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3.9 Rhetorik in der Policy-Analyse: Rhetorical Political Analysis (RPA)

Rhetorik galt in der Politikwissenschaft lange als belanglos oder schlimmstenfalls anrüchig (Hülsse 2003, S. 212). Dahinter steht eine gängige Unterscheidung zwischen sprachlichem Vordergrund und kognitivem Hintergrund und die Unterstellung, was ein Akteur äußere, könne sich erheblich von seinen „tatsächlichen“ Überzeugungen unterscheiden, also „nur Rhetorik“ sein (vgl. Hülsse 2003, S. 237). Ganz anders nähern sich interpretative Arbeiten dem Thema. Die vielfältigen Interaktionen und Vernetzungen in Prozessen der verbindlichen Handlungskoordination erforderten es, Beziehungen und Einvernehmen zwischen verschiedenen Akteuren herzustellen. Diese Art der auf Überzeugung angelegten Kommunikation in kontingenten und konflikthaften Kontexten verstehen sie als Rhetorik (Finlayson 2007, S. 545). Die Unlösbarkeit vieler Policy-Probleme, die Krise wissenschaftlicher Rationalität, eine neue Religiosität und eine Kultur der Unsicherheit vergrößern die Notwendigkeit für die Policy-Forschung, dieser Komplexität Rechnung zu tragen (Gottweis 2007, S. 238). Dabei ist die politische Kommunikation durch bestimmte Konventionen geprägt, etwa durch ein bestimmtes Format in einer präsidialen State of the Union Ansprache oder in einem Green Paper mit seiner besonders förmlichen und sachlichen Sprache (Finlayson 2007, S. 556).

Policy-Analyse als Untersuchung von Rhetorik – ihre Vertreter nutzen die Abkürzung RPA – ist insbesondere auch vom Wiener Politikwissenschaftler Herbert Gottweis (2006, 2007) betrieben worden. Ihm zufolge kann policy-making nicht auf kommunikatives Handeln im rationalen Habermasschen Sinne reduziert werden, denn es geht auch um andere Formen der Überzeugung, wie Manipulation, die Mobilisierung von Angst, Vertrauen und Hoffnung: Logos, Ethos und Pathos können unterschiedlich stark gewichtet sein. Deliberative Demokratiemodelle gingen von der Annahme aus, es gebe ein dialogisches Modell, um zu einem Wahrheitskonsens zu gelangen. Dies sei nicht falsch, aber ein Blick auf die Rhetorik sensibilisiere für weitere wichtige Elemente des Politischen. Die Zuschreibung von Wahrheit hänge auch vom Gefühlszustand, der Glaubwürdigkeit des Sprechers und der Überzeugung seiner persönlichen Qualitäten ab. Es gehe auch um die performativen Dimensionen der Überzeugung (Gottweis 2006, S. 476–477).

Ausgehend von der Sprechakttheorie analysiert die RPA die rhetorische Situation, in der eine Auseinandersetzung stattfindet, und wie verschiedene Sprechersituationen sowie die Adressaten eines Arguments konstituiert werden (Glynos et al. 2009, S. 14). Gegen ein essentialistisches Verständnis von Bedeutung und der Natur von politischer Identität betont eine poststrukturalistische Rhetorikanalyse den konstitutiven Charakter von Rhetorik und Diskurs. Dementsprechend wird nicht nur dem Inhalt und Stil der Argumentation Aufmerksamkeit zuteil, sondern auch den verschiedenen Arten, wie Subjektpositionen in genau diesem Prozess der politischen Argumentation konstituiert werden. Dies gilt sowohl für die Sprechenden als auch die Adressaten (Glynos et al. 2009, S. 17).

Dabei werden drei verschiedene Formen der rhetorischen Zugkraft unterschieden: die ethos-bezogene, die pathos-bezogene und die logos-bezogene. Der Begriff „Ethos“ bezeichnet dabei die bestimmte Qualität eines Sprechenden in der Perzeption des Publikums, seine Glaubwürdigkeit, Autorität und Ehrlichkeit. Ethosbezogene Argumente verbinden Selbstbilder des verantwortungsvollen, guten Lebens mit Formen politischen Entscheidens. Ebenso wie Ethos ist auch Pathos an bestimmte Situationen und vor allem Personen gebunden. Pathos unterstreicht die Relevanz von Emotionen für die Mobilisierung von Überzeugungen. Ein pathosbezogener Stil betont Gefühle, wenn etwa Patientengruppen bei einer öffentlichen Anhörung mit der Schilderung ihrer Krankheit und Betroffenheit für eine liberale Auslegung von Stammzellforschung eintreten (Gottweis 2007, S. 247). In der logos-zentrierten Argumentation werden zentrale Argumente nicht von einer persönlichen, sondern einer „faktenbezogenen“ Perspektive betont, abgewogen und bewertet (Gottweis 2006, S. 246). In Streitfragen der Reproduktionsmedizin können beispielsweise religiöse Motive christliche Gruppen mobilisieren, sachliche Argumente begünstigen hingegen ein Modell, das durch Expertentum dominiert ist. Ein ethos-zentrierter Stil der Argumentation bezieht sich und beruht auf dem Charakter des Sprechers oder seiner Autorität, wenn etwa jemand Erfahrung, Expertentum oder Qualifikationen für sich in Anspruch nimmt, um sich einem bestimmten Thema zu widmen oder auf Vertrauen, Respekt, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit abzielt (Gottweis 2006, S. 243).

Finlayson (2007, S. 554), der ebenfalls diese drei Dimensionen aufgreift, knüpft zudem an die Römische Argumentationstheorie an. Er unterscheidet damit vier Dimensionen eines Disputs: ob etwas ist (Vermutung), was etwas ist (Definition), wie es ist (Qualität) und ob es sich um etwas handelt, worüber man überhaupt streiten sollte, also die Frage der Grenzen der politischen Auseinandersetzung.

 
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