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3.5.2 Critical Frame Analysis

Den Zugang einer Kritischen Rahmen-Analyse führt Mieke Verloo (2007) ein. Frames, die Verloo und Lombardo (2007) mit Goffman als „interpretation scheme that structures the meaning of reality“ verstehen, entstehen einerseits aus einem diskursiven Bewusstsein ( discursive consciousness), sodass Akteure verbal begründen können, warum sie auf diese Rahmung in der Konstruktion eines Problems zurückgreifen. Zugleich rühren diese frames aber auch aus einem praktischen Bewusstsein ( practical consciousness) her, also aus Praktiken, die für einen bestimmten Kontext typisch sind, ohne dass die Akteure sich darüber im Klaren sind, dass es sich um Regeln und Routinen handelt, die auch anders ausfallen könnten. Ein policy frame ist weiterhin definiert als ein „organising principle that transforms fragmentary or incidental information into a structured and meaningful problem, in which a solution is implicitly or explicitly included“ (Verloo und Pantelidou 2005, S. 20). Die Autorinnen und Autoren der Critical Frame Analysis greifen dabei auf Überlegungen von Hans-Georg Gadamer zurück, wonach die Wahrnehmungen unserer Realität durch Vorurteile geprägt sind, nicht im negativen Sin-ne, sondern als grundlegende Voraussetzung für das Verstehen. Frames fungieren als sozial konstruierte und kulturelle Filter, durch die wir wahrnehmen, verstehen und Ereignissen Bedeutung geben. Akteure verkommen dabei nicht zu passiven Reproduzenten kultureller Diskurse, im Gegenteil kann ein Bewusstsein für mitschwingende Vorurteile eine kritische Distanz ermöglichen (Verloo und Lombardo 2007, S. 32).

Ausgehend von der Beobachtung, dass die Gleichstellung der Geschlechter ein in Europa verbreitetes Anliegen, allerdings eines mit sehr heterogenen Bedeutungen ist, entwickeln Verloo und Lombardo (2007, S. 21) die Kritische Rahmen-Analyse. Sie untersucht implizite und explizite Interpretationen eines Problems und seiner Lösungen durch verschiedene Akteure (Verloo und Lombardo 2007, S. 31). Diagnose (wer oder was hat das Problem verursacht) und Prognose (wer kann es lösen und wie) sind die zwei zentralen Dimensionen eines Policy Frames. Diese Version einer frame-Analyse zielt darauf ab, die ordnenden Prinzipien aufzudecken, mit denen Informationen strukturiert werden, um somit dafür zu sensibilisieren, wie frames ein bestimmtes Verständnis eines Policy-Problems prädeterminieren und wie dies zu Inkonsistenzen oder zum Ausschluss bestimmter Standpunkte vom Policy-Diskurs führen kann. Für die vergleichende Untersuchung verschiedener policy frames von Gleichstellung werden im Wesentlichen folgende Fragen an schriftliche Quellen wie Gesetzestexte, Protokolle von Parlamentsdebatten, Reden und Medienberichte gestellt:

• Welches Verständnis von Gender wird darin transportiert (Verloo und Lombardo 2007, S. 33)? Hier könnte selbstverständlich nach anderen Themen gefragt werden.

• Wer hat eine Stimme in der Debatte, wer hat die Macht teilzuhaben, wer wird ausgeschlossen?

• Wem wird eine Rolle in der Diagnose des Problems zugeschrieben/wessen Problem soll es sein? Wem kommt in der Prognose eine Rolle zu, wer soll es also richten (Verloo und Lombardo 2007, S. 34)?

• Wie ist es um die Balance beider Dimensionen bestellt, stimmen Diagnose und Prognose überein (Verloo und Lombardo 2007, S. 35)? Zuweilen lässt sich zeigen, dass ein Ungleichgewicht besteht, wenn etwa eine bestimmte Problemursache konstatiert wird, die eingebrachte Lösung aber letztlich in eine völlig andere Richtung zielt.

In dieser Analyse geht es nicht darum, Beispiele für gute Praxis herauszustellen, sondern darum, die Vielfalt der Deutungen offenzulegen. Über den Vergleich wird deutlich, was in einem bestimmten Policy-Kontext verschwiegen oder völlig anders gefasst wird.

Kritik

Die Critical Frame Analysis möchte policy frames kartographieren, „Vorurteile“ offenlegen, die Policies prägen, und analysieren, wie bestimmte Akteure vom Diskurs ausgeschlossen werden (Verloo und Lombardo 2007, S. 38). Das Vorgehen ist insofern mit Schwierigkeiten konfrontiert, als sich die Kategorien tatsächlich erst aus dem Vergleich ergeben. Daraus resultiert die Notwendigkeit, bereits kodiertes Material vor dem Hintergrund neu gewonnener Eindrücke nachzukodieren (Verloo und Lombardo 2007, S. 39). Die Analyse kann zudem nicht erklären, warum policy frames eine bestimmte Form in einem bestimmten Kontext annehmen. Um sich dieser Frage zu nähern, wäre eine intensivere Auseinandersetzung mit eben jenem Kontext vonnöten, um beispielsweise aufzeigen zu können, warum bestimmte Akteure dominanter sind als andere.

 
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