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3.4.4 Kritische Diskursanalyse (Critical Discourse Analysis – CDA)

[1]

Die Kritische Diskursanalyse, die sich seit den frühen 1990er Jahren entwickelt hat, hat ihre Wurzeln eher in der Linguistik als in der Policy-Forschung (Mole 2007, S. 17). Ihre Vertreterinnen und Vertreter, unter ihnen vor allem Norman Fairclough und Ruth Wodak, signalisieren ihre enge Verbindung zur interpretativen Policy-Analyse jedoch durch eine rege Teilnahme an den IPA-Tagungen und werden ihrerseits insbesondere durch die Advokaten einer poststrukturalistischen Policy-Analyse rezipiert. Überhaupt handelt es sich bei der CDA um ein sehr heterogenes Forschungsprogramm, das einen problemorientierten und interdisziplinären Zugang teilt. Das gemeinsame Interesse besteht darin, Ideologien und Macht[2] durch die systematische Analyse semiotischer Daten zu entmystifizieren (Wodak und Meyer 2009, S. 3).

Die Arbeiten der CDA untersuchen die offenen und verdeckten strukturellen Beziehungen von Dominanz, Diskriminierung, Macht und Kontrolle, die sich in Sprache manifestieren. Ein besonderes Interesse gilt der Untersuchung sozialer Ungleichheit und wie sie sprachlich ausgedrückt, signalisiert, konstituiert und legitimiert wird. Die CDA zeichnet sich durch einen ideologiekritischen Anspruch aus und strebt nach Aufdeckung von Wirklichkeitsverzerrungen und Korrektur falscher ideologischer Repräsentationen von Wirklichkeit (Braun 2014, S. 93). Im Sinne einer Kritischen Theorie wollen die Forschenden die Welt nicht nur verstehen und erklären, sondern kritisieren und ändern, indem Menschen zur Emanzipation durch Selbstreflektion verholfen wird. Wenn es der Kritik um die Aufdeckung von Strukturen der Macht und Ideologien geht, dann jedoch nicht in einem neopositivistischen Verständnis, da Ideologien von der CDA nicht falsifiziert werden (Wodak und Meyer 2009, S. 7–8). Diskursive Praktiken gelten nur insofern als ideologisch, als sie zur Naturalisierung kontingenter, konstruierter Bedeutungen beitragen.

Die CDA widmet sich komplexen sozialen Phänomenen, die einen multidisziplinären und multimethodischen Zugang erfordern (Wodak und Meyer 2009, S. 2). Die CDA arbeitet deutlich stärker mit linguistischen Kategorien als andere Diskurstheorien. Dies bedeutet nicht, dass Themen und Inhalte keine Rolle spiel- ten, aber der Kern beruht auf linguistischen Kategorien wie Akteur, Modus, Zeit, Tempus. Untersucht werden bestimmte argumentative Strategien, die innere Logik und Komposition von Texten, implizite Andeutungen und Implikationen, Symbolik, Metaphorik, Idiome, Redensarten, Stil usw. (Wodak und Meyer 2009, S. 28).

Die zentralen Vertreterinnen und Vertreter beziehen sich teils auf sehr unterschiedliche Rahmentheorien. Unter dem Dach der CDA finden sich daher solche Autorinnen und Autoren, die ein eher kognitiv-sozialpsychologisches Interesse daran haben, wie Individuen die Welt wahrnehmen, und solche mit makro-soziologisch, strukturellem Zugang und einem Fokus darauf, wie Strukturen den Diskurs determinieren (Wodak und Meyer 2009, S. 15).

Norman Faircloughs Arbeiten enthalten beispielsweise marxistische Elemente und fallen damit insofern aus dem Kreis post-positivistischer Arbeiten, als sie sich zunehmend in Richtung eines kritischen Realismus entwickeln. Dabei stellt er Diskurse und soziale Wirklichkeit ontologisch gegenüber und postuliert eine soziale Realität jenseits von Diskurs und Bedeutung (Braun 2014, S. 92). Diskurs definiert Fairclough (2001, S. 14) als „language as social practice determined by social structures“. Aus Sicht einer poststrukturalistischen Diskursanalyse sind seine Arbeiten ungenau darin, wie sie das Verhältnis von Diskurs zum nicht-diskursiven Kontext verstehen. Sein Bezug auf den kritischen Realismus führe dazu, Diskurs auf eine linguistische Mediation der Ereignisse zu reduzieren, die durch die kausalen Kräfte und Mechanismen produziert werden, die in der unabhängig existierenden Gesellschaftsstruktur existieren (Torfing 2005). Diese Vorstellung, dass der Diskurs durch außerdiskursive Mächte auf der Ebene von Wirtschaft und Staat determiniert sei, wird von der Essex School abgelehnt (Mole 2007, S. 18).

Nach Fairclough läuft die Analyse in drei Schritten ab: An erster Stelle steht die Beschreibung des Textes, es folgt die Interpretation des Verhältnisses zwischen dem Text und der Interaktion zwischen Produzent und Rezipient des Textes. Drittens wird eine Erklärung des Verhältnisses zwischen dieser Interaktion und seinem sozialen Kontext angestrebt (Mole 2007, S. 18). Gegenüber anderen Ansätzen, die den Diskurs eher auf einer sehr abstrakten Ebene zu rekonstruieren versuchen, argumentiert Fairclough (2005, S. 62) für eine detailliertere Textanalyse. So lassen sich beispielsweise anhand eines Vorwortes von Tony Blair zu einem White Paper neoliberale Argumentationsmuster nachvollziehen, wenn eine Beziehung zwischen der globalen Wirtschaft als Faktum, also dem, was ist, und bestimmten Policy-Rezepten, also dem, was getan werden muss, hergestellt wird. Die globale Wirtschaft wird dort als Faktum festgeschrieben, etwa in der Repräsentation von Wandel, der ohne Akteure auskommt: Neue Technologien treten in Erscheinung und Märkte öffnen sich – aber es gibt im Text keine Unternehmen, Regierungen etc., die dies hervorbringen. Der Wandel wird selbst zum Akteur in Formulie- rungen wie „the world is swept by change“ und einer Darstellung des Wandels ohne zeitliche oder räumliche Grenzen. Wandel, so die Botschaft, ist einfach eine Tatsache, auf die die Politik reagieren muss, er ist unvermeidbar und irreversibel (Fairclough 2005, S. 63).

Forschungsbeispiel

Schon Michel Foucault geht es bei der Diskursanalyse ums Schweigen, „umdie stummen Lücken der Geschichte“, um die Fülle von Äußerungen, die garnicht erst zur Quelle geworden sind (Gehring 2004, S. 14–15). Schweigenals solches zu erkennen, stellt eine methodologische Herausforderung fürdie interpretative Policy-Analyse dar. Die in jüngeren Arbeiten aufgeworfeneFrage nach „diskursiver Exklusion“ (Herzog 2013) nähert sich demThema an. Melani Schröter (2013) untersucht Schweigen in einer CriticalDiscourse Analysis anhand verschiedener Gelegenheiten, zu denen politischeAkteure der Erwartung der Öffentlichkeit nach Aussprache nicht nachgekommensind. Dabei handelt es sich beispielsweise um das Schweigendes Ex-Kanzlers Kohl angesichts der Frage nach den unbekannten Parteispendernoder ein strategisches Schweigen von Angela Merkel. Schröterversucht dieses Schweigen durch das diskursive Umfeld in Form vonZeitungsartikeln oder Parlamentsanfragen sichtbar zu machen, die diesesSchweigen thematisieren.

  • [1] Im Wörterbuch der interdisziplinären Diskursforschung wird auf sechs Varianten innerhalb der CDA verwiesen. Die Ausführungen hier beziehen sich lediglich auf die Varianten von Fairclough und Wodak, die von der interpretativen Policy-Analyse am stärksten rezipiert worden sind (Wrana et al. 2014, S. 93)
  • [2] Der Fokus auf Macht wird u. a. daraus gespeist, dass Michel Foucault als einer der theoretischen Paten betrachtet wird (Wodak und Meyer 2009, S. 10)
 
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