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Hegemonie

Der Frage, warum sich Diskurse oder Policies verfestigen und warum andere verworfen werden, nähern sich die poststrukturalistischen Autorinnen und Autoren mit Rückgriff auf Antonio Gramsci einerseits und Ernesto Laclau und Chantal Mouffe andererseits. Sie argumentieren, dass Policy-Diskurse durch eine Vielzahl hegemonialer Operationen stabilisiert und herausgefordert werden, deren generelle Strukturen auf der Logik von Äquivalenz (der Gleichwertigkeit von Verschiedenem) und Differenz beruhen (Howarth und Griggs 2012, S. 310). Unter dem Begriff „Hegemonie“ wird gefasst, wie ein Regime, eine Praxis oder Policy über Subjekte herrscht durch eine Verknüpfung von Zustimmung, Folgebereitschaft und Zwang. Ein hegemoniales Projekt muss möglichst viele Akteure an sich binden, um zu einer machtvollen Formierung zu werden. Zu diesem Zweck werden disparate Forderungen in Diskurskoalitionen zusammengefügt. Diese Form der Praxis stellt Äquivalenzen zwischen disparaten Forderungen her, indem sie politische Grenzen konstruiert, die soziale Felder in sich widerstreitende Lager teilen (Howarth und Griggs 2012, S. 318–320): „Hegemonic articulation always involves the construction of social antagonisms by posting a radical and threatening outside, which unifies and stabilises the discourse in question, while at the same time preventing its closure“ (Torfing 2002, S. 55).

Im Streben nach politischer und moralisch-intellektueller Führung müssen analoge Relationen, Formen der Ähnlichkeit, zwischen verschiedenen Forderungen kreiert werden. Die Repräsentation des Allgemeinen durch einen leeren Signifikanten ist dabei ein wesentliches Kennzeichen eines jeden hegemonialen Projektes. Die Bezeichnung als „leerer Signifikant“ ( empty signifier) ergibt sich aus dem Umstand, dass das Allgemeine nach strukturalistischem Verständnis nicht repräsentiert werden kann, da Bedeutung letztlich nur aus der Differenz verschiedener Elemente zueinander abgebildet werden kann. Indem also ein Signifikant die differenzbasierte Funktion der Signifikation selbst unterläuft, vollzieht er eine unmögliche Signifikation und wird als „leer“ bezeichnet (Nonhoff 2007, S. 13). Diese leeren Signifikanten können zeitweilig die verschiedenen Forderungen in einer universellen, wenn auch immer prekären Einheit fixieren oder kondensieren. Beispiele hierfür sind Begriffe wie „Zivilisation“, „Freiheit“ und „Nation“, die einen Knotenpunkt für die imaginäre Einheit eines Diskurses liefern (Reckwitz 2006, S. 345).

Ihre poststrukturalistische Lesart des Gramscianischen Hegemonie-Begriffs verbinden Howarth und Griggs mit einer vom Psychoanalytiker Jacques Lacan inspirierten logic of fantasy, die der Frage nachgeht, welchen Genuss Subjekte aus der Identifikation mit bestimmten Policies und Signifikanten ziehen. In dieser affektiven Dimension geht es um die Frage, warum und wie bestimmte Policies haften bleiben: Wie werden Subjekte durch bestimmte Diskurse erfasst oder wie und warum werden sie es nicht (Howarth und Griggs 2012, S. 321)? Ein zentrales Schlagwort, um dies zu erklären, ist der Begriff des Mangels. Mangel bezeichnet psychoanalytisch den Ort des Begehrens, den es symbolisch zu füllen gilt (Warna et al. 2014, S. 254). Die Diskurstheoretiker übertragen dies auf die Gesellschaft und argumentieren, dass die volle Schließung des Sozialen in keiner Gesellschaft realisiert werden könne, dass das Ideal dieser Schließung hingegen als ein (nicht zu erreichendes) Ideal fungiere. Gesellschaften seien organisiert um solche (unmöglichen) Ideale:

What is necessary for the emergence and function of these ideals is the production of empty signifiers. Thus, the articulation of a political discourse can only take place around an empty signifier that functions as a nodal point. In other words, emptiness is now revealed as an essential quality of the nodal point, as an important condition of possibility for its hegemonic success. (Howarth und Stavrakakis 2000, S. 9)

Nach Laclau könne jeder Begriff, der in einem bestimmten politischen Kontext ein Bezeichner des Mangels werde, eine solche Rolle einnehmen (Howarth und Stavrakakis 2000, S. 9). Indem jedoch die diskursive Hegemonie stets ein „konstitutives Anderes“ in ihr Außen projiziert, unterminiert sie ihren Anspruch an die eigene Allgemeingültigkeit und Alternativlosigkeit (Reckwitz 2006, S. 346).

 
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