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3.8 Policy-Analyse als Metaphern-Analyse

Neben der an die Vernunft appellierenden Argumentation und dem Modus der Erzählung zählt die Metapher zu einer weiteren Form sprachlicher Legitimation von Politik (Gronau und Nonhoff 2011, S. 3) und damit die Metaphern-Analyse zu einem Instrument der interpretativen Policy-Analyse.

Seit der Antike bezeichnet der Begriff Metapher die Übertragung eines Konzeptes samt seiner Bedeutung, die aus einem bestimmten Kontext entsteht, auf einen anderen Kontext, wo es seine übertragene Bedeutung entfaltet (Maasen und Weingart 2000, S. 19). Metaphern schaffen Wirklichkeit, indem sie abstrakte Phänomene im Lichte alltäglicher, lebensweltlicher Konzepte deuten (Hülsse 2003, S. 211). Die Metapher kann daher als einzelnes Element innerhalb eines diskursiven Kontexts gelten, das durch einen relativen Mangel an Vertrautheit gekennzeichnet ist (Maasen und Weingart 2000, S. 36). Während die Erzählung einen Verlauf abbildet, arbeiten Metaphern im Prinzip synchron, indem sie zur Erhellung eines abstrakten Konzeptes ein anderes, vertrauteres Konzept verwenden und somit einen bekannten Wissenskomplex mobilisieren (Gronau und Nonhoff 2011, S. 4). Nach konstruktivistischem Verständnis gelten Metaphern im Gegensatz zur antiken Vorstellung nicht bloß als rhetorisch-stilistisches Mittel oder zierendes Ornat, sondern als zentral für die Konstruktion sozialer und politischer Realität (Hülsse 2003, S. 217). Metaphern kondensieren oder simplifizieren eine komplexe Realität, indem sie einige Eigenschaften verschweigen und andere hervorheben. Je nachdem, wie sehr der Gebrauch einer Metapher zur Routine geworden und der bildhafte Ursprung nicht mehr bewusst ist, wird zwischen konventionellen und toten Metaphern unterschieden. Zu diesen „toten“ Metaphern gehören etwa Begriffe wie Wolkenkratzer oder Flaschenhals etc. (Hülsse 2003, S. 219). Metaphorisches Sprechen kann als impliziter Legitimationsmodus gelten, der ein affektuelles Verständnis erleichtert, ohne fachliche Diskussionen im Einzelnen nachvollziehen zu müssen (Gronau und Schneider 2009, S. 4). Für Stone (2002, S. 148) stellen Metaphern ebenso wie die Synekdoche (ein Teil wird genutzt, um das Ganze zu repräsentieren) vor allem weitere Strategien der Problemdefinition auf Begriffsebene dar.

Metaphern sind nomadisch, das heißt, sie werden aufgegriffen von und interagieren mit verschiedenen Diskursen und produzieren dort unterschiedliche Bedeutungen (Maasen und Weingart 2000, S. 4). Die Metapher verändert den Kontext, in dem sie auftaucht, und wird selbst dadurch verändert (Maasen und Weingart 2000, S. 20). Metaphern verweisen stets auf andere Verwendungen und fungieren als textübergreifender Referenzpunkt. Neben dieser Scharnierfunktion zur Verknüpfung von Texten verweisen sie auch auf andere Diskurse und ermöglichen so Verständigung: „Ausdifferenzierte Spezialdiskurse werden durch Metaphern ebenso wie durch Kollektivsymbole, Analogien und Mythen re-integriert“ (Hülsse 2003, S. 222).

Die Linguistik hält metaphorisches Sprechen, also eine analogische Übertragung von der Alltagsauf die abstrakte Welt, für einen Ausdruck metaphorischen Denkens, da wir auch bei Kognitionsprozessen uns bekannte Rahmen auf Neues und Unbekanntes übertragen. Dieser Metaphernansatz wird auch als „kognitiv“ bezeichnet, da der Metapherngebrauch als Ergebnis individueller Wahrnehmungsprozesse gefasst wird (Hülsse 2003, S. 219). Politikwissenschaftliche Arbeiten setzen hingegen meist auf einen konstruktivistischen oder diskursiven Metaphernansatz. Es ist nämlich nicht nur schwierig, den „Erfinder“ einer Metapher und seine Motivation zu benennen. Das Studium der Metaphern zeigt auch, wie wenig Spielraum ein Sprecher hat, denn es gibt eine feste Verknüpfung zwischen bestimmten Metaphern mit Phänomenen innerhalb eines Diskurses (Hülsse 2003, S. 220). Anstatt zu untersuchen, wie eine Metapher entstanden ist, wird in der Policy-Analyse beispielsweise rekonstruiert, wie und was für eine Wirklichkeit aus dem Gebrauch von bestimmten Metaphern hervorgeht (vgl. Hülsse 2003). Dies wurde beispielsweise von Heinelt und Weck (1998) für die Debatte um die deutsche Arbeitsmarktpolitik am Beispiel der Aufschwung-/Abschwung-Metapher dargelegt. Hajer (1995, S. 167, 195) liest beispielsweise die Rede vom „sauren Regen“ ( acid rain) im Kontext des Waldsterbens als Metapher.

Themenbereiche, die Vorlagen für Metaphern in Policy-Diskursen liefern, sind vielfältig. Verschiedene Arbeiten (Gronau und Nonhoff 2011; Schneider 2008) haben sich beispielsweise mit dem Ausdruck der „Krise“ beschäftigt, der ursprünglich ein medizinischer Terminus ist und Vorstellungen von Rettern, Patienten und Erregern aufruft. Das in der angelsächsischen Stadtentwicklungspolitik verbreitete Bild des urban decay, das eine geringe Wohnqualität und schlechte Ausstattung von Nachbarschaften sowie einen gesellschaftlichen Verfall bezeichnet, ruft beispielsweise für Englisch sprechende Leserinnen und Leser Erinnerungen an den tooth decay, also Karies oder Zahnverfall, hervor (Glynos et al. 2009, S. 24). Für Yanow (2008) wird damit zugleich eine entsprechende Lösung impliziert, die auf Abriss oder das Entfernen des betroffenen Ensembles abzielt. Die Übertragung eines lebensweltlichen Begriffs auf ein abstraktes Phänomen in Form einer Metapher fungiert damit wie eine kurze Erzählung, in der gleichermaßen Ursache und Lösung angelegt sind.

In Problemdiagnosen sind zudem Bilder aus der Natur verbreitet, wenn vom Umkippen eines Stadtteils wie bei einem belasteten Gewässer die Rede ist oder Wirtschaft als Naturgeschehen gefasst wird in Bezeichnungen wie „Finanz-Hurrikan“, einem „dramatischem Beben“ an den Finanzmärkten oder dem finanziellen „Weltenbrand“ (Gronau und Nonhoff 2011, S. 11). Oftmals finden Metaphern von Krieg (Stone 2002, S. 154) und Kampf Verwendung, wenn von „Attacken“ von Spekulan- ten auf den Euro und dessen „Verteidigung“ gesprochen wird (Gronau und Nonhoff 2011, S. 13). Zur Charakterisierung von gewaltsamen Konflikten sind Begriffe wie „Pulverfass“ oder „Flächenbrand“ verbreitet. Ein anderes Feld ist das Schauspiel, wenn Staaten als Akteure auf der „Weltbühne“ erscheinen (Ringmar 2007, S. 120). Metaphern aus dem Bereich der Technik sind ebenso geläufig, etwa in der Rede von der „Verwaltungsmaschinerie“, im Bild der „Integrationsmaschine Stadt“ sowie dem verbreiteten Motiv des „Staatsschiffs“ (Ringmar 2007, S. 125–126).

 
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