz, Auseinandersetzung mit eigener Positionalität

Objektivität

  • [1] Der Positivismusstreit bezeichnet eine in den 1960er Jahren insbesondere im deutschsprachigen Raum zwischen Vertretern der Kritischen Theorie auf der einen und Vertretern des Kritischen Rationalismus auf der anderen Seite ausgetragene Debatte über Werturteile und Methoden der Sozialwissenschaften
 
< Zurück   INHALT   Weiter >