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Diskursverständnis der poststrukturalistischen Policy-Analyse

Welches Diskursverständnis liegt den poststrukturalistischen Arbeiten also genau zugrunde? Die poststrukturalistische Policy-Forschung fasst politische Programme wie beispielsweise soziale Inklusion, New Public Management, aber auch Institutionen und Verwaltungssysteme als mehr oder weniger sedimentierte Diskurssysteme. Diskurse sind in dieser Perspektive partiell fixierte Systeme von Regeln, Normen, Ressourcen, Praktiken und Subjektivitäten, die politisch durch die Konstruktion sozialer Antagonismen, also das Ziehen politischer Grenzen konstituiert werden (Howarth und Griggs 2012, S. 307).

Ein solches Diskursverständnis beinhaltet drei Dimensionen: Zum einen erweitern poststrukturalistische Arbeiten den Diskursbegriff über „texts and talks in context“ hinaus auf soziale Handlungen und politische Praktiken. Somit sind alle Objekte und sozialen Praktiken insofern diskursiv, als ihre Bedeutung von ihrer Artikulation innerhalb sozial konstruierter Systeme von Regeln und Unterscheidungen abhängt (Howarth und Griggs 2012, S. 308). Die poststrukturalistische Diskurstheorie geht nicht davon aus, dass alles Sprache sei, sondern konstatiert, dass die Eigenschaften von Sprache für alle bedeutungsvollen Strukturen gelten. Auch Institutionen wie Staaten können gefasst werden als mehr oder weniger sedimentierte Systeme von Diskurs, also als partiell fixierte Systeme von Regeln, Normen, Ressourcen, Praktiken und Subjektivitäten, die auf bestimmte Weisen verbunden sind.

This idea of the discursive as a horizon of meaningful practices and significant differences does not reduce everything to language or entail scepticism about the existence of the world. On the contrary, it circumvents scepticism and idealism by arguing that we are always internal to a world of signifying practices and objects. In other words, to use Heidegger's terminology, human beings are ‚thrown into' and inhabit a world of meaningful discourses and practices, and cannot conceive or think about objects outside of it. (Howarth und Stavrakakis 2000, S. 3)

Zentral für dieses Verständnis von Diskurs ist das Sprachspiel nach Ludwig Wittgenstein, das dieser wie folgt illustriert: Bauarbeiter A und sein Assistent B arbeiten mit bestimmten Bausteinen. Bauarbeiter A verlangt nach Steinplatte, Pfeiler und Balken und Assistent B reicht das so Benannte an. Diese Gesamtheit aus Sprache und Handlungen, mit denen sie verwoben ist, werden als Sprachspiel bezeichnet und als Mikrokosmos für das begriffen, was als Diskurs oder diskursive Struktur bezeichnet wird (Glynos et al. 2009, S. 7). Sprache, Handlungen und Objekte sind also verflochten in dieser Vorstellung von Diskurs (Howarth und Griggs 2012, S. 308). In Anlehnung an Dryzek (1997, S. 8) ist ein Diskurs ein geteilter Weg, sich die Welt anzueignen, der denjenigen, die sich ihm verschreiben, erlaubt, Informationen zu interpretieren und diese in kohärenten Erzählungen oder Einschätzungen zusammenzufügen. Dabei geht es aber nicht nur um Repräsentationen und Bedeutungssysteme in rein kognitiver und ideeller Hinsicht: Es gibt eine ontologische Kategorie innerhalb dieser Form der Diskurstheorie, wenn es um den Charakter der Objektivität und sozialen Beziehungen geht:

In this perspective, discourse functions as an ontological horizon, and this means that practices – and any other object which can be qualified as meaningful – are by definition discursive in character. (…) PDT is premised upon a negative ontology that foregrounds the radical contingency of social relations. By this is meant that any system or structure of social relations is constitutively incomplete or lacking for a subject. (Glynos et al. 2009, S. 9)

Zweitens geht dieses spezifische Verständnis von Diskurs auf Überlegungen des strukturalistischen Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure zur Sprache als Zeichensystem zurück. Saussure unterscheidet Signifikat, also das Bezeichnete oder den Inhalt des Zeichens, vom Signifikant, also dem Bezeichnenden. Der Zusammenhang zwischen diesen beiden, zwischen Konzept und Klang, ist arbiträr (beliebig) und durch keinerlei extralinguistische Realität garantiert. Eine Ausnahme bilden höchstens onomatopoetische, also lautmalerische Begriffe (Currie 2004, S. 9). „Form und Inhalt stehen demnach nicht in einem naturgegebenen Zusammenhang, sondern sind qua Konvention miteinander verbunden“ (Wrana et al. 2014, S. 34). Dementsprechend arbiträr ist, wie Sprache die Welt aufteilt; dies wäre anders möglich und würde zu einem anderen Blick auf die Welt führen. Zudem erhält ein Zeichen oder Wort in einer strukturalistischen Vorstellung seine Bedeutung nur in der Differenz zu anderen Zeichen. Die Bedeutung ist also nicht positiv gegeben, sondern entsteht erst durch Opposition (Currie 2004, S. 2). Der Begriff Liberalismus kann beispielsweise nur in seinem Verhältnis zu Konservatismus, Sozialismus oder Faschismus verstanden werden. Dementsprechend wichtig ist es, einzelne Bedeutungen oder Identitäten stets in ihrem Kontext zu analysieren (Torfing 2005, S. 14).

Die poststrukturalistische Policy-Forschung greift diese Betonung von Differenz auf und begreift Diskurs als relationale und auf Unterscheidungen basierende Konfiguration von Elementen, die Akteure oder Subjekte, Worte und Handlungen umfassen. Diese Elemente werden unverwechselbar und verständlich im Kontext einer bestimmten Praxis, in der jedes Element seine Bedeutung nur im Verhältnis zu den anderen Elementen erhält. Der Diskurs installiert damit eine bestimmte Art Kohärenz, indem benannte Dinge in ein zusammengesetztes Ganzes gebracht werden, wobei die Identitäten der Elemente sich verändern (Howarth und Griggs 2012, S. 308). Auch das bereits beschriebene Bild des Sprachspiels unterstreicht, dass Diskurse relationale Konfigurationen von Elementen sind, die Akteure (oder Subjekte), Worte und Handlungen beinhalten. Diese Elemente werden verständlich innerhalb des Kontextes einer bestimmten Praktik. Jedes Element erhält seine Bedeutung erst durch seine Beziehung zu den anderen. Dies ist nicht auf die Sphäre der Sprache beschränkt: „Auch Objekte, Subjekte, Zustände oder Praktiken ergeben erst im sozialen Relationsgefüge einen je spezifischen Sinn und sind insofern diskursiv strukturiert“ (Nonhoff 2007, S. 9).

Drittens, und im Unterschied zu strukturalistischen Annahmen, wird von poststrukturalistischen Arbeiten verneint, dass diese Strukturen fixiert und geschlossen existieren könnten. Erst die vorübergehende Verfestigung in Diskursen setzt die verschiedenen Elemente in eindeutigere Beziehungen und schreibt damit Bedeutungen genauer zu. Wichtig für diese Verfestigungen sind die Knotenpunkte ( nodal points), um die herum sich diskursive und soziale Formierungen ausbilden können. Diese Teilfixierungen gelten als Voraussetzung für Differenz und Sinnhaftigkeit (Nonhoff 2007, S. 9).

Die poststrukturalistischen Autorinnen und Autoren betonen die radikale Kontingenz und strukturelle Unentscheidbarkeit diskursiver Strukturen, da sie annehmen, dass alle Bedeutungssysteme unvollständig sind (Glynos et al. 2009, S. 8). Diskurse sind insofern unvollständige Systeme bedeutungsvoller Praxis, als sie auf dem Ausschluss bestimmter Elemente basieren. Zugleich sind diese ausgeschlossenen Elemente für die Identität des Diskurses notwendig. Der Diskurs des New Public Management beispielsweise basiert auf der Konstruktion von Antagonismen zur „alten Verwaltung“, impliziert somit politische Grenzen zwischen Insidern und Outsidern und schließt bestimmte Praktiken und Möglichkeiten aus. Jede Identität ist charakterisiert durch das, was Ernesto Laclau als Abgrenzung gegenüber einem „konstitutiven Außen“ bezeichnet (Howarth und Griggs 2012, S. 309). Diskurse sind daher insofern kontingent und veränderbar, als sie gegenüber denjenigen politischen Kräften verletzlich sind, die in ihrer Produktion ausgeschlossen waren. Zudem können Effekte von Ereignissen außerhalb ihrer Kontrolle auf sie einwirken (Howarth und Stavrakakis 2000, S. 4). Als Dislokation wird die Störung eines Diskurses sowie die jedweder Identität innewohnende Instabilität bezeichnet, die daraus entsteht, dass sie von einem Außen bestimmt ist, das sie verneint und von dem sie sich abgrenzt (Wrana et al. 2014, S. 124). Wagenaar (2011, S. 144) illustriert dies am Beispiel eines christlichen Fundamentalisten, der Abtreibung ablehnt und Abstinenz zur Vermeidung ungewollter Schwangerschaften propagiert: „But abstinence is by definition abstinence from something; in this case sexual activity, consummating the call of sexual desire. Through the medium of language the opposite position, that which we try to get away from, is always present, as a shadow, in our subconscious world.“

Ein Diskurs nach diesem Verständnis ist ein historisch spezifisches Bedeutungssystem, das die Identität von Objekten und Subjekten formt (Howarth 2000, S. 9). Damit einher geht die Ablehnung rationalistischer Ansätze in der politischen Analyse, die unterstellen, Akteure hätten gegebene Eigeninteressen und Präferenzen (Howarth und Stavrakakis 2000, S. 6). Die Arbeiten der Essex School stellen die radikale Kontingenz aller sozialen Verhältnisse in den Vordergrund. Das bedeutet, dass jedes System oder jede Struktur von sozialen Beziehungen konstitutiv unvollständig ist. Aus dieser Perspektive werden Praktiken durch eine Dialektik geregelt, die definiert ist durch unvollständige Strukturen einerseits und die kollektiven Handlungen subjektiver Identifikation, die diese unvollständigen Strukturen aufrechterhalten oder verändern andererseits (Glynos et al. 2009, S. 9).

 
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