< Zurück   INHALT   Weiter >

Kritik

Eine Schwierigkeit des argumentative turn insgesamt geht mit dem stark normativen Anspruch des Zugangs einher. Durnings (1995, S. 102) Kritik am Sammelband von Fischer und Forester (1993a), einige Kapitel seien zu stark getrennt von der Realität der professionellen Policy-Analyse, dürfte damit zusammenhängen, dass häufig unklar bleibt, ob die Ausgangsannahmen auf dem beruhen, was Policy-Analyse ist, oder eher auf dem, was sie sein sollte.

Den Arbeiten des argumentative turn wird zudem entgegengehalten, ob der politische Prozess tatsächlich nur durch Argumentation und Überzeugung bestimmt werde und nicht vor allem auch durch Verhandeln (Saretzki 2003, S. 413), also einen Modus, in dem durch Drohungen, Versprechungen oder die Verknüpfung verschiedener Themenfelder ein Ergebnis erzielt wird. [1] Ein gefundener Konsens müsse schließlich nichts mit der Überzeugungskraft der Argumente zu tun haben, sondern kann durch Hierarchien überlagert werden (Dryzek 1993, S. 227). Damit verbunden ist die Frage, ob die Argumentationsanalyse nicht um eine Untersuchung des Kontextes ergänzt werden müsse, um die Rahmenbedingungen für die spezifische Auseinandersetzung zu erfassen (Saretzki 2003, S. 452).

Forschungsbeispiel

Unter expliziter Bezugnahme auf die Wissenspolitologie nach Nullmeier und Rüb (1993; siehe 2.4) untersuchen Bleses, Offe und Rose (1997) verschiedene Argumentationsmuster anhand von öffentlichen Gesetzgebungsdebatten des Bundestages in der Arbeitsmarktund Familienpolitik. Dabei analysieren sie das Repertoire von Rechtfertigungen, um einen Wandel über den Zeitraum 1967 bis 1994 untersuchen zu können. Sie unterscheiden vier Argumentationsmuster, die sie im Zeitverlauf und im Unterschied zwischen verschiedenen Parteizugehörigkeiten miteinander vergleichen:

• solche „material-wertethischen Argumente“, die das „Gute“ betonen,

• solche „moralisch-prinzipiengesteuerten Argumente“, die an bestimmte Gerechtigkeitsvorstellungen appellieren und

• solche, die den kollektiven Nutzen einer Maßnahme betonen (Bleses et al. 1997, S. 511–512).

Dabei zeigen sie Unterschiede nach Regierungswechseln sowie Unterschiede im Argumentationsrepertoire zwischen Volksparteien und kleineren Parteien des Bundestages auf. Letztere neigten stärker zu einem Argumentationstyp, nämlich zu moralisch-prinzipiengestützten Argumenten – anstatt wie die Volkparteien alle Muster zugleich zu bedienen (Bleses et al. 1997, S. 526). Insgesamt zeichnen sie einen Wandel hin zum verstärkten Einsatz von Konstruktionen der Alternativlosigkeit nach (Bleses et al. 1997, S. 523).

  • [1] Dass Argumentieren ohne Verhandeln, Verhandeln aber nicht ohne Argumentieren möglich ist, unterstreicht Saretzki (1995)
 
< Zurück   INHALT   Weiter >