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3.7.2 Exkurs: Soziologie sozialer Probleme

Anregungen für post-positivistische Forschungsfragen zu Problematisierungen können prinzipiell auch aus dem Forschungsgegenstand der sozialkonstruktivis-

tischen Soziologie sozialer Probleme gewonnen werden, wie sie in Abschn. 1.4 bereits vorgestellt wurde. Die sozialkonstruktivistische Forschung interessiert sich für drei Beobachtungsfelder: die Beanstandungen ( claims), die Beschwerdeführer ( claims-maker) und den Prozess der politischen Auseinandersetzung ( claimsmaking process; für das Folgende siehe Münch 2010, S. 56–57). Zentrale Fragen können lauten:

Inhalte: Was wird über das Problem ausgesagt? Wie wird das Problem versinnbildlicht? Wie ist die Rhetorik? Wie wird das Problem präsentiert, um Unterstützung zu mobilisieren? Dies erfolgt beispielsweise durch piggybacking (Huckepacknehmen), wenn ein Problem als Teilaspekt einer bereits etablierten Problemdeutung konstruiert wird oder der Inhalt einer sozial akzeptierten Problemkategorie erweitert wird (Loseke 2003, S. 61–62). Auf der inhaltlichen Ebene sind zudem Ursacheund Folgenzuschreibungen von besonderer Bedeutung, ebenso die Zuschreibung von Verantwortung, wer für die Lösung oder Nichtbearbeitung eines Problems gefeiert oder beschuldigt wird (Hoppe 2002, S. 306). Die inhaltliche Ebene ist bedeutsam, da ein Problem in gänzlich unterschiedlichen Formen gefasst werden kann, beispielsweise das überproportionale Schulversagen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund als strukturelles Problem des Bildungssystems oder als individuelles Problem der Bildungsferne der Eltern (vgl. Loseke 2003, S. 60).

Akteure: Wer stellt die Forderungen? Wen wollen sie (angeblich) repräsentieren? Vertreten sie bestimmte Gruppen? Mit wem sind sie verbunden? Was sind ihre Interessen? Für wenig sinnvoll erachten die „Väter“ der wissenssoziologischen Problemsoziologie die Frage, warum Personen zu ihrem Handeln veranlasst werden, denn die Suche nach individuellen und sozialen Eigenschaften, die die Partizipation erklären könnten, lenke ab von der Art, wie das claimsmaking organisiert ist. Die Fragen sollten eher lauten, warum eine Beschwerde in dieser spezifischen Form organisiert wurde, und nicht, warum Teilnehmer involviert sind. Wie wird entschieden, an wen die Beschwerde gerichtet wird; wer ist Nutznießer des Zustandes (Spector und Kitsuse 2006, S. 82–83)?

Prozesse: An wen richten sich die Forderungen? Gibt es Rivalen? Welche Interessen hat das Publikum und wie beeinflussen diese Interessen ihrerseits die Forderungen (Best 1989, S. 250–251)? Loseke (2003, S. 28) unterstellt eine Hierarchie der Bedeutung des Publikums. Dabei ist die Behauptung, die Wissenschaft stehe an der Spitze der Hierarchie in Fragen des claims-making (Loseke 2003, S. 36), für den Einzelfall empirisch zu überprüfen. Wissenschaftliche Ergebnisse werden durchaus als wirklichkeitsfremd gebrandmarkt und ihr Entstehen in den Bereich des Elfenbeinturms verwiesen.

 
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