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2.2 Ideen in der variablenbasierten Forschung und als eigenständiger Untersuchungsgegenstand

Das Interesse an Ideen ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal post-positivistischer Forschung und kann zu Missverständnissen führen, wenn Ansätze, die mit „Ideen“ arbeiten, automatisch für interpretativ gehalten werden (für einen Überblick siehe Maier 2003). Was als „ideational turn“ (Blyth 1997) bezeichnet wird, ergänzt häu-

fig lediglich Rational-Choice-Ansätze, ohne deren Grundannahmen zu hinterfragen (Finlayson 2007, S. 547). Ideen spielen auch im Neo-Institutionalismus (Hall 1986), beim Policy-Lernen und bei Paul A. Sabatiers Advokaten-Koalitionen eine Rolle, werden hier aber auf eine Variable neben anderen mit Einfluss auf das policy-making reduziert (Gottweis 2006, S. 464).

In einer neo-positivistischen Verwendung des Ideenbegriffs betrachten beispielsweise Goldstein und Keohane (1993) Ideen im Feld der Internationalen Beziehungen als road maps, die Akteuren in einer komplexen Welt instrumentalistisch dabei helfen, ihren eigenen Präferenzen zu folgen. Neben dieser Handlungserleichterung durch eine Verengung der Wahlmöglichkeiten konzipieren sie Ideen zweitens als focal points, um kooperative Lösungen zu finden. In einem dritten Verständnis gelten Ideen als vermittelt über die Institutionen, in die sie eingebettet sind (Gofas und Hay 2010, S. 23–26), doch dann sind die Institutionen wichtiger als die Ideen. Oder Ideen dienen lediglich im Nachhinein zur Legitimation des außenpolitischen Handelns (Schmidt 2010, S. 7). Ausgangspunkt ist auch bei dieser Betrachtung das Eigeninteresse, wobei aus interpretativer Sicht ausgeblendet wird, dass Ideen im Sinne von normativen und sachlichen Angemessenheitsstandards häufig die Interessen selbst prägen. Bedeutende Weltsichten wie Individualismus, Fundamentalismus etc. seien zudem nicht durch Eigeninteresse zu erklären (Fischer 2003, S. 22–23).

Auch neuere institutionalistische Ansätze öffnen sich zaghaft gegenüber Ideen und Diskursen, vor allem in einem von Vivien Schmidt als discursive institutionalism bezeichneten Strang (Nullmeier et al. 2010, S. 78). Während der Rational-ChoiceInstitutionalismus dank seiner Vorstellung strategisch handelnder Akteure mit festen Präferenzen am widerständigsten gegenüber Ideen sei (Schmidt 2010, S. 4) und auch der historische Institutionalismus Schwierigkeiten habe, Wandel endogen zu erklären (Schmidt 2010, S. 10), habe der soziologische Institutionalismus eine Öffnung gegenüber Ideen vollzogen, denn er blicke auf die Formen und Praktiken institutionellen Lebens, die aus kulturell spezifischen Praktiken und Logiken der Angemessenheit erwachsen. Ideen seien hier zwar inhärent als Normen und Bedeutungssysteme, es werde aber nicht beleuchtet, wie neue Ideen sich behaupten können, welche Gründe und welches timing für Wandel es gebe (Schmidt 2010, S. 14).

Der diskursive Institutionalismus hingegen betrachtet Ideen auf verschiedenen Ebenen, als Policy-Ideen, Paradigmen oder philosophische Ideen, als kognitive und normative Ideen sowie ihre Darstellung im Diskurs. Diskurs wird bei Schmidt (2010, S. 15) zum „exchange of ideas“, zum Austausch von Ideen, und bleibt damit hinter dem umfassenderen Diskursbegriff interpretativer Arbeiten zurück (siehe Abschn. 3.4). Es geht bei Schmidt aber nicht nur um die Kommunikation von Ideen, sondern auch um ihren institutionellen Kontext, um die beschränkenden Strukturen und ermöglichenden Bedeutungskonstruktionen, die von wahrnehmungsfähigen Akteuren internalisiert seien. Diese hintergründigen ideellen Fähigkeiten (background ideational abilities) von denkenden und sprechenden Akteuren erklären danach, wie diese Akteure Institutionen begründen und erhalten, während ihre vordergründigen diskursiven Fähigkeiten (foreground discursive abilities) ihnen ermöglichen, kritisch über diese Institutionen zu kommunizieren und sie zu ändern. Auch wenn Vivien Schmidt (2010) im Titel eines Journal-Artikels einfordert, Ideen und Diskurse ernst zu nehmen, um politischen Wandel erklären zu können, bleiben beide bei ihr eine eher weiche Kategorie, die zuweilen eine Rolle spielt, zuweilen aber auch nicht. Die Annahme, Diskurse „reflektierten“ lediglich Interessen, steht zudem im Widerspruch zu konstruktivistischen Prämissen, wonach Interessen durch Kommunikation und Diskurs konstituiert sind (Nullmeier et al. 2010, S. 79).[1]

Schmid und Straßheim (2003, o.S.) versuchen mit einer Dreiteilung Licht in die unübersichtliche Forschungslandschaft zu bringen, die zugleich verdeutlicht, dass nicht alle ideenbezogenen Arbeiten dem interpretativen Paradigma zuzuordnen sind:

• An erster Stelle stehen eher deduktive, nicht konstruktivistische Arbeiten mit einem besonderen Interesse am Verhältnis von Interessen, Institutionen und Ideen,

• zweitens nennen sie Theorien und Modelle des Policy-Lernens sowie

• drittens jene verschiedenen Ansätze, die sich einer wissenspolitologischen und interpretativen Richtung zuordnen lassen und im vorliegenden Lehrbuch im Mittelpunkt stehen.

Insbesondere der erste und der dritte Ansatz unterscheiden sich darin, ob Ideen als Explanans (das Erklärende) oder als Explanandum, also als das zu Erklärende fungieren.

In der ersten Gruppe von Arbeiten werden Ideen als eine zusätzliche Kategorie von unabhängigen, Politik-Ergebnisse erklärenden Variablen behandelt. Demnach gibt es unter bestimmten Bedingungen einen Zusammenhang zwischen Ideen als Ursache und Policies als deren Folge. Relevante Hypothesen beziehen sich auf die Filter-Funktion von Institutionen, den ideenund innovationsfreundlichen Effekt von Unsicherheit sowie auf den unterschiedlichen Einfluss von Ideen im Vergleich verschiedener Phasen des Policy-Zyklus. Die Natur dieses Bedingungsverhältnisses ist jedoch ebenso ungeklärt wie die zum Nachweis seiner Wirksamkeit geeigneten Verfahren (Maier 2001, S. 541–542).

Benz (1997, S. 21) weist darauf hin, dass Ideen als erklärende Faktoren das Risiko bergen, dass diese weiche Kategorie erklären soll, was messbare Faktoren nicht erklären können. Die Frage, wann Ideen einen Einfluss auf Policies haben sowie die mit dieser Fragestellung einhergehende Falsifizierungsstrategie setzen nämlich voraus, dass Ideen als erklärende Variable von anderen Einflussfaktoren unterschieden werden können. Viele Arbeiten schließen dabei von der Untersuchung einzelner Fälle auf die Gesamtheit, ohne die Voraussetzung für eine Generalisierung zu prüfen. Doch auch in den Untersuchungen, in denen lediglich gefragt wird, ob Ideen überhaupt einen Einfluss hätten, zeigen sich methodische Schwächen, etwa wenn der Ideenbegriff verkürzt und beispielsweise nur auf bestimmte Gruppen gewendet wird, wie etwa auf Wissenschaftler im Gegensatz zu Politikern, oder wenn nur neue, im Gegensatz zu alten, bereits institutionalisierten Ideen Betrachtung finden (Maier 2001, S. 543). Ähnlich kritisieren Andreas Gofas und Colin Hay (2010, S. 47), dass Ideen zu häufig Theorien ergänzen würden, die keinen ontologischen oder epistemologischen Raum dafür hätten und Ideen lediglich zu Hilfsvariablen machten, die der Erklärung von Restvarianzen dienten und selbst nicht systematisch konzeptuell eingebunden seien. Für das vorliegende Lehrbuch sind derartige Forschungsdesigns nicht relevant, da sie mit ihrem variablenbasierten, allgemeine Hypothesen testenden Forschungsdesign eine „neo-positivistische“ Epistemologie vertreten, die von den interpretativen Arbeiten gerade in Frage gestellt wird.

Die zweite Gruppe, die Lerntheorien, beschäftigt sich mit Fragen nach den Ursachen, Bedingungen und Effekten eines Wandels politischer Wahrnehmung von und zwischen Individuen, Organisationen oder Gruppierungen (Schmid und Straßheim 2003), wobei die Lernmetaphorik mit ihren rationalistischen und affirmativen Untertönen eine positive Veränderung in Richtung Problemlösung suggeriert (Maier et al. 2003, S. 14). Die Rahmung als „Lernen“ betont die Fähigkeit von Politikerinnen und Politikern, Entscheidungen auf Grundlage bestimmter Erfahrungen und Erkenntnisse zu treffen und nicht allein auf Grundlage des Drucks der Wähler oder anderer Institutionen (Fischer 2003, S. 33). Die in dieser Gruppe einflussreichsten Arbeiten sind mit dem Advocacy-Coalition-Ansatz nach Sabatier und Jenkins-Smith (1993) verbunden, der als Alternative zum Policy Cycle entwickelt wurde. Trotz seines Interesses an Überzeugungen und Deutungen fällt dieser Zugriff durch sein Festhalten an einem zweistufigen Erklärungsmodell mit der Annahme exogener Variablen aus dem Umfeld interpretativer Arbeiten heraus (Nullmeier 1997, S. 111). Frank Fischer (2003, S. 94), ein zentraler Protagonist der interpretativen Wende, wirft ihm sogar vor, ein rigoroser Aufruf zur Erneuerung einer theoriefernen „empirizistischen“ Forschungsagenda zu sein. Paul A. Sabatier selbst hat diese Trennung unterstrichen: In seinem 1999 herausgegebenen Sammelband „Theories of the Policy Process“ nimmt er explizit die „Konstruktivisten“ mit der Begründung aus, dass ihre Arbeiten nicht falsifizierbar seien. Erst mit der zweiten Auflage 2007 wurde dies korrigiert (Pierce et al. 2014, S. 1). Da er in deutschsprachigen Arbeiten zuweilen in einem Atemzug mit post-positivistischen Traditionen genannt wird, sollen unter 4.5 die zentralen Unterschiede zwischen seinen Advokaten-Koalitionen und den Diskurskoalitionen des interpretativen Policy-Forschers Maarten Hajer herausgearbeitet werden.

In der interpretativen Policy-Forschung geht es im Gegensatz zur ersten Gruppe nicht um die kausale Bedeutung von Ideen oder Wissen gegenüber Institutionen, Interessen oder ökonomischen Lagen. Politikverläufe sind in diesem Verständnis durchweg von Situationsinterpretationen, also Ideen, Normüberzeugungen, kurz durch das Wissen der Akteure geprägt. Diese Ideen sind keine isolierbaren Faktorenkomplexe (Nullmeier 2013, S. 22–23). Auch Interessen werden in diesem Verständnis nicht als selbstverständlich gegeben vorausgesetzt, sondern als historisch veränderbare, kontextgeprägte und durch spezifische Wissenselemente konstituierte Handlungsmotivation analysiert (Nullmeier 2013, S. 25). Hinter dem Begriff „Idee“ verbergen sich laut Fischer (2003, S. 24) verschiedene kognitive Prozesse:

Ideas can be statements of value or worth; they can specify causal relationships; they can be solutions to public problems; they can be symbols and images, which express public and private identities; and ideas can be world views and ideologies. Theorists not only differ in the extent to which they think ideas influence or constitute actions, they refer to different things when they talk about ideas.

Der Begriff Idee kann also sowohl die Kognitionen von Individuen bezeichnen (Maier 2003, S. 28), als auch überindividuelle Strukturen im Sinne geteilter oder zumindest hegemonialer Überzeugungen (Maier 2003, S. 55).

Forschungsbeispiel

Wie können interpretative Arbeiten aussehen, die „Ideen“ in den Mittelpunktrücken? Im Feld der Internationalen Beziehungen kritisieren Richard Priceund Nina Tannenwald (1996) an rationalistischen Erklärungen für erfolgreicheAbschreckung, die Staaten als einheitliche Akteure mit exogen gegebenenInteressen begreifen, dass diese den Nichteinsatz von Chemiewaffenin all denjenigen Fällen nicht erklären könnten, in denen kein Rückschlagzu befürchten war und in denen ein Einsatz von Chemiewaffen sogar militärischeVorteile gebracht hätte (Price und Tannenwald 1996, S. 117). Daherschlagen sie eine genealogische Untersuchung vor, die die Kontingenz undVeränderung von Normen unterstreicht. Die Frage lautet, wie bestimmteWaffen mit bestimmten Ideen und Bedeutungen behaftet werden, wie dieseZuschreibungen historisch entstehen und wie dadurch die Wahrnehmungenvon Interessen und die Identitäten der Akteure geprägt werden (Price undTannenwald 1996, S. 115). Chemiewaffen, so ihr Argument weiter, würdenals Waffen sui generis konstruiert und mit Tabus der Nutzung behaftet,obwohl andere, die als konventionell gelten, mehr Zerstörung anrichten können(Price und Tannenwald 1996, S. 122).

  • [1] Für jüngere Arbeiten der Autorin gilt dies in deutlich geringerem Maße (siehe Schmidt 2012)
 
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