Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Politikwissenschaft arrow Interpretative policy-analyse
< Zurück   INHALT   Weiter >

3.6.2 Die narrative Policy-Analyse nach Deborah Stone

Die in der Mainstream-Forschung übliche Unterscheidung zwischen sozialen Problemen auf der einen und politischen Handlungen auf der anderen Seite impliziert, dass soziale Phänomene eine „neutrale Form“ unabhängig von politischer Meinung und Deliberation besäßen. Politikformulierung wird in diesem konventionellen Verständnis als Problemlösungsprozess gefasst, der Machtkämpfen und Interessenskonflikten unterliegt (Hofmann 1995, S. 127). Eine dezidierte Kritik an diesem rationalistischen Konzept hat früh Deborah Stone (1989) mit ihrer Vorstellung von Politik als einem struggle over ideas vorgelegt, auf den sich insbesondere auch die Werke der argumentativen Wende beziehen. Als wichtigste Aufgaben politischer Führung betrachtet sie die Definition eines Problems sowie die Überzeugung einer breiten Öffentlichkeit jenseits der direkt betroffenen Bürger und Interessengruppen, dass es sich um ein Problem handelt, das politischer Aufmerksamkeit bedarf (Stone 2006, S. 135, zum Folgenden siehe auch Münch 2010, S. 80–82).

In ihrem Grundlagenwerk von 1989, „Policy Paradox. The Art of Political Decision Making“, analysiert Stone nicht, wie Akteure die traditionellen Machtressourcen wie Geld, Wählerstimmen und Posten erwerben und einsetzen, sondern wie sie Ideen nutzen, um politische Unterstützung zu sichern und Policies zu kontrollieren.

„No one has better illustrated the ways in which people understand policy problems through the medium of narratives than Stone“ (Fischer 2003, S. 169). Policies können in ihrem Verständnis als „handgefertigtes Argument“ verstanden werden (Fischer 2007, S. 225). Anders als bei solchen sozialkonstruktivistischen Arbeiten, die soziale Konstruktionen als den sich entwickelnden Wissensvorrat einer Gruppe verstehen, betont sie damit, dass diese Problematisierungen (auch) eine absichtliche und strategische Erfindung sein können. Laut Deborah Stone (2006, S. 130) handelt es sich beim Policy-Prozess um einen kontinuierlichen diskursiven Kampf um die Kategorien sozialer Klassifizierung, die Grenzen von Problemkategorien, die intersubjektive Interpretation von gemeinsamen Erfahrungen, das konzeptionelle framing von Problemen und die Definition von Ideen, die die Wege lenken, in denen Menschen gemeinsames Handlungswissen entwickeln.

Stone (2002) konstatiert, dass Definitionen von Policy-Problemen strategische Repräsentationen von Situationen seien, ausgestattet mit einer Erzählstruktur, um Interpretationen und Vorstellungen von Schwierigkeiten zu kontrollieren, die die Adressaten unvermeidlich zu einer bestimmten Vorgehensweise bewegen. „Policy debate is dominated by the notion that to solve a problem, one must find its root cause or causes; treating the symptoms is not enough. (…) To identify a cause in the polis is to place burdens on one set of people instead of another“ (Stone 2002,

S. 188–189). Deborah Stone adaptiert damit das Konzept der Plot-Muster, die in der Geschichtswissenschaft Hayden White maßgeblich bekannt gemacht hat. Es mache einen Unterschied, ob ein Ereignis als Romanze, Tragödie, Komödie oder Satire gefasst werde, denn im Plot liegt ein narrativer Erklärungsansatz ( bias), der unbewusst die Bewertung beeinflusst (Gadinger et al. 2014, S. 24–25). Die PolicyForschung begibt sich damit auf die Suche nach literarischen Mustern und liest beispielsweise das Ausbrechen der Finanzkrise als Ende einer bis dahin geglaubten Abenteuergeschichte, deren Hauptfiguren, die Banker, hart arbeitende, tüchtige Helden waren (Gadinger et al. 2014, S. 15).

Stone (2006, S. 129) geht davon aus, dass politische Akteure eine überzeugende begründende Erzählung benötigen, um ihr Verständnis von sozialen Problemen zu transportieren. Diesen Geschichten obliegt eine Reihe von Aufgaben, um ein Problem auf die öffentliche Agenda zu setzen und die alternativen Policy-Optionen zu formen, die die Politik berücksichtigt. Diese Geschichten stellen ein Problem als Ergebnis menschlicher Handlung dar, um es nicht als Ergebnis eines Zufalles oder des Schicksals erscheinen zu lassen. Sie identifizieren bestimmte Personen, Verhaltensweisen oder Entscheidungen als Ursachen des Problems. Die Geschichten mögen richtig oder falsch sein, aber sie weisen Schuld und Verantwortung gleichermaßen zu (Stone 2006, S. 130). Die politischen Funktionen kausaler Geschichten bestehen darin, die Möglichkeit des menschlichen Handelns zu demonstrieren, Verantwortung zuzuweisen, bestimmte Akteure zu legitimieren und politische Allianzen zwischen all denjenigen zu schmieden, die in die „Opfer“-Rolle fallen (Stone 1989, S. 295).

Laut Stone (1989) gibt es dabei zwei verschiedene Erzählmotive, die im Policy-Prozess besonders beliebt sind: Die „Geschichte des Niederganges“ erzählt den Prozess des unaufhaltsamen Verfalls, der bevorstehenden Krise. Diese Erzählungen beginnen in der Regel mit Zahlen und Fakten, um eine Verschlechterung zu verdeutlichen (Stone 1989, S. 138). Insbesondere in der Darstellung der Entwicklung von marginalisierten Stadtteilen ist diese Erzählung beispielsweise verbreitet. Stone macht zwei Varianten dieser Geschichte aus. Die erste ist die „Geschichte des verhinderten Fortschritts“ (Stone 1989, S. 139), an deren Anfang eine schlechte Ausgangslage dargestellt wird, die durch einen bestimmten Eingriff verbessert worden sei. Dieser Fortschritt sei jedoch durch einen anderen Faktor in Gefahr. Diese Erzählung sei bei solchen Interessengruppen verbreitet, die sich gegen staatliche Regulierung sträuben. Die zweite Variante transportiert das Bild, Veränderung sei nur eine Illusion, eine Situation sei nicht schlechter (oder besser) geworden (Stone 1989, S. 142).

Die „Geschichte von Kontrolle und Hilflosigkeit“ unterstellt, dass Bedingungen durch menschliches Handeln verändert werden können (Hastings 1998, S. 200). Auch hier gibt es zwei Varianten, zum einen die Geschichte der „Verschwörung“ (Stone 2002, S. 143), zum anderen eine, die die Opfer selbst beschuldigt:

Just as the conspiracy story always ends with a call to the many to rise up against the few, the blame-the-victim story always ends with an exhortation to the few (the victims) to reform their own behavior in order to avoid the problem. What all these stories of control have in common is their assertion that there is choice. (Stone 2002, S. 144)

Kritik

Von Deborah Stones Arbeiten fungiert insbesondere das frühe Werk „Policy Paradox“ als eine Fundgrube für die interpretative Policy-Forschung. Als Schwäche dieser Arbeit kann allerdings gelten, dass die Autorin ihre epistemologischen Grundlagen nicht expliziert und ihr Werk nicht in einen weiteren Theoriezusammenhang einordnet, obgleich ihr sozialkonstruktivistisches Verständnis deutlich durchscheint. Diese Zurückhaltung mag allerdings daran liegen, dass Stones Arbeiten in die späten 1980er Jahre hinein reichen und somit selbst erst die Grundlagen für die argumentative oder interpretative Wende gelegt haben. Während insbesondere die Arbeiten des argumentative turn sich kämpferisch gegen traditionelle Ansätze der Policy-Forschung gebärden, findet diese Auseinandersetzung in Stones Texten weitaus subtiler statt. In den 1990er Jahren hat Stone ihren Ansatz der narrativen Policy-Analyse überwiegend in kürzeren Artikeln weiterentwickelt, aber auch hier stehen ihre eigenen Überlegungen – so anregend sie auch sind – stets losgelöst von den weiteren Debatten innerhalb der Disziplin. Deborah Stone sensibilisiert dafür, wie in der Definition eines Problems bereits die entsprechenden Lösungsmöglichkeiten angelegt sind. Zudem machen ihre Überlegungen bewusst, wie in den Erzählungen von sozialen Problemen gleich eine Zuweisung von Schuld, aber auch Verantwortung mitschwingt (Münch 2010, S. 82).

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften