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2.5 Der Enthusiasmus bei Platner und Kant

Im Gegensatz zu Platon und Shaftesbury definiert der Leipziger Mediziner, Anthropologe und Philosoph Ernst Platner (1744-1818) den Enthusiasmus im Zeitalter der Aufklärung als eine Art Affekthaltung: „ein affectartiger Eifer für Personen, die wir sehr lieben und bewundern, oder für Dinge, die wir als sehr wichtig ansehen“ (Platner, 1793, Phil. Aphor. II, §815). In dieser Definition beschreibt Platner die Objekte, welche Enthusiasmus beim Menschen auslösen können. Hiernach kann es sich bei einem Menschen sowohl um ein reales wie fiktives Objekt handeln: „Es ist überhaupt dem Enthusiasmus eigen das Bestreben, aus seinem Gegenstande herauszuziehen den Stoff lebhafter, inniger und warmer Empfindungen, und daher auch eigen die Gewohnheit, aus seinem Gegenstande, er sei nun wirklich vorhanden oder nur hervorgebracht durch die Phantasie, länger zu verweilen und ihn zu vergrössern und zu erweitern“ (a.a.O., §468). Diese Definition beschreibt die Auswirkungen, die ein ausgelöster Enthusiasmus hervorruft und die Anziehungskraft, die der Enthusiasmus auf ein anderes Objekt oder Subjekt im Sinne einer zeitlichen und dauerhaften Entwicklung auslösen kann. Platner betont die Äußerungsformen des Enthusiasmus und spricht damit ein Kontinuitätsprinzip an, jedoch bezieht er sich nicht auf seine möglichen Auslöser oder langfristigen Wirkungsweisen.

So war es nur wenig später Immanuel Kant (1724-1804), der in seiner „Kritik der Urteilskraft“ (1790) den Enthusiasmus zwar auch als Affekt, jedoch deutlich differenzierter als Platner benannte: „Die Idee des Guten mit Affekt heißt der Enthusiasmus“ (Kant, [1790] 2001, §29, [272]). Auch Kant fügt dem Begriff des Enthusiasmus, ähnlich wie Platner, eine emotionale Komponente hinzu, die nach Kant nicht von Vernunft geprägt ist. So heißt es weiter: „Wie jeder Affekt ist dieser Gemütszustand blind, er kann also der Vernunft nicht wohlgefallen“ (a.a.O.). Kant geht in seiner Definition nun einen Schritt weiter und bringt in Hinblick auf die Ästhetik noch eine besondere Eigenschaft des Enthusiasmus zum Ausdruck: „Ästhetisch aber ist er erhaben, weil er eine Anspannung der

Kräfte durch Ideen ist, welche dem Gemüte einen Schwung geben, der weit mächtiger und dauernder wirkt, als der Antrieb durch Sinnenvorstellungen“ (a.a.O.). Kants dynamische Vision des Enthusiasmus als ein Gemütsschwung mit seiner Anspannung der Kräfte mittels menschlicher Ideen durch die Verbindung von emotionaler Substanz mit kognitiver Kausalität führt zu einer ästhetischen Erhabenheit. Nach Kant ist Enthusiasmus selbst also nicht verstandsimmanent, sondern vielmehr eine Bewegung des menschlichen Gemüts durch Affekt. Diese Mehrdimensionalität und Dynamik zeichnet seine Definition im Vergleich zu anderen kontemporären Definitionen aus, da sie sowohl eine Aktivität des Individuums (und nicht ein fast passives „Ergriffensein/-werden von Gott“), als auch eine Beschreibung darüber gibt, wie sich der Enthusiasmus äußert („dem Gemüte einen Schwung geben“). Es ist bisher die einzige Definition, die gleichzeitig auch Aussagen über die längerfristigen Auswirkungen des Enthusiasmus macht. Die Ausführungen und Definitionen von Platner und Kant belegen ein neu-es Verständnis des ausgelösten Enthusiasmus beim Menschen zur Zeit der Aufklärung. Dieser wird nun viel mehr säkularisiert gesehen und seiner Wirkungsweise beim Menschen beschrieben, die als ein anregender Affekt, der den Geist kraftvoll inspirierend und andauernd ist. Als „die Idee des Guten mit Affect“ beschreibt Kant den Enthusiasmus (a.a.O.). Auch Platner spricht beim Enthusiasmus von einem „affectartigen Eifer“ (Platner, 1793, Phil. Aphor.,II, §815). Doch was verstand man damals unter dem Begriff ‚Affekt'? Kant definiert ihn in seiner Vorlesung über Moralphilosophie den Affekt als eine Steigerung des Gefühls: „Ein Gefühl kann ein Affect, und eine Neigung eine Leidenschaft werden. [...] Der Grad der Empfindung der Gegenstände [...] ist ein Affect. [...] Wenn der Gegenstand unser Gefühl afficirt, daß wir es nicht mit dem gesamten Gefühl vergleichen können, dann erregt er in uns einen Affect“ (Kant, [1770], 1974, S. 204). In Bezug auf die Vernunft sagt Kant weiter über den Affekt: „Ein Mensch kann nicht mehr nach Vernunft handeln, so bald er in Leidenschaften und Affecten ist [...]“ (a.a.O.).

Das Wort ‚Affekt' wurde im 18. Jahrhundert aus dem Lateinischen von

‚affectus' bzw. dem Verbalabstraktum ‚afficere'‚ hinzutun, einwirken, anregen' entlehnt (vgl. Kluge, 1989, S. 12). Heutzutage versteht man unter einem Affekt (lat. affectus, Stimmung, Leidenschaft, Begierde) eine Erregung oder Gemütsbewegung, die nicht vorher überlegt oder reflektiert wurde und als ein intensives und meist relativ kurz andauerndes Gefühl beschrieben wird (vgl. Dorsch, 2013, S. 104). Diese Kurzzeitigkeit des Gefühls, so wie wir es heute verstehen, ist bei Kant noch nicht explizit hervorgehoben (vgl. Kant, [1770], 1974, S. 205ff), jedoch ist das wenig reflektierte und daher nicht verstandesgeleitete Element des Affekts in seiner Definition existent geblieben. Bekannte Affekte sind heutzutage Wut, Schreck, Entsetzen, Entzücken und Begierde (Clauß et al., 1985, S. 13).

Die Affektforscher Krause et al. (vgl. Krause et al., 1992, S. 238ff) betrachten einen Affekt aus psychologischer Sicht differenzierter. Sie schreiben jedem Affekt drei Dimensionen zu: eine Ausdrucksdimension, eine körperliche Dimension und eine motivationale Dimension. Alle Affekte erzeugen eine bestimmte Emotion, die sich im Körper und durch Mimik eines Menschen ausdrücken. Gleichzeitig impliziert ein Affekt meist eine instinktive Zielstrebigkeit (vgl. Dorsch, 2013, S. 104), welche innerhalb der motivationalen Dimension zum Ausdruck kommt. Ein Lächeln ist Ausdruck für den Affekt der Sympathie (vgl. Krause et al. 1992, S. 238). Dieser Affekt kann sich sowohl auf die Sympathie einer anderen Person oder eines Gegenstandes beziehen.

Eine weiterführende Analyse der emotionalen und physischen Äußerungsformen des Enthusiasmus beim Menschen wäre interessant. Da dieses jedoch weit in den Bereich der Psychologie geht, soll für das vorliegende Forschungsvorhaben festgehalten werden, dass bereits Kant auf diese emotionale Äußerungsform verwiesen hat und sie mit dem Affekt in Verbindung bringt. Deshalb soll auch in der empirischen Untersuchung zum (musikalischen) Enthusiasmus nach dessen möglichen emotionalen Äußerungsformen und seiner Wirkungsweise beim Menschen gefragt werden.

 
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