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2 Der„Kampf um Ideen“ und Wissen als Grundgedanke

Während die Policy-Analyse die in Kap. 1 dargelegte Prämisse einer sprachlich konstruierten Wirklichkeit mit anderen interpretativen Ansätzen in den Geistesund Sozialwissenschaften teilt, kennzeichnet ihre zweite, im folgenden Kapitel behandelte Grundüberlegung ihr spezifisch interpretativ-politikwissenschaftliches Forschungsprogramm: Mit Deborah Stone (2002, S. 11) wird der „struggle over ideas“, der Kampf um Ideen, zur Essenz der Politik erklärt. Ideen und Wissen gehören damit zu den zentralen Untersuchungsgegenständen interpretativer Policy-Analyse. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten, denn nicht jede Forschung, die mit „Ideen“ arbeitet, teilt damit automatisch post-positivistische Grundannahmen. Das folgende Kapitel beleuchtet die Rolle von Ideen in der Policy-Analyse im Allgemeinen (2.1), stellt die Unterschiede zum Ideenbegriff der interpretativen Policy-Forschung heraus (2.2) und führt mit den Begriffen „Wissen“ (2.3) und dem Ansatz der „Wissenspolitologie“ (2.4) einen spezifisch deutschen Schwerpunkt der interpretativen Policy-Analyse ein. Es schließt mit den zentralen Debatten einer interpretativen Expertiseforschung (2.5), die sich für die Grenzziehungen zwischen Politik und Wissenschaft und die gesellschaftliche Zuschreibung von epistemischer und politischer Autorität, von Deutungsund Entscheidungsmacht interessiert.

2.1 Die„Ideenlosigkeit“ rationalistischer Ansätze

Interpretative Ansätze beziehen ihr Selbstverständnis und die Betonung von Ideen vor allem aus einer Abgrenzung gegenüber anderen Zugängen: Sie richten sich in erster Linie gegen Rational-Choice-Theorien und deren Annahme, dass soziale Handlungen direkt instrumentell und auf Interessenmaximierung ausgerichtet sind, sowie gegen die Annahme, dass Präferenzen als fest vorausgesetzt und individuellen Akteuren zugeschrieben werden könnten (Finlayson 2007, S. 546). Majone (1989), auf den die argumentative Policy-Forschung regelmäßig Bezug nimmt, kritisierte an der konventionellen Policy-Forschung, dass Veränderungen von Politikinhalten vor allem auf gewandelte ökonomische Bedingungen, Gruppendruck, neue Technologien und institutionelle Änderungen geschoben würden und die Rolle von Ideen, Wertvorstellungen, Argumenten und Überzeugungen vernachlässigt werde. Allerdings seien, so Majones These, Policy-Deliberation und Policy-Ideen dann am wichtigsten, wenn sich staatliche Entscheidungen auf Fragen der Effizienz erstrecken, also auf solche Politikfelder, die sich auf die Erhöhung der Wohlfahrt für die Gesamtbevölkerung beziehen. Ideen blieben gegenüber Macht und Interesse wirkungslos, wenn es um ein Nullsummen-Spiel gehe. Dass Politik mittels Ideen solange vernachlässigt worden sei, liege an der Konzentration auf redistributive Policies durch die Theorien des Neo-Pluralismus und Neo-Korporatismus (Majone 1993, S. 97).

Laut Colin Hay (2002, S. 196) bietet der Rationalismus keinen Platz für Ideen, da er das Verhalten von Akteuren als vorhersehbar je nach Kontext wahrnehme. Wenn Akteure rational sind und es nur einen Weg des rationalen Handelns zur Verfolgung gesetzter Präferenzen je nach Kontext gibt, langt die Analyse des Kontextes, um politisches Verhalten und damit Politikergebnisse vorherzusagen. Entsprechende Arbeiten gingen dabei von zwei „bequemen Annahmen“ aus: Akteure verfügen über perfekte Informationen, und materielle Interessen sind insofern gegeben, als zwei identisch positionierte Akteure nicht nur die Interessen teilen, sondern diese auch gleich wahrnehmen. Der Behavioralismus, der sich für eine an den Naturwissenschaften orientierte Suche nach Regelmäßigkeiten im politischen Handeln ausspricht, würde Ideen vernachlässigen, weil sie nicht messbar, sondern vage, amorph und ständig im Wandel begriffen seien (Hay 2002, S. 197).

 
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