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2.3 Platon und der göttliche Einfluss des Enthusiasmus in der Antike

Mit den folgenden Ausführungen wird zeitlich ein Schritt zurückgegangen. Dadurch entsteht keine strikte chronologische Reihenfolge des zweiten Kapitels, obwohl es einladend ist, dieses mit einem Philosophen wie Platon zu beginnen. Das Verständnis der etymologischen Entwicklung des Begriffs und seiner heutigen Bedeutung stehen für den Leser zu Beginn der Arbeit (vor der Phänomenbeschreibung) aus Sicht der Verfasserin im Vordergrund und begründet die gewählte Reihenfolge.

Die bereits vorgestellte Arbeit Meissners ist – wenn auch mit einem romanistischen Schwerpunkt – die bisher einzige gefundene wissenschaftliche Quelle, die sich der neben der historischen Begriffsentwicklung am Ende auch dem Phänomen und seinen Auswirkungen auf den Menschen bis in die Antike widmet. Dort wird der Enthusiasmus mit verschiedenen Göttern verbunden: „[Das musste] in der antiken Welt keineswegs einen Gegensatz bedeuten [...], griffen doch die Götter ständig in das Leben der Menschen ein“ (Meissner, 1979, S. 329). So war in der hellenistischen Götterwelt der Mensch dem Guten und Bösen ausgeliefert. „Mithin muss der Enthusiasmus für den Griechen auch gefährliche und üble Gesichter haben. So brachte die von den Korybanten bewirkte Begeisterung Krankheit, Wahnsinn, oft Tod.“ (a.a.O.). Dieser Enthusiasmus steht mit seinem Affektat vom Gott Apoll verursachten Enthusiasmus des Dichters als edelste Form der göttlichen Begeisterung entgegen. Leider unternimmt Meissner keine weiteren Differenzierungen über die anderen Götter der Antike und die Begründung für die unterschiedliche Zuweisung ihrer Affektate (++-, ++, vs. +--,----), welche zur Erläuterung seiner Skizze hilfreich wären. Dennoch ist Meissners Skizze die einzige visuelle Darstellung, die in der Geisteswissenschaft im Rah- men dieses Forschungsvorhabens zum Enthusiasmus und seiner Zuschreibung mit graduellen Abstufungen zu den einzelnen Göttern gefunden wurde:

Abbildung 1: Der Enthusiasmus und seine Zuschreibung zu den Göttern und ihren Affektaten (Meissner, 1979, S. 333)

Die Skizze erläutert neben den von links nach rechts oben aufgeführten Göttern auf einer von oben nach unten zu lesenden zeitlichen Achse die geschichtliche Wandlung des Wortes. Am Ende ist der Begriff ausschließlich positiv der Dichtung zugeschrieben (++++) und die negative Bedeutung des Enthusiasmus als‚Krankheit' durch die neuen Erkenntnisse der Medizin neutralisiert worden. „In diesem Sinne unterschied Plato in den guten und bösen Enthusiasmus“ (a.a.O., S. 329).

Platon (428/27 v. Chr. – 348/347 v. Chr.) setzt sich nicht mit dem Enthusiasmus und seiner etymologischen Bedeutung ausführlicher auseinander. Er war der Erste, der den ‚Enthusiasmus' als Phänomen für die Philosophie beschrieb. Im „Phaidros“ von Platon wird der Enthusiasmus wie in keinem anderen Werk im Kontext der Redekunst thematisiert (vgl. Platon-‚Phaidros', 244a und 265a, zitiert nach Bösel, 2008, S. 161). Dort erinnert Sokrates daran, dass es neben den „krankhaften Wahnsinnszuständen“ auch einen „göttlichen Wahnsinn“ als Form der Begeisterung gibt (vgl. a.a.O.), die den Enthusiasmus in ‚gut' und ‚böse' einteilt. Diesen göttlichen Wahnsinn unterscheidet Sokrates durch die Zuschreibung in (nur) vier Arten: „[Wir schreiben] die Begeisterung des Sehers dem Apollon [zu], die des Weihepriesters dem Dionysos, die des Dichters den Musen; die vierte endlich, die den Verliebten [zu], welche von Aphrodite und Eros kommt, haben wir als die vornehmste bezeichnet.“ (vgl. Platon, ‚Phaidros', 265b, a.a.O.). So unterscheidet Platon zwischen der mantischen, der mystischen, der poetischen und der erotischen Begeisterung (vgl. Bösel, 2008, S. 173). Die Zuschreibung zu einzelnen Göttern vereint verschiedene Charakteristika des Enthusiasmus, die wir heutzutage als phänomenologische Beschreibung in der Psychologie ansiedeln würden. Der jeweilige Gott steht für einen Enthusiasmus und gibt gleichzeitig eine Beschreibung dafür, wie sich der „göttliche Wahnsinn“ als Enthusiasmus beim Menschen zeigt. Vor einem pädagogischen Hintergrund ist die Begeisterung der Verliebten von Aphrodite und Eros als die „vornehmste“ Begeisterung von Bedeutung, da sie ein Vorreiter der pädagogischen Theorie ist. Die Philosophie beschäftigt sich in erster Linie hier nicht mit dem pädagogischen Lehren und Lernen, jedoch ist die Redekunst des Philosophen das, was ihn zur Weitergabe seiner Erkenntnis befähigt. Dementsprechend fließen hier auch pädagogische Elemente in die Disziplin mit ein. Im „Phaidros“ begeben sich Sokrates und Phaidros auf die Suche nach der „noch schöneren Redekunst“ (a.a.O., S. 174). Sokrates wird zu einer psychologischen Theorie geführt, die erklären soll, wie man „zielgerichtet“ auf den Hörer wirken kann, um ihn „affektiv“ zu berühren (a.a.O.). Eine gewissermaßen sich „in die Seele schreibende“ (a.a.O.) Rede wird angestrebt, was unweigerlich den Begriff der Nachhaltigkeit in Verbindung mit dem Enthusiasmus ins Spiel bringt. Dieser Aspekt ist interessant, da bereits zur Zeit Platons neben der kurzlebigen Affirmation des Enthusi- asmus auf der anderen Seite ebenso die Nachhaltigkeit des Enthusiasmus in Betracht gezogen wurde. Das ist eine bedeutende Eigenschaft des Phänomens, die anscheinend schon früh bei Platon im Rahmen der philosophischen Redekunst beschrieben wurde. Bösel hebt hier eine Parabel Sokrates' über das „in die Seele Schreiben“ hervor. Das ist gleichzeitig auch eine Schriftmethapher, welche mit dem „Hineinschreiben“ eine Langfristigkeit und Beständigkeit im Gegensatz zur Kurzlebigkeit impliziert. Sokrates beschreibt die Seeleninschrift wie folgt:

„Wird ein Bauer Samen, an dem ihm etwas liegt und der ihm Frucht bringen soll, etwa im Ernst zur Sommerzeit in Töpfe sähen für das Adonisfest und sich dann freuen, wenn er sieht, wie er in acht Tagen schön aufgeht? Oder wird er das, wenn er es denn überhaupt tut, doch wohl nur zum Spiel und dem Fest zuliebe tun? Samen dagegen, mit dem es ihm Ernst war, den hat er nach den Regeln der Landwirtschaft in den geeigneten Boden gesät und wird zufrieden sein, wenn, was er gesät hat, im achten Monat zur Reife kommt?So ist es doch wohl, Sokrates: das eine wird er in ernsthafter Absicht tun, das andere so, wie du sagst.“ (Platon, zitiert nach Bösel, 2008, S. 176). Durch die Seelenschrift soll der Seele nachhaltig zu größerer und innerer Schönheit verholfen werden. Außerdem wird die Wirkung der Redekunst nicht nur für einen individuellen Prozess gehalten. Durch die besonders schöne Redekunst würden „Früchte in der Seele aufgehen und ihrerseits Samen tragen, die wiederum in anderen Seelen übertragen werden wollen und so fort“ (Platon, zitiert nach a.a.O., S. 177). Zu Platons Metapher erklärt Bösel, [...] „dass Samen und Pflanze als Metaphern für die Schüler von Sokrates gemeint sind, liegt auf der Hand; sie bringen eine pädagogische Regel zum Ausdruck“ (a.a.O.). Diese Zirkularität der Metapher zur ‚Seelenschrift' im Kontext der Redekunst steht ebenfalls im Zusammenhang mit dem Enthusiasmus, denn hiernach hat „die Seele [...] als Schöne selbst die Macht, andere Seelen enthusiastisch zu machen.“ (a.a.O., S. 179).

In der Vergangenheit wurde der mögliche Enthusiasmus nicht immer jedem Menschen selbstverständlich zugeschrieben. Wen man im 18. Jahrhundert mit einem ausgelösten Enthusiasmus verbandt, erfährt man aus den philosophischen Schriften eines bekannten englischen Lords.

 
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