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3.7.1 „What's the problem represented to be?“ (WPR)

Einen anders gelagerten Beitrag zur Analyse von Problemdefinitionen, der von der Untersuchung von Narrativen abweicht, hat Carol Bacchi (1999, 2009, 2012a, 2012b, 2015) geleistet. In Anlehnung an Foucault spricht die Autorin (Bacchi 2012b, S. 2) nicht von Problemen, sondern von Problematisierungen, um mit diesem prozesshaften Begriff zu unterstreichen, wie Dinge, die als offensichtliche Herausforderung erscheinen, tatsächlich fragil und auf historische Umstände zurückzuführen sind, die nichts Notwendiges oder Definitives an sich haben. Zu diesem Zweck entwickelt Bacchi (2009, 2012a) den „What's the problem represented to be-Ansatz (WPR), der einzelne Programmentwürfe danach befragt, welche Darstellung dessen, was als „das Problem“ begriffen wird, in ihnen impliziert wird. Zu diesem Zweck führt Bacchi (2012a, S. 21) einen Satz von sechs Fragen ein, mit deren Hilfe die Forschung das Policy-Dokument darauf durchsuchen kann, welche Leerstellen und Lücken in der impliziten Problemdarstellung anzutreffen und welche Alternativen potenziell möglich sind. Ihre Fragen lauten:

1. Was wird als das „Problem“ (beispielsweise „Spielsucht“, „häusliche Gewalt“,

„Klimawandel“) dargestellt in einer spezifischen Maßnahme, einem Gesetzesentwurf oder einem Policy-Vorschlag?

2. Welche Voraussetzungen oder Vorannahmen untermauern diese Darstellung des

„Problems“?

3. Wie ist diese Darstellung des „Problems“ zustande gekommen?

4. Was wird nicht problematisiert in dieser Darstellung? Was wird verschwiegen? Könnte über das „Problem“ anders gedacht werden?

5. Welche Effekte zieht eine solche Darstellung des „Problems“ nach sich?

6. Wie und wo wurde diese Darstellung des „Problems“ produziert, verbreitet und verteidigt? Wie und wo wurde es in Frage gestellt, gestört, ersetzt oder könnte dies werden?

Bacchi (2012b, S. 7) versteht ihren Zugang als Aufruf zur „kritischen Reflexivität“, die den Blick nicht nur auf die verschiedenen Ausprägungen von Macht richtet und darauf, wie sie in dominanten Problemdefinitionen eingebettet sind, sondern die Forschenden anhält, die eigenen Vorannahmen zu hinterfragen. Wie bei Deborah Stone (1989; 2002) wird der Prozess der Problemdefinition als ein essentieller Teil des Policy-Prozesses betrachtet, der die Formulierung von Programmen beeinflusst. Im Gegensatz zu Stone betont Bacchi (2012a, S. 22; 2015) indes nicht dessen strategischen, von politischen Akteuren gezielt eingesetzten Charakter, sondern geht in der Tradition Foucaults von Macht-Wissens-Ordnungen aus, die den Subjekten vorgängig sind (siehe ausführlich 4.1). Diese Muster, die sie in Policy-Dokumenten aufdeckt, begreift sie mit Rose als Ausdruck von „governmentalities“ (Bacchi 2015, S. 6), eine englische Variante von Foucaults Konzept der Gouvernementalität als Konnex von Regieren und Denken. Die Analyse zielt darauf ab, Policies besser zu verstehen als die politisch Verantwortlichen es tun, indem die unreflektierten, tief verankerten Annahmen, die in bestimmten Problemdefinitionen mitschwingen, transparent gemacht werden.

 
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