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Blindstelle interpretativer Vergleich

Weiterhin wird von der post-positivistischen Policy-Forschung die Methode des Vergleichs ausgesprochen selten diskutiert; symptomatisch ist etwa die Abwesenheit des Themas im Grundlagenwerk zum interpretativen Forschungsdesign von Peregrine Schwartz-Shea und Dvora Yanow (2012, siehe indes Yanow 2014). Während qualitativ-interpretative Arbeiten dazu neigen, den Vergleich zu vernachlässigen, beruhen vergleichende Studien eher selten auf interpretativen Prämissen, sondern tendieren zu einer variablenorientierten, auf Generalisierbarkeit abzielenden Herangehensweise (Mangen 1999, S. 109). Eine Schwierigkeit für interpretative Forschung, vergleichend zu arbeiten, besteht in der relativen Flexibilität des Forschungsprozesses insbesondere in den stärker ethnographischen und fallstudienorientierten Arbeiten. Während neo-positivistische Vergleiche ex ante ein hohes Maß an Wissen voraussetzen, um etwa festlegen zu können, was abhängige und was unabhängige Variablen sind und welche Fälle most similar oder most different, geht gerade interpretativ-hermeneutische Forschung davon aus, dass sich Lernen durch den gesamten Forschungsprozess zieht (Yanow 2014). Andererseits zeigen interpretative vergleichende Arbeiten (vgl. Verloo 2007; Barbehön et al. 2015a; Münch 2010), dass bestimmte Besonderheiten von lokalen oder nationalen Deutungsmustern häufig erst über den Vergleich ins Auge stechen, sich also ein Vergleich gerade bei interpretativen Fragestellungen lohnt. Was eine Policy bedeutet, bei Verloo (2007) etwa das Konzept Gender Mainstreaming in verschiedenen europäischen Ländern, kann sich erheblich unterscheiden. Die Eigenart lässt sich dann vor allem in der Kontrastierung zu anderen Fällen herausstellen.

Der qualitativ-interpretative Vergleich legt den Schwerpunkt nicht auf abstrakte Korrelationen, sondern bemüht sich, der Komplexität der Einzelfälle gerecht zu werden. Er kann dementsprechend kaum zu einer Verallgemeinerung herangezogen werden, die über die untersuchten Fälle hinausweist (vgl. Schneider und Janning 2006, S. 47; Pickel und Pickel 2003, S. 295). Wenn aus post-positivistischer Sicht Wissen nicht von einem extern verorteten Standpunkt gewonnen werden kann, sondern es darum geht, den Forschenden „zurück ins Feld“ zu holen (vgl. Torgerson 1986, S. 40), ist gerade der länderübergreifende Vergleich zu reflektieren: Interpretativ arbeitende Forscher testen nicht die Angemessenheit von Theorien, sondern wollen verstehen, wie sich Bedeutung „im Feld“ ergibt, wie diese also zeitlich und räumlich kontextabhängig ist (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 18). Semantische Grenzen werden von interpretativer Forschung daher selbst dann überschritten, wenn der Vergleich keine nationalen Grenzen überschreitet: „Armut“ kann beispielsweise schon im Vergleich einer Stadt zu einer anderen etwas völlig anderes bedeuten (vgl. Münch 2014). Da bei einem internationalen Vergleich davon auszugehen ist, dass das Interpretationsrepertoire des Herkunftslandes der Forscherin oder dem Forscher vertrauter ist, müssen eigene kulturelle Traditionen reflektiert werden. In einem sozialkonstruktivistischen Verständnis organisiert und formt Sprache die Erfahrungswelt des Sprechenden. Es ist eine spezifische Sicht auf die Welt, sodass Übersetzung ein Vorgang ist, der sowohl linguistische als auch kulturelle Faktoren zu berücksichtigen hat (Eyraud 2001, S. 279). Insbesondere in legalen und quasilegalen Begriffen hat sich Geschichte niedergeschlagen (Eyraud 2001, S. 282), die möglicherweise von einer Nicht-Muttersprachlerin nicht eingefangen werden. Dementsprechend spielt die „kommunikative Validierung“, also die Rückkopplung von Ergebnissen mit Experten vor Ort, eine wichtige Rolle (Mangen 1999, S. 118).

 
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