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2.6 Untersuchungen zum Enthusiasmus im 20. Jahrhundert

Im folgenden Kapitel werden die Veröffentlichungen von Eugen Fink (1947) und Lambert Bolterauer (1989) zum Enthusiasmus vorgestellt. Fink und Bolterauer betrachten mit ihrem philosophisch-psychologischen Schwerpunkt für ihre jeweilige Disziplin den Enthusiasmus im sozialen Umfeld zwischen Kollektiv und Individuum, was auch später noch für die empirische Untersuchung des Enthusiasmus im musikalischen Umfeld in den folgenden Kapitels dienlich sein wird.

2.6.1 Das Phänomen aus philosophischer Sicht

Der Erziehungswissenschaftler und Philosoph Eugen Fink (1905-1975) ist ein Vertreter der Freiburger Schule und sprach im Jahre 1946 im Rahmen eines Vortrags über das Wesen des Enthusiasmus. Er fragt hier nach dem Bezug von Enthusiasmus und Philosophie: „Hat es die Philosophie, wie ja mit allem irgendwie, auch mit dem Enthusiasmus als Erkenntnisobjekt zu tun? Oder hat am Ende gar der Enthusiasmus einen Bezug zur Philosophie?“ (Fink, 1947, S. 14). Was die etymologische Begriffsbestimmung angeht, so benutzt Fink, ohne es ausdrücklich zu erwähnen, ebenfalls das Wort ‚Begeisterung' als Synonym für

‚Enthusiasmus'. Gleich zu Anfang klärt er die aufkommende und für die Wissenschaft entscheidende Frage nach der Vernunft und der Verbindung des wissenschaftlichen Geistes mit der Begeisterung, die auch schon in der Vergangenheit beispielsweise bei den Philosophen Shaftesbury, Platon und Kant bedeutsam war: „Das flache Vorurteil, die enthusiastische Begeisterung sei mit dem wissenschaftlichen Geiste der Philosophie unvereinbar, ist ebenso sehr eine Verkennung der Natur der Begeisterung wie derjenigen der Philosophie; Begeisterung ist nicht ein vernunftloses Gefühl [...]; eine solche Meinung gehört zu den Requisiten [einer] vulgären Psychologie“ (a.a.O., S. 14). Das Philosophieren definiert Fink als eine Weise enthusiastischer Existenz (vgl. a.a.O., S. 16), die verwandt ist mit der Kunst und der Religion. Kunst, Religion und Philosophie sind für ihn die „absoluten Verhältnisse, in denen der Mensch mit enthusiastisch gelöster Seele teilnimmt am Seiensgrund alles Seienden“ (a.a.O.). Auf der einen Seite spricht Fink von diesen drei einzigen „absoluten Verhältnissen“ an denen der Mensch mit enthusiastisch gelöster Seele teilnimmt. Auf der anderen Seite weist Fink darauf hin, dass auch dort Enthusiasmus möglich ist, wo es sich um eine Wissenschaft der rein abstrakten und kognitiven Prozesse handelt, „wie zum Beispiel in der Mathematik, die helle geistige Freude wissenschaftlich forschender Begeisterung“ (a.a.O., S. 14). Fink sieht die Möglichkeit des Menschen zum philosophischen Denken im Enthusiasmus selbst begründet (vgl. a.a.O., S. 15) und spricht diese gleichzeitig auch allen anderen Disziplinen zu. Er begründet damit auch eine vielfältige Ausdrucksweise des Enthusiasmus, der nicht unbedingt vernunftlos existieren muss. Neben der wortwörtlich genommenen „enthusiastischen“ Begeisterung sieht er zwei Richtungen der „humanen“ Begeisterung: Die eine Richtung ist die des „dionysischen Rausches“ als eine panische Naturgewalt in uns selbst im Zusammenhang mit einem Sichzugehörigwissen zur Physis, welches ein Einverständnis mit allem ergibt (vgl. a.a.O., S. 24). Die andere Richtung ist seiner Definition nach ein polar entgegengesetztes Moment der menschlichen Existenz, die sich durch Freiheit und dem Entwurf vom Neuen sowie der „Spielseligkeit des Beginnens in einem Bewegungssturm zusammenfaßt“ (a.a.O.). Als geschichtliches Sinnbild nennt Fink dafür selbst den Helden.

Nach dieser groben Einteilung der Formen der Begeisterung räumt der Philosoph schnell ein, dass „die Fülle konkreter Typen individueller und kollektiver Begeisterungen“ ganz außer Betracht bleibt (a.a.O.). Dieser Hinweis ist von Bedeutung, da Fink damit die vielfältigen Äußerungsformen sowohl für das Individuum als auch für das Kollektiv anspricht und zugibt, dass seine Einteilung nur einer groben Darstellung des Enthusiasmus in seiner Ganzheit entspricht.

Das begeisterte im Vergleich zum unbegeisterten Menschentum nennt Fink einen Zustand der Seligkeit, die Sinne und Geist als ein steigerndes Kraftund

Machtgefühl der Seele (vgl. a.a.O.) beflügelt. Außerdem beschreibt er daraufhin einen wichtigen Aspekt, der für die Äußerungsweisen des Enthusiasmus im Rahmen seiner Prozesshaftigkeit wichtig ist. Es ist der Impuls durch die sich äußernde Kraft der Seele zu dem „Verlangen nach Tat“. Es ist eine „Kraftäußerungals ein Hinwegspringenwollen über Grenzen und bestehende Ordnungen“ (vgl. a.a.O.), die zu den Auswirkungen des Enthusiasmus beim Menschen zählen.

Zusammengefasst bleibt festzuhalten, dass Fink mit seinem Vortrag, den er in einer historisch und auch für den Umgang mit dem Enthusiasmus besonderen Zeit hielt, den Begriff der „wissenschaftlich-forschenden“ Begeisterung benennt und damit die vielfältigen Auslöser des Enthusiasmus hervorhebt. Ebenso existiert für ihn diese Vielfältigkeit auf der Ebene der Äußerungsformen. Fink unterscheidet erstmalig zwischen der „enthusiastischen“ und der „humanen“ Begeisterung und beschreibt in diesem Rahmen schließlich auch das daraus resultierende und für den Lernprozess so essentiell wichtige „unbändige Verlangen nach Tat“ (Fink, 1947, S. 23), das nicht mehr als verstandslos angesehen wird. Fink nähert sich mit seinen Ausführungen einer strukturierteren Betrachtung des Phänomens‚Enthusiasmus', die sich neben den Auslösern auch mit möglichen Auswirkungen und Konsequenzen befasst.

 
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