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3.4.2 Policy-Diskurse nach Maarten Hajer

Eine im engeren Sinne eigenständige „politikwissenschaftliche Diskursanalyse“ hat nach Einschätzung von Frank Nullmeier (2001, S. 289) „vielleicht am ehesten Maarten Hajer vorgelegt“. Hajer (2002, S. 63) definiert Diskurs als ein Ensemble von Ideen, Konzepten und Kategorien, durch die einem Phänomen Bedeutung gegeben wird. Von den Begriffen Diskussion und Deliberation grenzt er den Diskurs wie folgt ab: Diskussionen sind das Objekt der empirischen Analyse einschließlich der Schauplätze, an denen die Diskussion stattfindet. „Diskurs“ hingegen bezeichnet ein bestimmtes Muster, das über Diskussionen hinweg gefunden wird – der Begriff Diskurs ist daher für dasjenige reserviert, was vom Forschenden aufgedeckt wird. Der Ausdruck „Deliberation“ schließlich bezeichnet eine bestimmte Qualität einer Diskussion oder Debatte. Sie ist charakterisiert durch Offenheit, Gegenseitigkeit und Rechenschaft (Hajer 2002, S. 64).

Hajer (2002, S. 62) geht besonders offensiv mit der Herausforderung um, außersprachliche Elemente einzubeziehen, nämlich Wege zu finden, die Analyse der diskursiven Produktion von Realität mit der Analyse der sozio-politischen Praktiken zu verbinden, aus denen soziale Konstrukte entstehen und in die Akteure involviert sind. Eine zentrale Frage lautet für ihn, was der spezifische historische, kulturelle und politische Kontext ist, innerhalb dessen ein bestimmtes Verständnis von „Wahrheit“ entsteht (Hajer und Versteeg 2005, S. 176). Damit grenzt er sich von einer Diskursanalyse ab, die Politikanalyse im Sinne quasi-autonomer pragmatisch-linguistischer Sprachspiele betreibt, die weitgehend unabhängig sind von den sozialen Praktiken, aus denen sie hervorgehen (Hajer 2004, S. 274).

Hajer (1993, 1995, 2002, 2003, 2004) plädiert für eine mehrstufige Vorgehensweise, die neben der Sprachund Textanalyse auch die diskursspezifischen Akteurskonstellationen analysiert. Dafür führt er das Konzept der Diskurskoalitionen ein als „a group of actors who share (…) an ensemble of ideas, concepts, and categories through which a given phenomenon is politically framed and given social meaning“ (Fischer und Forester 1993b, S. 8–9; zu Diskurskoalitionen siehe auch 4.5). Hajers Diskursanalyse (2002, S. 103–105) umfasst drei Elemente:

1. Der erste Schritt beinhaltet die Untersuchung der sprachlichen Ebene des Policy-Diskurses. Dieses Aufweisen von Bedeutungsstrukturen zielt vor allem darauf ab, Einseitigkeit in den Diskussionsbeiträgen und Programmformulierungen zu dokumentieren. Damit wird aber nicht die Position vertreten, dass Diskurse sich einfach für die Realisierung vorgegebener, objektiver Interessen der Akteure instrumentalisieren lassen. Im Gegenteil muss davon ausgegangen werden, dass Interessen erst im Diskurs durch die Zuteilung von Positionen und Erzählfäden entstehen bzw. eingenommen werden (Blatter et al. 2007, S. 102). In späteren Texten schlägt Hajer für diesen ersten Punkt drei Unterschritte vor: erstens die Analyse von storylines, Mythen und Metaphern im Diskurs, zweitens die Untersuchung des Policy-Vokabulars und drittens die Rekonstruktion von epistemischen Grundüberzeugungen. Storylines stellen in der Policy-Debatte Verbindungen zwischen einzelnen Argumenten und Sachverhalten her und machen die Verdichtung einer komplexen Problemmaterie auf einzelne Begriffe oder Leitsätze möglich (Schneider und Janning 2006, S. 181). Mit dem Begriff der storyline als generative und stark kondensierte Form eines Narrativs entfernt sich Hajer von den stärker literaturwissenschaftlich orientierten Erzähltheorien. Nach Einschätzung von Gottweis (2006, S. 470) weist der Begriff Ähnlichkeiten zu Laclau und Mouffes Kernbegriff des empty signifier ohne dichte Bedeutung auf (siehe 3.4.3). Die zweite Stufe, die Untersuchung des konkreten Policy-Vokabulars, „refers to sets of concepts structuring a particular policy, consciously developed by policymakers“ (Hajer 2003, S. 105). Gemeint ist die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Ansätzen und Erklärungsmodellen, die die Policy-Akteure zur Legitimation ihrer Vorschläge und Sichtweisen heranziehen. Die dritte Schicht, die epistemischen Grundüberzeugungen, betrifft demgegenüber noch grundlegendere und kaum offen zugestandene Leitbilder und Denkstrukturen, die bei der Wahrnehmung eines Problems und beim Erwägen potenzieller Problemlösungen zum Tragen kommen (Blatter et al. 2007, S. 101).

2. Über diese sprachliche Dimension geht Hajer (1993, 1995) mit seinem zweiten Untersuchungselement, der Analyse der Formation von Diskurskoalitionen, hinaus. Politischer Wandel wird bei ihm als Folge einer Veränderung in den Diskurskoalitionen interpretiert (ausführlich siehe 4.5). Nach Hajer bilden Akteure aus verschiedenen sozialen Zusammenhängen eine Koalition, die versucht, eine bestimmte Definition eines Problems mit Hilfe von narrativen Darstellungen – Storylines – gegenüber anderen Problembeschreibungen durchzusetzen. Diskurskoalitionen sind dann erfolgreich, wenn sie nicht nur den diskursiven Raum um ein Problem dominieren, sondern ihre Problemwahrnehmung auch im Feld institutionalisiert wird, sie also Erfolg auf der materiellen Ebene der Problembearbeitung vorweisen können (Saretzki 2003, S. 412). Es ist jedoch fragwürdig, wie plausibel behauptet werden kann, dass sich einige Deutungen gegenüber anderen durchsetzen. Hiermit ist ein verbreiteter Vorbehalt gegenüber Diskursanalysen angesprochen: Hajers erste Komponente, die die kollektive Reichweite einer spezifischen Problemdeutung benennt, mit der Argumente benutzt werden, ist insofern problematisch, als sich Hajer doch qualitativer Verfahren bedient, die die Einschätzung dessen, welcher Diskurs dominant ist, allein der Wahrnehmung des Autors überlassen. Dennoch impliziert sie eine Operationalisierung als Häufigkeit (vgl. Schwab-Trapp 2004, S. 179).

3. Der dritte Untersuchungsschritt bezieht sich auf die institutionellen Praktiken. Zentral für die argumentative Diskursanalyse, wie Hajer sie entwickelt, ist die Forderung, sie nicht in Abgrenzung zu einer institutionellen Analyse zu verstehen. Nach seiner Definition ist Diskurs kein Synonym für Diskussion; die argumentative Diskursanalyse beschränkt sich nämlich nicht auf die Analyse des Gesagten. Explizit durch Foucault inspiriert, strebt sie danach, die institutionelle Dimension des Diskurses herauszuarbeiten. Sie untersucht, wo die Dinge gesagt werden, wie spezifische Sichtweisen in einer Gesellschaft strukturiert oder eingebettet werden können, während sie zugleich die Gesellschaft selbst strukturieren (Hajer 2004, S. 289).

 
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