Die besondere Situation in den ostdeutschen Ländern

Betrachtet man die Mitgliederentwicklung und Wahlergebnisse der NPD genauer, so fällt der eindeutige Schwerpunkt in den ostdeutschen Ländern auf. Die damit verbundene Entwicklung zeichnete sich allerdings erst ab Mitte der 1990er Jahre ab. Direkt nach dem Fall der Mauer und der Öffnung der Grenzen hoffte die NPD, in Ostdeutschland schnell handlungsfähige Strukturen aufbauen und binnen kurzer Zeit große Wahlerfolge verbuchen zu können. Dem war aber gerade nicht so, gelang doch jahrelang weder das eine noch das andere (vgl. Pfahl-Traughber 1992). Die unter der Bezeichnung "Mitteldeutsche Nationaldemokratische Partei Deutschlands" gegründete Ost-Variante der NPD spielte zunächst nicht nur in der Gesellschaft und bei Wahlen, sondern selbst innerhalb des dortigen rechtsextremistischen Spektrums keine Rolle (vgl. Stöss 2000: 72–79). Dies änderte sich erst nach dem strategischen Wechsel der Parteiführung ab 1996 und dem gleichzeitig einsetzenden wachsenden Unmut der dortigen Bevölkerung über die Folgen der Einheitspolitik.

Fortan konnte eine Schwerpunktverlagerung des Rechtsextremismus ausgemacht werden: Auch wenn die organisatorischen Strukturen im Parteienbereich in den westlichen Ländern meist stärker entwickelt blieben, ließ sich bei den Gewalttaten der Neonaziund Skinhead-Szene ein eindeutiges Übergewicht in den östlichen Ländern ausmachen (vgl. Pfahl-Traughber 2000). Auch die NPD-Landesverbände blühten in dieser Phase auf, was anhand des Verbandes in Sachsen aufgezeigt werden kann. Gegen Mitte der 1990er Jahre gehörten ihm um die zweihundert Personen an. Bereits 1998 erreichte die NPD ebendort ihren Spitzenwert von 1 400 Mitgliedern, womit etwa ein Drittel aller Parteimitglieder in diesem Bundesland lebten. Überwiegend handelte es sich um Jüngere aus den unteren sozialen Schichten mit Sympathien oder gar Zugehörigkeiten zur Skinhead-Szene, teilweise um Aktivisten aus früheren neonazistischen Gruppierungen. Auch wenn die NPD in Sachsen bis zum Jahr 2000 aufgrund von internen Differenzen wieder ein knappes Drittel ihrer Mitglieder verlor, blieb der dortige Landesverband der bundesweit stärkste (vgl. Steglich 2005: 59–80). Zwar ließ sich diese organisatorische Entwicklung und regionale Verankerung nicht bei allen Landesverbänden ausmachen, aber der Trend lief ebenso in diese Richtung wie bei der Verteilung der Wählerzustimmung. Dies zeigen anschaulich die Ergebnisse für die NPD bei den bundesweiten Wahlen vor und nach 1995: Bei den Bundestagswahlen 1990 votierten 0,3 Prozent im Westen und 0,3 Prozent im Osten für die NPD, bei den Europawahlen 1994 wählten 0,2 Prozent im Westen und 0,3 Prozent im Osten die Partei. Demnach konnte von einer ungefähr gleichen Verteilung der Wählerstimmen ausgegangen werden. Bei den Bundestagswahlen 1998 entschieden sich 0,1 Prozent im Westen und 0,7 Prozent im Osten und bei den Europawahlen 1999 0,3 Prozent im Westen und 0,9 Prozent im Osten für die NPD. Ähnlich deutliche Unterschiede ergaben sich auch bei den seinerzeit bei den Wahlen noch erfolgreicheren Parteien DVU und REP. Insofern bezieht sich die angesprochene Entwicklung nicht nur auf die NPD, sondern gilt allgemein für den Rechtsextremismus.

 
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