Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Pädagogik arrow Enthusiasmus
< Zurück   INHALT   Weiter >

2.4 „A letter concerning Enthusiasm“

„Er wurde gebraucht, um auszudrücken, was in den menschlichen Leidenschaften erhaben war [...]. Das war der Geist, den er stets den Helden, Staatsmännern, Dichtern, Rednern, Musikern und selbst den Philosophen zuschrieb“ (Shaftesbury, [1707] (1980), S. 34f). So beschreibt Anthony Ashley Cooper, der III. Earl of Shaftesbury (1671-1713), das Phänomen Enthusiasmus in seinem bekannten Brief „A letter concerning Enthusiasm“ (1707). Die Schrift ist in sechs Kapitel aufgeteilt und war an den Lord John Somers (1651-1716), den damaligen Lordkanzler von England und ein Nachfolger von Shaftesbury, gerichtet. Im Jahre 1709 erschien ein weiteres Werk von ihm: „The Moralists – A Philosophical Rhapsody – being a Recital of certain Conversations on Natural and Moral Subjects“. Dieses beschäftigt sich ebenfalls mit dem Enthusiasmus und war bereits im Jahre 1705 unter dem Titel „The Sociable Enthusiast, a Philosophical Adventure Written to Palemon“ veröffentlicht worden. Während der Brief eher eine Kritik am Enthusiasmus und dem Umgang der Menschen mit ihm beinhaltet, beschäftigt sich Shaftesbury in „The Moralists“ mehr mit den Erscheinungsformen des Enthusiasmus als ein menschliches Ergriffensein, so wie ihn Platon bereits definiert hat.

Es lassen sich viele Aspekte sowohl über die Auslöser als auch über die Erscheinungsformen des Enthusiasmus in beiden Werken wiederfinden. Vom „wahren Gefühl der göttlichen Gegenwart“ des Enthusiasmus wird in beiden Werken gesprochen. In seinem Brief definiert er den Begriff ‚Enthusiasmus' so, wie er auch allgemein im 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts oft verwendet wurde, nämlich auch als ein Synonym für ‚Fanatismus' (vgl. Shaftesbury, 1980, VIII ff). Indem Shaftesbury jedoch fordert, dass der Enthusiasmus ebenso eine Freiheit der Kritik rechtfertigen soll, und ihm damit ein „aufgeklärtes Element“ hinzufügt, will Shaftesbury als erster Philosoph einen „falschen“ von einem „edlen“ Enthusiasmus unterscheiden und ihn von den rein religiösen Auslösern befreit betrachten. Er begründet dies mit einem Verweis auf Platon, der die göttliche Inspiration bereits dem Geiste der Helden, Staatsmänner, Dichter, Redner, Musiker und Philosophen zugeschrieben habe und damit schon früh erste bereits erwähnte Unterscheidungen des Enthusiasmus vornahm. „Nor can we [...] forbear ascribing to a noble enthusiasm whatever is greatly performed by any of these. [...] But to [...] discern it in several kinds, both in ourselves and others, this is the great work“ (Shaftesbury, 1707, S. 27f). Mit der Unterscheidung zwischen dem „falschen“ und dem „edlen“ Enthusiasmus gibt Shaftesbury dem Enthusiasmus in seiner Bedeutung eine neue Dimension. Neben dem „falschen“ Enthusiasmus, den wir heute als Fanatismus verstehen, definiert Shaftesbury den Enthusiasmus für die damalige Zeit neu. Er entspricht der Sicht Platons indem er sagt, dass der Enthusiasmus durch eine Inspiration hervorgerufen wird. Gleichzeitig betont er jedoch auch, dass dieser Enthusiasmus ebenso den Atheisten gehört, und daher anzuzweifeln ist, ob seine Auslöser wirklich göttlicher Herkunft sein müssen: „The only thing [...] I would infer from all this is that enthusiasm is wonderfully powerful and extensive, that it is a matter of nice judgement and the hardest thing in the world to know fully and distinctly since even atheism is not exempt from it“ (Shaftesbury, [1707], (1999), S. 27). Mit diesen aussagekräftigen Worten im letzten Kapitel des Essays beendet Shaftesbury seine Schrift über den Enthusiasmus an Lord Somers. In seinem Werk „The Moralists“ beschreibt Shaftesbury ein Gespräch zwischen Philokles und Theokles über die möglichen von Vernunft geprägten Äußerungsformen des Enthusiasmus. In Bezug auf die Erfahrbarkeit der Schönheit der Natur beschreibt Philokles seinen Enthusiasmus wie folgt: „Well do I remember now the terms in which you engaged me that morning when you bespoke my love of this mysterious beauty. [...] I must comfort myself the best I can and consider that all sound love and admiration is enthusiasm. The transports of poets, the sublime of orators the rapture of musicians, the high strains of the virtuosiall mere enthusiasm. ‚And I', replied Theocles, am content you should call this love of ours ‚enthusiasm', allwing it the privilege of its fellow passions“. Theokles führt auf diese Beschreibung des Enthusiasmus von Philokles daraufhin eine interessante Fortführung des Gedankens hinzu: „For is there a fair and plausible enthusiasm, a reasonable ecstasy and transport allowed to other subjects, such as architecture, painting, music and shall it be exploded here? Are there senses by which all those other graces and perfections are perceived, and none by which this higher perfection and grace is comprehended?“ (a.a.O.). Weiter überträgt Theokles diesen Sinn des Enthusiasmus auf andere Wissenschaften: „Observe how the case stands in all those other subjects of art or sience. What difficulty to be in any degree knowing!“ (a.a.O.) Mit diesen Worten Theokles' wird neben der Vernunft ein neuer Aspekt zum Enthusiasmus hinzugefügt, nämlich dass es auch Anstrengungen erfordern kann, bis man einen Enthusiasmus für etwas empfindet. „[...] For it is not instantly we acquire the sense by which these beauties are discoverable“ (a.a.O.). Hier wird auf die Faktoren Zeit und Disziplin in Bezug auf die Auslösung von Enthusiasmus eingegangen. In diesem Zusammenhang erwähnt Theokles auch die Entwicklung eines Geschmacks: „How long before a true taste is gained! [...] Is study, science or learning necessary to understand all beauties else? [...] In painting there are shades and masterly strokes which the vulgar understand not but find fault with; in architecture there is the rustic; in music the chromatic kind and skilful mixture of dissonancies“(a.a.O., S. 321). Damit spricht Theokles auch den Fähigkeitsbereich an, der eine Rolle bei der Erfahrbarkeit des Enthusiasmus in Form von Schönheit spielt. Unter pädagogischen Gesichtspunkten betrachtet, gilt es festzuhalten, dass der Philosoph Shaftesbury mit den Worten Theokles bereits damals dem Enthusiasmus gewisse Bedingungen (wie Zeit, Fleiß, Mühe) im Sinne eines zu entwickelnden Fähigkeitsbereiches zuschrieb.

Anhand der näheren Betrachtung beider Schriften Shaftesburys zum Enthusiasmus bleiben drei entscheidende Aspekte, die bereits im 18. Jahrhundert in der Philosophie festgestellt wurden, für den weiteren Verlauf der Beschäftigung mit dem Enthusiasmus bedeutsam: 1. Unabhängig von seiner Säkularisierung beschäftigte die Frage nach den Auslösern des Enthusiasmus die Philosophie bereits damals. 2. Die Frage nach den Äußerungsformen und möglichen weiteren Faktoren, die mit der Erfahrung des Enthusiasmus in Verbindung gebracht wurden. 3. Die Erweiterung des eigenen Fähigkeitsbereiches im Kontext des Enthusiasmus. Auf diese Differenzierungen und möglichen Betrachtungen des Enthusiasmus als Phänomen wird daher in späteren Kapiteln der Analyse erneut eingegangen.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften