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Kritik

Schneider und Janning (2006, S. 183) weisen auf die Grenzen der Diskursanalyse am Beispiel von Hajers (1995) Fallstudien zur niederländischen Umweltpolitik hin: Da der dominante umweltpolitische Diskurs so diffus war, konnten Regierungen mit unterschiedlicher Programmorientierung ihr Vorgehen darüber legitimieren, dabei aber unterschiedliche Instrumente einsetzen und verschiedene Ziele verfolgen. Der Diskurs der „ökologischen Modernisierung“ dominierte zwar die Diskussion, ohne jedoch deutliche Spuren auf der Ebene konkreter Maßnahmen zu hinterlassen. „Für Dryzek zeigt sich an diesem Beispiel, dass bestimmte Diskurse von politischen Akteuren auch instrumentell genutzt werden können – was voraussetzt, dass die Interessen der betreffenden Akteure von diesen Diskursen unabhängig sind“, also doch nicht erst im Diskurs entstehen, wie dies eine poststrukturalistische Sicht nahelegen würde (Maier 2001, S. 525). Hiermit verbunden ist die Frage, ob sich Diskurse also doch für die Interessen der Akteure instrumen- talisieren lassen, beziehungsweise wann wir es mit tatsächlichen Deutungsmustern der Akteure zu tun haben und nicht eher mit Rechtfertigungen oder der Verschleierung eigentlicher Beweggründe. Dieser Einwand ist jedoch nicht ganz zielführend, da aus poststrukturalistischer Sicht davon ausgegangen wird, dass es durchaus Interessen gibt, diese aber erst im Diskurs entstehen (s.o.). Die Diskursanalyse geht über die Zuschreibung objektiver Interessen hinaus und begreift Diskurse als Möglichkeitsraum. Die Frage lautet dann eher, welche Interessen Anerkennung finden und welche nicht:

The disciplinary force of discursive practices often consists in the implicit assumption that subsequent speakers will answer within the same discursive frame. Even if they do try to challenge the dominant story-line, people are expected to position their contribution in terms of known categories. (Hajer 1995, S. 57)

Ein weiterer Kritikpunkt ist mit epistemologischen Brüchen verbunden, die in Hajers Werk durchscheinen und wohl stellvertretend für zahlreiche diskursanalytische Zugänge sind. Maarten Hajer positioniert sich einerseits als Vertreter der interpretativen, sozialkonstruktivistischen Tradition (Hajer und Versteeg 2005, S. 176). Dementsprechend unterstreicht er, dass seine Diskursanalyse nicht verstanden werden sollte als eine Analyse, in der Akteure keine wichtige Rolle spielten. An anderer Stelle bezieht Hajer (2004, S. 289) jedoch seinen Zugang ausdrücklich auf Foucault und unterschlägt dabei die Differenzen zwischen einem hermeneutischen im Gegensatz zum poststrukturalistischen Umgang mit Aussagen und Äußerungen. Dabei bestehen aus methodologischer Sicht schwerwiegende Differenzen zwischen interpretativ-hermeneutischen Sozialforschung und der Diskursanalyse nach Foucault, die ein deutlich strukturalistisches Erbe aufweist (Kerchner 2006, S. 56; siehe auch Münch 2010, S. 90–92).[1]

  • [1] Im Prinzip betreibt Hajer damit den gleichen Versuch, den Reiner Keller (2005b) in seiner Entwicklung einer wissenssoziologischen Diskursanalyse expliziert hat, in der er die hermeneutische Wissenssoziologie mit Foucault zu verknüpfen sucht, wobei er von einer „Übersetzung“ zwischen Theoriesprachen spricht
 
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