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3.4.3 Poststrukturalistische Policy-Analyse

Während poststrukturalistische Ansätze im Gründungsband des argumentative turn (Fischer und Forester 1993a) nur schwach vertreten waren, hat sich das Spektrum innerhalb der interpretativen Policy-Analyse mittlerweile um diese Strömung erweitert (Braun 2014, S. 82). Auch wenn die sich so verstehenden Arbeiten durch ein Desinteresse am zentralen Anliegen der klassischen Hermeneutik, dem Ver- ständnis des subjektiv gemeinten Sinns, auszeichnen (Hülsse 2003, S. 227), werden sie unter dem Dach der interpretativen Policy-Analyse doch durch eine gemeinsame Philosophie zusammengehalten.

Als poststrukturalistische Policy-Forschung verstehen sich verschiedene Zugänge, die wie andere interpretative Arbeiten den Fokus darauf legen, wie durch Bedeutung menschliche Handlungen und soziale Institutionen im policy-making geprägt werden. Gleichermaßen sind die Arbeiten daran interessiert, wie Bedeutung durch rivalisierende politische Kräfte in bestimmten policy settings kreiert und in Frage gestellt wird, und wie diese settings sich zu weiteren gesellschaftlichen Systemen und Machtverhältnissen verhalten (Howarth und Griggs 2012, S. 306). Dabei geht es den poststrukturalistischen Policy-Analysen vor allem um Praktiken der Artikulation[1] als Möglichkeitsbedingung des Kampfes um politische Hegemonie. Die soziale und politische Realität wird als radikal konstruiert, kontingent und unabschließbar begriffen. Die Aufgabe der Analyse besteht in der Destabilisierung der vermeintlichen Abschließbarkeit der sozialen Welt (Braun 2014, S. 96).

In den folgenden Abschnitten sollen die zentralen Schlüsselbegriffe einer poststrukturalistischen Policy-Analyse vorgestellt und erläutert werden. Da der Ansatz maßgeblich durch das Werk von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe (1985) gespeist wird, deren Werk je nach Gewichtung als Diskursoder als Hegemonietheorie oder als Theorie radikaler Demokratie rezipiert wird (Nonhoff 2007, S. 7), geht der Analyserahmen deutlich über eine Policy-Forschung im engeren Sinne hinaus. Auch wenn die beiden Autoren mehrfach für sich reklamiert haben, Diskurstheoretiker zu sein, handelt es sich vor allem um eine Sozialtheorie und Politische Theorie, „die das Soziale im Modus der Diskursivität verfasst sieht“ (Nonhoff 2007, S. 8). Die auch als Political Discourse Theory (PDT) bezeichnete Strömung ist aus Versuchen von Laclau und Mouffe (1985) hervorgegangen, inspiriert durch Antonio Gramsci und Louis Althusser einerseits und poststrukturalistische Überlegungen zur Rolle von Sprache andererseits, dem Klassenreduktionismus und ökonomischen Determinismus marxistischer Theorien zu begegnen. Seither sind zahlreiche, vor allem theoretische Schriften entstanden, die zuweilen als Essex School bezeichnet werden, da die meisten ihrer Vertreter wie Aletta Norval, Jason Glynos und David Howarth an der dortigen Universität beschäftigt waren oder sind. Insbesondere die älteren Arbeiten zeichnen sich durch ein sehr hohes Abstraktionsniveau und einen nicht immer leicht nachvollziehbaren, mit vielen Neologismen operierenden Schreibstil aus, der sich in den folgenden Abschnitten schwer vermeiden lässt.

  • [1] Bei der „Artikulation“ handelt es sich um eine Kategorie im Rahmen einer dialektischrelationalen Sicht des Sozialen und des sozialen Wandels, die Relationen stärker gewichtet als Einheiten. Einheiten werden durch Netzwerke von Relationen konstituiert, die sie in bestimmten Arten zusammen artikulieren. Sozialer Wandel wird als Prozess der Disartikulation bestehender Artikulationen verstanden und als deren Reartikulation, also als Positionierung in neuen Netzwerken der Relationen (Fairclough 2005, S. 68)
 
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