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5.2 Kritik aus Sicht traditioneller Policy-Forschung

Deutlich verbreiteter als eine konkrete kritische Auseinandersetzung mit interpretativen Ansätzen scheint es innerhalb der traditionellen Policy-Analyse zu sein, die eigenen neo-positivistischen epistemologischen und methodologischen Grundlagen als natürlich zu begreifen:

[S]o pervasive are empiricist commitments within the profession that few practitioners are aware that there might be anything contestable about them. That empiricism provides contentious accounts of the nature of reality, the senses, rationality, science, and the possibilities for human knowledge, is not typically noted in methodology courses in policy analysis. (Hawkesworth 1988, S. 2–3)

Der damit verbundene Glaube an die eigene Neutralität und das Ausblenden der Tatsache, dass ein solches Verständnis von Wissenschaftlichkeit selbst eine historische Genese hat, führen dazu, dass das eigene Vorgehen als wertfrei begriffen wird. Auf interpretative approaches wird dann eher mit einem diffusen Unverständnis als mit konkreter Kritik reagiert.

Eine frühe Ausnahme stellt Rosabeth Kanters (1972) Kritik an Peter M. Halls (1972) Versuch einer symbolisch-interaktionistischen Politikanalyse dar. Beim Symbolischen Interaktionismus handelt es sich um die bereits in Kap. 1 vorgestellte und maßgeblich von Herbert Blumer geprägte Strömung, die sich in der Soziologie neben anderen Ansätzen unter dem etwas vereinfachenden Sammelbegriff des interpretativen Paradigmas zusammenfindet (Keller 2012, S. 17).

• Der Ansatz sei nur für die Analyse der Mikro-Ebene geeignet und besitze kein Sensorium für Politikabläufe im Ganzen.

• Der Zugang entwickele kein kohärentes Konzept kollektiver Interessen.

• Die Prozessperspektive führe dazu, dass Theorie ohne Inhalt bleibe, da nicht bestimmt werden könne, wer die Akteure sind und was die Natur der Auseinandersetzung sei.

• Das Ausmaß sozialen Wandels werde durch die Betonung kurzfristiger Interaktionen überbewertet.

• Es fehle die Gesamtsicht auf das politische System. Daher könnten Relationen nicht identifiziert werden.

• Vor allem aber würden bei der Betrachtung von Macht Gewalt und Zwang zugunsten der Manipulation von Symbolen unterschätzt: Ein Polizist, der mit seiner Waffe auf einen Black-Panther-Aktivisten ziele, „takes precedence over any other ‚definition of the situation'[1]“ (Kanter 1972, S. 86). Dieser erzwungene Verzicht auf die Makro-Ebene und die Rolle von Strukturen wecke den Eindruck, Politik bestehe im Wesentlichen aus Verhandlungen zwischen einer Vielzahl konkurrierender Interessengruppen: Wer den besten Eindruck hinterlasse, habe die besten Chancen, Politik zu gestalten (Nullmeier 1997, S. 128).

Der Vorwurf eines makrotheoretischen Defizits ist lange eine weit verbreitete Kritik gewesen (Nullmeier 1997, S. 129). Die konstruktivistische Forschung zu den Internationalen Beziehungen hat jedoch gezeigt, dass es keine prinzipiellen Barrieren geben muss. Der Unterstellung eines makrotheoretischen Defizits hält Nullmeier (1997, S. 129) entgegen, dass es auch an einer Mikropolitologie der alltäglichen Prozesse in Gremien unterhalb des Parlaments mangele sowie an einer Rekonstruktion des im alltäglichen und professionalisierten politischen Handeln wirksamen Wissens, das über Fachoder Policy-Wissen hinausreicht. Diese Forschungslücke ist durch ethnographische Analysen in den vergangenen Jahren allmählich gefüllt worden (siehe 3.11).

Der Vorwurf des Kulturalismus besagt, dass die Zurückdrängung strukturalistischer Ansätze mit einer Vernachlässigung der Rolle von Ökonomie und Sozialstruktur einhergehe. Politikanalyse bleibe dann lediglich eine „Kulturkritik der politischen Inszenierung“ (Nullmeier 1997, S. 131). Insgesamt ist hier einzuräumen, dass sich die interpretative Policy-Analyse seit den 1990er Jahren stark ausdifferenziert und weiterentwickelt hat. Gerade im Kontrast zu früheren Arbeiten, die sich oft auf Murray Edelmans (1990) Vorstellung von Politik als inszeniertem Ritual bezogen, geht es heute meist nicht darum, die Erscheinung als Fassade zu entlarven, sondern darum, die Nutzung von Kontingenzen herauszuarbeiten. Gerade für die poststrukturalistischen Arbeiten innerhalb der interpretativen PolicyForschung gilt, dass sie insbesondere auf die machtförmigen Prozesse abheben. Auch Dvora Yanow (2014) hält der Kritik an interpretativen Ansätzen entgegen, dass der Vorwurf der Vernachlässigung von Machtstrukturen möglicherweise für die philosophisch-soziologische Tradition, nicht aber für die interpretative PolicyAnalyse gelte. Diese könne die Frage von Macht nicht ausklammern, gerade auch wenn es um die Stimmen derer gehe, die schweigen oder zum Schweigen gebracht werden.

Nullmeier (1997, S. 132) gesteht ein, dass frühe interpretative Ansätze nicht über ein klar umrissenes Handlungsmodell verfügten, obgleich sie als Gegenentwurf zu utilitaristischen Handlungskonzepten entstanden sind. Von Nullmeier (1993, 1997) selbst ist jedoch ein „rhetorisch-dialektisches Handlungsmodell“ als Perspektive und Konzeptualisierung kreativen oder rhetorischen Handelns aufgezeigt worden. Das Konzept des kreativen Handelns versucht, die Dichotomie zwischen strategischem und normoder prinzipienorientiertem Handeln, also zwischen egoistischem und altruistischem Handeln, zu überwinden. Vor dem Hintergrund dessen, dass soziale Realität nach interpretativem Verständnis konstruiert und eine Handlungsorientierung per Kalkulation somit gar nicht möglich ist, lautet die Entscheidungsregel nicht, diejenige Handlungsalternative mit dem größten subjektiven Nutzen zu wählen. An ihre Stelle tritt eine persuasive Handlungsorientierung. Die Entscheidung fällt also für diejenige Handlungsalternative, für die sich innerhalb des Wissenssystems des Akteurs die größte argumentativ-rhetorische Stützungsleistung mobilisieren lässt (ausführlich hierzu siehe Haus 2008, S. 96–97).

Eine nur auf den ersten Blick theoretische Inkonsistenz des interpretativen Ansatzes ist mit dem ihm potenziell innewohnenden moralischen Relativismus verbunden. Das Ziel besteht in einer Denaturalisierung und Erschütterung des für selbstverständlich Gehaltenen durch den Nachweis, dass es sich „nur“ um eine Realitätsdeutung handelt. Weltsichten dürften also nicht durch die kontrastierende Interpretation der Autorin direkt infrage gestellt, sondern allein metatheoretisch als Deutung sichtbar und damit variierbar gemacht werden (Nullmeier 1997, S. 134). Insbesondere bei den Autorinnen und Autoren des argumentative turn zeigt sich indes, dass sie ihren Zugang als normative Kritik an den bestehenden Verhältnissen begreifen. Der Ansatz wird gerade nicht auf eine akzeptierende Beschreibung rhetorischer Strategien reduziert. Das „Schweigegelöbnis der Postmodernisten“ (Hay 2002, S. 246) legen sich die Autorinnen und Autoren der interpretativen PolicyAnalyse ausdrücklich nicht auf.

  • [1] Die „Definition der Situation“ ist ein Schlüsselkonzept des interpretativen Paradigmas, das im Thomas-Theorem pointiert zusammengefasst lautet, dass wenn Menschen Situationen als real definieren, auch deren Folgen real sein werden
 
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