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Diskurshistorischer Ansatz (DHA) innerhalb der Kritischen Diskursanalyse

Der Diskurshistorische Ansatz wird auch als „Wiener Spielart der Kritischen Diskursanalyse“ bezeichnet. Seine zentrale Prämisse lautet, dass alle Diskurse historisch sind und nur mit Referenz auf ihren Kontext verstanden werden können. Daraus erwächst der Verweis auf außerlinguistische Faktoren wie Kultur, Gesellschaft und Ideologie (Wodak und Meyer 2009, S. 20). Der DHA reagiert auf Kritik an der CDA, genauer auf den Vorwurf, Macht und soziale Struktur als determinierende Kräfte anzusehen und die Rolle des Subjektes zu vernachlässigen. Während wesentliche Merkmale der CDA beibehalten werden, entwickelt der DHA eine sozialpsychologische Lesart des Subjektes, um das Verhältnis zwischen Text und Kontext zu beleuchten. Ein Kernargument lautet, dass ein Fokus auf objektive soziale Variablen wie Gender, Schichtzugehörigkeit oder Ethnizität nicht ausreichend den Einfluss des sozialen Kontextes auf sprachliche Variationen und auf den Diskurs erklären könne (Glynos et al. 2009, S. 17), sondern durch den kognitiven, sozialpsychologischen Kontext vermittelt werde. Der DHA stellt damit eine Verbindung zur sozio-kognitiven Theorie von Teun van Dijk her: Es muss eine kognitive Schnittstelle geben, denn es ist nicht die objektive Situation, sondern die subjektive Definition der kommunikativen Situation, die Text und Reden beeinflusst (Wodak und Meyer 2009, S. 14).

Der Diskurs ist definiert als Zusammenspiel kontextabhängiger linguistischer Praktiken, die innerhalb bestimmter Felder sozialen Handelns verortet sind. Diskurs wird als strukturierte Form des Wissens und als Gedächtnis sozialer Praktiken gefasst (Glynos et al. 2009, S. 18). Reisigl and Wodak (2009) unterscheiden drei Dimensionen der Kritik innerhalb des DHA, nämlich die diskursimmanente Kritik, die sozialdiagnostische Kritik sowie die prospektive Kritik. Die immanente Kritik erlaubt dem Forscher oder der Forscherin, Widersprüche, Paradoxe und Dilemmata innerhalb eines Textes oder Diskurses aufzudecken. Die soziodiagnostische Kritik versteht Ideologie als Eigenschaft alltäglicher Überzeugungen. Die Aufgabe besteht dann darin, die konzeptionellen Metaphern aufzudecken, die die ideologische Funktion dieser Alltagsüberzeugungen verschleiern. Schließlich und durch das Werk von Jürgen Habermas beeinflusst geht es der prospektiven Kritik um die Prozesse der Kommunikation selbst und um die Möglichkeit, diese zu verbessern. Der DHA unterscheidet dabei zwischen Diskurs, Text, Genre und Handlungsfeld: Die Art, wie beispielsweise über Einwanderung gesprochen wird (Diskurs) kann anhand von Regierungsdokumenten beobachtet werden (Text), die ein bestimmtes Set linguistischer Praktiken umfassen (Policy-Genre) innerhalb eines größeren Handlungsfeldes (beispielsweise innerhalb einer politischen Kampagne). Die Identifikation des Verhältnisses von Text zu Kontext durchläuft vier Stufen, wobei die beiden ersten vor allem linguistisch (und textbezogen) sind und die Schritte drei und vier außerlinguistisch und eher kontextbezogen. Auf der ersten Stufe erfolgt die Identifikation von Text als eine spezifische und einmalige Realisierung eines Diskurses. Text ist die Basiseinheit der Untersuchung. Die zweite Ebene könnte als intertextuell bezeichnet werden, indem die Analyse sich auf Beziehungen und Überlappungen zwischen Äußerungen, Diskursen, Texten und Genres konzentriert. Es folgt der Blick auf den situativen Kontext, die Ebene, auf der das Sozialpsychologische zum Tragen kommt, das zwischen dem sozialpolitischen Makrokontext und den mikro-linguistischen Kontexten auf den ersten Stufen vermittelt. In Schritt vier wird die Analyse um soziale und politische sowie historische Fragen erweitert (Glynos et al. 2009, S. 19–20).

Der Diskurshistorische Ansatz wurde zunächst entwickelt, um im Detail die Konstituierung eines anti-semitischen Feindbildes in der öffentlichen Debatte um die österreichische Präsidentschaftskampagne von Kurt Waldheim 1986 nachzuzeichnen. In späteren Studien ging es beispielsweise um die rassistische Diskriminierung gegenüber der Einwanderung aus Rumänien in Österreich (Wodak und Meyer 2009, S. 18). Wieder andere untersuchen anhand der Analyse von Medien und Schulbüchern den Umgang mit traumatischen Vergangenheiten, wie etwa Mythen helfen, Brüche, Kriegsverbrechen und Konflikte zu überdecken (Wodak und Meyer 2009, S. 20).

Kritik

Aufgrund der Vielfalt der Positionen innerhalb der CDA fällt es schwer, zu einer kritischen Gesamtbewertung zu kommen. Wagenaar (2011, S. 165) bemängelt, dass es schwierig sei, die Überlegungen Faircloughs in klare Methoden zu übertragen. Dies werde noch durch die überbordende Vielfalt an Konzepten verstärkt, die er entwickelt habe. Auch Keller (2005b, S. 155) wendet gegen die CDA ein, dass die empirische Umsetzung hinter den eigenen theoretischen Überlegungen zurückbleibe und oftmals den Eindruck einer vor-urteilenden Betrachtung der Empirie erwecke. Trotz der komplexen Grundannahmen würden die konkreten Untersuchungen immer wieder sehr schnell in den untersuchten Zeitungstexten und Interviews „rassistische“, „ideologische“ oder „fundamentalistische“ Elemente finden, ohne den Erkenntnisoder Zurechnungsprozess offenzulegen.

 
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