< Zurück   INHALT   Weiter >

2.6.2 Der gefährliche Missbrauch des Enthusiasmus

Ein weiterer Wissenschaftler, der sich mit dem Enthusiasmus nach dem II. Weltkrieg beschäftigte, ist der österreichische Psychologe Lambert Bolterauer (19032000). Er studierte in Wien Philosophie, Psychologie, Geschichte und Musik. In seinem Werk „Die Macht der Begeisterung – Fanatismus und Enthusiasmus in tiefenpsychologischer Sicht“ (1989) fasst er seine vier in der Nachkriegszeit gehaltenen Vorträge zusammen. Der Psychologe fragt hier nach der Sinnhaftigkeit des Enthusiasmus: „Braucht der Mensch die Fähigkeit, das sehr eigenartige, erregende und belebende Gefühl der Begeisterung zu erleben und wenn ja, wofür und weshalb braucht er es?“ (Bolterauer, 1989, S. 9). Diese Frage von Bolterauer ist leitend für den bevorstehenden Prozess zur Erforschung des Phänomens „Enthusiasmus“ im musikalischen Umfeld.

Bolterauer bezieht sich auf den Nobelpreisträger Konrad Lorenz, der als Verhaltensbiologe zum ersten Mal das Phänomen der massenpsychologischen Begeisterung untersuchte „Da wir als Menschen davon ausgehen, dass wir einen

‚Geist' besitzen und uns als Lebewesen von den Tieren unterscheiden, sollte man im Umkehrschluss auch vermuten, dass Tiere deshalb nicht begeisterungsfähig sind.“ (vgl. a.a.O., S. 15). In den Ausführungen von Bolterauer wird in Bezug auf die Massenbegeisterung eines ganz deutlich: Der Enthusiasmus ist im 20. Jahrhundert nicht mehr nur unbefangen, ideell ausgerichtet und in Hinblick auf ein Objekt definiert worden. Vielmehr wurde er zur Zielerreichung von Personen vor einem Kollektiv vorgegeben. Genau hier beginnt der Missbrauch des Massenenthusiasmus, nämlich dort wo er von (dem eigenen) Enthusiasmus in einen geteilten Fanatismus umgelenkt wird. Wenn er nicht mehr ideell, individuell und auch zielgerichtet ist, jedoch nicht eine Unbedingtheit und einen damit einhergehenden ‚Kampf um Interessen' von Massen impliziert. Diese ‚gefährliche' Trias führt Lorenz auch als Begründung für die Auslösung von Fanatismus an.

Dieser (Massen-)Enthusiasmus hat mit dem Enthusiasmus, so wie wir ihn in der heutigen Zeit verwenden, selbstverständlich nichts mehr zu tun. Er hat sich im Laufe der Zeit von seinem geschichtlichen Missbrauch losgelöst. Dennoch benötigte der Begriff Zeit, um im allgemeinen Sprachgebrauch wieder in seiner richtigen Bedeutung und besonders im Kontext des Enthusiasmus von Gruppen als Kollektiv verwendet zu werden. Diese Zeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war notwendig, um den ausschließlich positiv konnotierten Begriff wieder zu beleben. Gleichzeitig verlor er durch seine Historie dadurch aber auch die Chance, als Phänomen im positiven Sinne weiter erforscht zu werden. Diesen Rückstand hat er, den wenigen wissenschaftlichen bekannten Erforschungen nach zu urteilen, nicht zuletzt durch diesen historischen Missbrauch, noch nicht ausreichend aufgeholt um heutzutage ausreichend erforscht und in der Forschung präsent zu sein. Für die Musikpädagogik soll die Erfahrung des Enthusiasmus für Musik auch als eine gemeinsame (und ausschließlich positive) Erfahrung in der Gruppe deshalb als Faktor zur Auslösung und Förderung des eigenen Enthusiasmus innerhalb der folgenden empirischen Studie untersucht werden.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >