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3.4 Diskurse im Verständnis der interpretativen Policy-Analyse

Während die Öffnung der US-amerikanischen Policy-Forschung für Formen der Konstruktion von Wirklichkeit mit einer Etablierung des Diskursbegriffes einhergegangen ist, hat sich die Inspiration der kulturalistischen Wende in der deutschsprachigen Disziplin zunächst eher unter den Schlagworten „Wissen“ und „Ideen“ niedergeschlagen (Kerchner und Schneider 2006, S. 11; Nullmeier 2001, S. 286, siehe Kap. 2, für das Folgende siehe auch Münch 2010, S. 118–119). Der inflationäre Gebrauch des Diskursbegriffes in der Alltagssprache hat nicht nur in der deutschen Politikwissenschaft, sondern auch in ihren Nachbardisziplinen zur Skepsis gegenüber sprachbasierten Verfahren beigetragen. Die Besonderheit für die Politikwissenschaft besteht indes darin, dass sich die systematische Rezeption von Diskursanalysen noch bis in das neue Jahrtausend hinein weitgehend in der Konstituierungsphase befand. Verschiedene Gründe sind für die weitgehende Vernachlässigung verantwortlich:

• Zum einen gelten die deutschen Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler generell als „Methodenmuffel“ (von Alemann und Tönnesmann 1995,

S. 18). Nullmeier konstatiert eine „hohe Abstinenz gegenüber Methodenreflexion jenseits der Wahlund Einstellungsforschung“ (Nullmeier 2001, S. 285).

• Hinzu kommt im Gegensatz zur Soziologie eine geringere Vernetzung mit Disziplinen wie Sprachwissenschaft und Ethnologie, in denen sich diskursanalytische Verfahren schon länger etabliert haben (Nullmeier 2001, S. 285).

• Nullmeier nennt ferner die geringe Rezeption der weiter oben dargestellten post-positivistischen Ansätze (Nullmeier 2001, S. 285).

• Des Weiteren machen die Herausgeberinnen einer Einführung zur Foucault-Rezeption in der Politikwissenschaft eine disziplinspezifische Foucault-Rezeption für den Nachholbedarf verantwortlich, da dieser in der Politikwissenschaft lange als Machttheoretiker und in geringerem Maße mit seinen Arbeiten zu Diskursen wahrgenommen worden sei (Kerchner und Schneider 2006, S. 11).

Es bleibt jedoch unklar, wie die Wahrnehmung der relevanten Akteure und ihre Kausalannahmen bei der Konstruktion und politischen Bearbeitung von Problemen, also „Ideen“ und „Wissen“, empirisch erfasst werden sollen, wenn nicht über eine Analyse des Gesagten in Form einer Diskursanalyse.

 
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