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3.11 Policy-Ethnographie

Sowohl die interpretativ-hermeneutische Policy-Analyse (Yanow 2003) mit ihrem Interesse an bedeutungstragenden Praktiken und Artefakten als auch die poststrukturalistische Policy-Analyse betonen, dass Diskurs nicht in Text aufgeht. Insbesondere dann, wenn es nicht mehr um Diskurse, sondern um Dispositive geht, bedient sich auch die Diskursanalyse praxeologischer Methoden (Reckwitz 2008, S. 201). Verschiedene Autorinnen und Autoren (van Hulst 2008; Yanow 2009; Nullmeier et al. 2003) verlassen daher die Analyse von (Policy-)Texten oder flankieren diese: Da Praktiken nur unmittelbar zugänglich vorkommen und Wissen oft implizit ist, begeben sie sich als Ethnograph(inn)en ins Feld. Der teilnehmenden Beobachtung kommt hier das Primat zu, denn Interviews über Praktiken wären eben nicht die Praktiken selbst (Reckwitz 2008, S. 195–196). Der übergeordneten Frage, wie Forschende aus den Erlebnissen während der Feldforschung analytische Kategorien der Bedeutung gewinnen, ist Durnova (2011) nachgegangen.

Vincent Dubois (2015) unterscheidet eine personenzentrierte von einer policyzentrierten politischen Ethnographie. Für die erste Kategorie charakteristisch sind anthropologische Zugänge, bei denen etwa die Sichtweisen derjenigen von politischen Maßnahmen Betroffenen beleuchtet werden, deren Erfahrungen sonst durch die abstrakteren Erzählungen der Bürokratie übersehen und verschleiert würden. Dabei geht es beispielsweise darum, die Konsequenzen von Sozialstaatsreformen für bestimmte Zielgruppen wie isoliert lebende Alleinerziehende zu beleuchten.

Die policy-zentrierte Ethnographie beobachtet dagegen Verwaltungsmitarbeiter(innen), Bürokraten, Beamte, meistens innerhalb policy-implementierender Einrichtungen. Bei dieser street-level bureaucracy handelt es sich um diejenigen, die Policies durch ihre Routinen und Handlungsspielräume interpretierend umsetzen. Dabei kann ebenso das Schreiben, Zirkulieren, die Interpretation und Nutzung von Dokumenten Gegenstand der Beobachtung sein, als auch die Beobachtung von Führungskultur, Machtverhältnissen und Verhandlungen.

In der deutschsprachigen Politikwissenschaft haben insbesondere Frank Nullmeier, Tanja Pritzlaff und Achim Wiesner (2003) eine solche „Mikro-Policy-Analyse“ betrieben, bei der Politik in ihrem Alltag untersucht wird. Durch teilnehmende Beobachtung an alltäglichen Prozessen und Routinen der Problembearbeitung wurden Wissen, Praktiken und Positionierungen in der Hochschulpolitik herausgearbeitet.

 
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