< Zurück   INHALT   Weiter >

Performance

Während es den Policy-Ethnographinnen und -Ethnographen oftmals darum geht, die unterstellte Rationalität im policy-making als Mythos zu entlarven oder die Folgen von Policies für die Betroffenen sichtbar zu machen, wird unter dem Schlagwort Performance ein etwas anderer Weg eingeschlagen, der aber ebenso untersucht, wie Bedeutung durch Handlungen transportiert wird. In Anlehnung an Murray Edelman (1990), der Politik als Ritual analysiert (Hajer 2005, S. 629), werden die Handlungen als Inszenierungen gedeutet.

Wie bereits im Abschnitt zur Wirkung deliberativer Foren diskutiert, hängt die Überzeugungskraft im policy-making nämlich nicht allein von der Stärke der vorgebrachten Argumente ab. Für die Frage, welche Aussagen tatsächlich den politischen Entscheidungsprozess beeinflussen, spielt nicht nur die Qualität der Argumentation eine Rolle, sondern auch die physischen, technischen und theatralischen Bedingungen, unter denen die Standpunkte vorgebracht werden. Zuweilen wird die Policy-Analyse daher erweitert um eine Untersuchung von Praktiken und dramaturgischen Techniken, die als Performance bezeichnet werden (Alexander 2004, S. 529). So beleuchtet beispielsweise Berit Bliesemann de Guevara (2014) die Praktiken von Feldund Truppenbesuchen hochrangiger Politiker und Politikerinnen und stellt dabei heraus, wie verschiedene Akteure in unterschiedlichen sozialen Rollen und mit verschiedenen institutionellen Interessen und normativen Zielsetzungen diese Reisen für unterschiedliche politische Arenen und unterschiedliches Publikum inszenieren.

Auch Maarten Hajer (2005, S. 625) schlägt vor, politische Partizipation und ihre Kulissen und Inszenierung zu betrachten: Wie beeinflusst das Setting was gesagt wird, was gesagt werden kann und was tatsächlich Einfluss haben wird? Daher fügt Hajer (2005, S. 626) seiner Analyse die Untersuchung dramaturgischer Elemente hinzu. Einen solchen Zugang hält er insofern für besonders geeignet zur Analyse zeitgenössischer Politik, als diese häufig in neue Foren vorstoße oder außerhalb etablierter Institutionen mit ihren festgefügten Handlungsroutinen stattfinde (Hajer 2005, S. 630). Dabei untersucht er das Bemühen, absichtsvoll Interaktionen zu organisieren, die sich auf existierende Symbole beziehen oder neue erfinden und aktive Darsteller von (vermutlich) passiven Zuschauern unterscheiden. Die Kulisse ( setting) bezeichnet die physische Situation, in der die Interaktion stattfindet, einschließlich der Artefakte, die in dieser Situation verwendet werden, und wie diese auf die Partizipation zurückwirken. „Performanz“ bezeichnet dann die Art, in der die kontextualisierte Interaktion selbst soziale Realitäten produziert und zwar in Form eines Verständnisses eines Problems, von Wissen und neuen Machtverhältnissen. So wie auch verbale Problematisierungen mit dem Kontext im Einklang stehen müssen, zeigt Hajer (2005, S. 637) am Beispiel eines Regionalplanungsprozesses, dass eine künstlerische Intervention von den Bewohnerinnen und Bewohnern als auswärtiger Imperialismus abgelehnt wurde.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >