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5.3 Anknüpfungspunkte interpretativer Policy-Analysen an weitere Debatten

Die verschiedenen Strömungen unter dem Dach der interpretativen Policy-Analyse ermöglichen neue Fragestellungen, die von positivistischen Ansätzen bislang vernachlässigt wurden. Ein besonderer Vorteil besteht in der Innovationen begünstigenden großen Offenheit und gemeinsamen Schnittmenge zu anderen Subdisziplinen innerhalb der Politikwissenschaft, aber auch zu Nachbardisziplinen, zu denen es in konventionelleren Arbeiten eher weniger Zugänge gibt. Anknüpfungsmöglichkeiten gibt es etwa durch das Methodenrepertoire der interpretativen PolicyAnalyse, das sich zunehmend nicht nur textbasierter Methoden bedient, sondern ethnographische Untersuchungen aus den Science, Technology and Society Studies oder Actor-Network-Theorien unternimmt (vgl. Pohle 2013). Unter dem Schlagwort des pictorial turn wird zudem in jüngster Zeit der Fokus von der Sagbarkeit auf die Sichtbarkeit gelenkt (Gottweis und Steurer 2011), wie sie auch in der Soziologie diskutiert wird.

Eine inhaltliche Schnittmenge besteht zudem mit den Debatten in der politischen Soziologie über die Verteilung von Macht und ihre verschiedenen Gesichter oder Dimensionen, die ihre Ursprünge in den community power studies hat. Dabei lässt sich eine Weiterentwicklung dahingehend feststellen, dass Macht zunächst als Einfluss auf politische Entscheidungen, später als Filterung von Themen als entscheidungsrelevant und schließlich als „produktive“ Macht der Handlungsermöglichung durch die Strukturierung von Diskursen im Sinne eines „Macht, um zu“ thematisiert wurde. Macht wird nicht mehr nur eindimensional als Fähigkeit der Akteure verstanden, Entscheidungen zu dominieren (Dahl 1957) oder zweidimensional als Fähigkeit, Entscheidungen zu vermeiden, sondern auch als Fähigkeit, eine Wahrnehmung als Problem zu vermeiden (Lukes 2005 [1974]). Als vierte Dimension rückt immer stärker die produktive, ermöglichende Qualität von Macht in den Mittelpunkt (Barbehön et al. 2015a, S. 11). Hier können interpretative Arbeiten einen empirischen Beitrag leisten.

Eine weitere Nähe ist zu Themen der Teildisziplin der Politischen Theorie gegeben, in der beispielsweise die Frage einer Gegenstandsbestimmung einer „verstehenden Politikwissenschaft“ und der Rolle von Gesellschaften als den „plural verfassten Interpreten ihrer Selbst“ diskutiert wird (Sigwart 2013, S. 163). Dabei sticht ins Auge, dass mit Charles Taylor ein Verfechter einer hermeneutischen Gegenstandbestimmung der Politikwissenschaft ins Feld geführt wird, der in der interpretativen Policy-Analyse eher selten Erwähnung findet. Eine weitere Schnittstelle besteht zudem für die interpretative Policy-Analyse im Themenfeld Rechtfertigung und Legitimitätspolitik durch das geteilte Interesse an Evidenzen (vgl. Rüb und Straßheim 2012) sowie über die Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Politik (z. B. Saretzki 2005) zu den Science and Technology Studies. Eine besonders große Übereinstimmung ergibt sich zudem durch die Thematisierung deliberativer Demokratie durch die Politische Theorie. Hier ist John Dryzek (1993, 2000) zentraler Referenzautor für Theorie und Policy-Analyse gleichermaßen. Ebenso ergeben sich über die diskurstheoretischen Grundlegungen von Jürgen Habermas (1992) und Michel Foucault (1971, 1973b) sowie über die Diskursund Hegemonietheoretiker Laclau und Mouffe (1985) zahlreiche Berührungspunkte zwischen interpretativer Policy-Analyse und politischer Theorie.

Durch die konstruktivistischen Grundlagen treten zudem immer wieder Parallelen zu Debatten in der Teildisziplin der Internationalen Beziehungen (IB) zutage, die sich post-positivistischen Zugängen gegenüber insgesamt schon seit längerer Zeit offen gezeigt hat (Gadinger 2003). Aus interpretativer Perspektive hingegen kaum beforscht ist das Feld des europäischen policy-making, das sowohl von der interpretativen Policy-Analyse als auch von den konstruktivistischen Ansätzen innerhalb der IB kaum bearbeitet wird (Ausnahme Heinelt und Münch in Vorbereitung).

 
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