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1.7 Zusammenfassung

Post-positivistische Arbeiten unterscheiden sich von traditioneller Policy-Forschung zunächst durch unterschiedliche erkenntnistheoretische Überzeugungen und damit einhergehende andere Forschungsdesigns und Vorstellungen von der eigenen Rolle als Forscherin. Positivistischen Arbeiten im weiteren Sinne geht es um die Entdeckung von Gesetzmäßigkeiten, die nicht nur erkannt werden können, sondern auch universal gelten. Zu diesem Zweck ist eine Beobachtung aus der Vogelperspektive möglich und erstrebenswert. Aus interpretativer Sicht ist die soziale Welt hingegen durch die Zentralität von Deutungen und Interpretationen geprägt. Diese sind wiederum stark kontextspezifisch, sodass ein Streben nach „Objektivität“ und das Außerhalbstehen der Forschenden weder möglich noch gewünscht sind (Yanow 2007, S. 407). Eine solchermaßen aufgestellte Policy-Analyse ist somit nicht ausreichend als „qualitative Forschung“ charakterisiert, sondern durch andere Erkenntnisinteressen und damit einhergehende Forschungsdesigns gekennzeichnet, die gänzlich anderen Gütekriterien unterliegen. Von Ansätzen der Mainstream-Policy-Forschung unterscheiden sich post-positivistische Arbeiten aber vor allem auch durch ihre abweichenden Fragestellungen, die sich aus dem Fokus auf Interpretationen und die diskursive Konstruktion politischer Realitäten und Handlungsbedarfe ergibt. Die zwei Grundannahmen, dass Wirklichkeit sozial und sprachlich konstruiert und Politik als Kampf um Bedeutung und Ideen zu verstehen ist, vereinen ein weites Spektrum von Unterströmungen interpretativer Policy-Analyse, die zwischen den Polen eines interpretativ-hermeneutischen und eines poststrukturalistischen Ansatzes anzusiedeln sind.

Auf diesen zweiten Grundgedanken von Politik als Kampf um Ideen wird im folgenden Kapitel noch einmal dezidiert eingegangen, indem Schlüsselgedanken der interpretativen Policy-Analyse zu Ideen und Wissen und dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik vorgestellt werden.

Für eine ausführliche Darstellung der deutschen und amerikanischen Kritik an der Policy-Forschung:

• Hartwich, Hans-Hermann (Hrsg.) (1985): Policy-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

• Héritier, Adrienne (1993): Einleitung Policy-Analyse. Elemente der Kritik und Perspektiven der Neuorientierung, In: Héritier, Adrienne (Hrsg.), PolicyAnalyse. PVS-Sonderheft 24/1993, Opladen: Westdeutscher Verlag, 9–36.

Das Gründungswerk der argumentativen Wende:

• Fischer, Frank/Forester, John (Hrsg.) (1993a): The argumentative turn in policy analysis and planning. Durham: Duke Univ. Press.

Deutschsprachige Überblicksartikel

• Saretzki, Thomas (2003): Aufklärung, Beteiligung und Kritik: Die „argumentative Wende“ in der Policy-Analyse, In: Schubert, Klaus/Bandelow, Nils C. (Hrsg.), Lehrbuch der Politikfeldanalyse. München, Wien: R. Oldenbourg Verlag, 391–417.

• Saretzki, Thomas (2012): The „argumentative turn“ revisited: Demokratisierung von Policy-Analysen in partizipativen Projekten und diskursiven Designs?, In: Egner, Björn/Haus, Michael/Terizakis, Georgios (Hrsg.), Regieren. Festschrift für Hubert Heinelt. Wiesbaden: Springer VS, 57–74.

• Pülzl, Helga/Wydra, Doris (Hrsg.) (2011): Schwerpunkt: Public Policy Analysis und die interpretative Wende. 4/2011, ÖZP.

Epistemologische und methodologische Grundlagen interpretativen Forschens:

• Schwartz-Shea, Peregrine/Yanow, Dvora (2012): Interpretive research design: concepts and processes. New York: Routledge.

• Yanow, Dvora (2000): Conducting interpretive policy analysis. Thousand Oaks: Sage.

Folgende Mailinglisten liefern einen Einblick in aktuelle Debatten und dienen dem Austausch unter interpretativ arbeitenden Forscherinnen und Forschern:

• lists.digital-discourse.org/listinfo.cgi/interpretationandmethods-digital-

discourse.org

• lists.digital-discourse.org/listinfo.cgi/cps-digital-discourse.org

 
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