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Interpretative Forschung in Erklärungsnot?

Die verschiedenen Ansätze interpretativer Forschung sind als Linse oder als Scheinwerfer auf neues, empirisches Terrain zu verstehen und nicht als erklärende Modelle oder als Theorie, aus der Hypothesen abgeleitet werden. Ihr Mehrwert besteht also nicht in einer besseren generalisierbaren Erklärung von Politikergebnissen, wie es beispielsweise die ideenorientierte Komparatistik anstrebt, sondern in einem Perspektivenwechsel. Qualitativ-interpretative Arbeiten haben ihren Schwerpunkt häufig in der Beschreibung des „was“ und „wie“, können – und wollen – aber eher selten die Frage eines kausalen „warum“ beantworten (SchwartzShea 2006, S. 95) – zumindest nicht im Sinne einer nomothetischen, also auf das Aufdecken allgemeingültiger Gesetze zielenden Forschungsrichtung. Andreas Gofas und Colin Hay (2010, S. 16; 39) unterscheiden eine konstitutive Logik von der kausalen Logik. Die konstitutive Logik beschreibt ein Verhältnis von logischer Ermöglichung. Ihr widerstrebt die Prämisse der kausalen Logik, dass es unabhängig voneinander existierende und temporär asymmetrische Faktoren der Ursache und Wirkung gebe. Die kausale Logik frage „warum“, die konstitutive „wie“ oder „wodurch“.

Indem sie sich auf das Beschreiben und die Kritik bestehender Verhältnisse konzentriert, das Erklären aber meist der variablenbasierten Forschung überlässt, macht sich die interpretative Policy-Analyse jedoch angreifbar (Nullmeier 2012,

S. 37). Der Wunsch, Sachverhalte erklären zu können, ist in der Wissenschaft, aber auch im Alltag so stark verankert, dass ein Verzicht auf Erklärungen gerechtfertigt erden muss. Empirisch arbeitende interpretative Policy-Forscherinnen, die diesen Anspruch antizipieren, ziehen sich zuweilen auf die Begründung zurück, zunächst explorativ zu arbeiten. Ihre Forschung in einem bis dahin wenig beachteten Feld lege erst die Grundlage für spätere, möglicherweise dann erklärende Arbeiten. Der Druck, zumindest vorläufige Überlegungen preiszugeben, warum etwas ist, wie es ist, bleibt jedoch auch dann weiterhin groß. Andere betonen, das Verstehen sei dem Sozialen angemessener als das Erklären oder schon die Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen entstamme einer positivistischen Forschungslogik; oder die Analyse solle vor allem zeigen, dass das, was ist, auch anders sein könnte (vgl. Nullmeier 2012, S. 38).

Nullmeier (2012, 2013) schlägt ein weiteres Vorgehen vor, wie eine genuin interpretative Erklärung, nämlich die Erklärung von Diskurswandel, aussehen könnte. Eine solche idiographische[1] (den Fall in seiner Ganzheit erfassen wollende) Erklärung ziele darauf ab, ein Geschehen immer weiter transparent zu machen, indem nachvollziehbar gemacht werde, „wie sich Handlungen und Handlungsfolgen als Ergebnis der Überlegungen der beteiligten Akteure und ihrer Wahrnehmung intervenierender Ereignisse ergeben haben“ (Nullmeier 2013, S. 35). Dafür unterscheidet Nullmeier zunächst drei Zugänge zum Erklären. An erster Stelle steht die universale Logik der Kausalanalyse, die von genuin interpretativen Arbeiten immer abgelehnt worden ist. Sie wird von denjenigen ideenbezogenen Ansätzen bedient, die danach fragen, welche kausale Kraft Ideen gegenüber Interessen, Institutionen oder der Macht sozialer Akteure besitzen (Nullmeier 2012, S. 39). In die zweite Gruppe fallen Ansätze mit einem wesentlich weiter gefassten Kausalitätsverständnis, wie es sich die fortgeschrittene qualitative Forschung zu eigen macht. Die Konfigurationsanalyse unterscheidet notwendige („immer gegeben, wenn outcome auftritt“) von hinreichenden Bedingungen („Outcome tritt immer auf, wenn Bedingung gegeben ist“), berücksichtigt dabei die Verbindung von Faktoren und lässt heterogene und nichtlineare Wirkungen von Faktoren zu.

Drittens nennt Nullmeier intentionale Erklärungen auf dem Feld der Handlungserklärungen. Eine intentionale Erklärung versucht menschliches Verhalten, seine Produkte und Beziehungen durch eine Rekonstruktion des Selbstverständnisses derjenigen zu erhellen, die sie kreieren oder ausführen. Intentionen sind jedoch nicht auf einen mentalen Zustand zu beschränken, sondern bezeichnen eine (vorgesehene) Handlung. Doch wie wichtig ist das Verstehen subjektiver Gründe, um beispielsweise bestimmte Praktiken wie etwa bestimmte Rituale zu erklären? Beteiligte an einem balinesischen Hahnenkampf – ein von Clifford Geertz in ethnographischer Feldforschung untersuchtes Ritual, das gesellschaftliche Kohärenz schafft – können sehr unterschiedliche Gründe für ihre Teilnahme nennen (Wagenaar 2011, S. 16–17). Nullmeier selbst plädiert dafür, Handlungen interpretativ zu erklären, gerade auch um Dynamik und Wandel im policy-making erklären zu können. Die Frage laute, wie diskursiver Wandel erklärt werden könne, der dann einen politischen Wandel bedinge (Nullmeier und Pritzlaff 2011, S. 2), wann und warum sich bestimmte Ideen gegenüber anderen durchsetzen (Nullmeier 2013, S. 37).

Eine solche Diskursänderung als diskursintern sinnvolle Restrukturierung zeichnet er am Beispiel des Atomausstiegs infolge der Debatten nach den tsunamibedingten Störfällen im Kraftwerk von Fukushima 2011 nach. Dabei geht es um einen schwach rationalen Abwägungsprozess und nicht um den Nachweis eines kausalen Aufeinanderwirkens von schwachen und starken Gründen: „Eine Handlung ist interpretativ erklärt, wenn ein Grund als guter Grund benannt wird, der aufgrund von Abwägung zu dem Grund geworden ist, der die Handlung bewirkt“ (Nullmeier 2012, S. 43). Die Erklärung verbleibt im Rahmen interpretativer Forschung, wenn Diskurswandel durch gute Gründe verursacht wurde, die am Standard der innerhalb des Diskurses selbst für angemessen gehaltenen Wertmaßstäbe bemessen werden. Eine kausale Erklärung im neo-positivistischen Sinn dagegen würde den Wandel auf die Veränderung von Interessen, Macht und von ökonomischen wie sozialen Verhältnissen zurückführen (Nullmeier 2012, S. 48).

  • [1] Eine solche Forschung wird von der nomothetischen, auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten abzielenden Forschung unterschieden
 
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