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3.3 Erziehungsstile nach Kurt Lewin

Ein großer Psychologe des 20. Jahrhunderts, der sich mit den Wirkungsweisen zwischen dem Individuum und dessen Handlungen in einem gegebenen Umfeld ausführlich beschäftigte, ist Kurt Lewin (1890-1947). Aufgrund seiner transdisziplinären wissenschaftlichen Orientierung sowie der Verknüpfung von Wissenschaft und gesellschaftlichem Handlungsfeld gilt er als Vorreiter für viele weitere sozialwissenschaftliche Forschungen. Seine Ergebnisse sind bis heute für die Sozialwissenschaft und Pädagogik von Bedeutung. Über Kurt Lewin ist jedoch insgesamt nicht viel publiziert worden. Die wenigen Werke über ihn sind Gründe für seinen geringeren Bekanntheitsgrad und das Bewusstsein für seine maßgelbliche wissenschaftliche Forschung. Warum diese nicht der hohen Bedeutung von Lewins Arbeit in der Psychologie und anderen Disziplinen gerecht werden, soll nach einer kurzen Zusammenfassung seiner Biographie anhand der Vorstellung seiner Definition verschiedener Erziehungsstile gezeigt werden.

Kurt Tsadek Lewin wird am 9. September 1890 in Posen geboren. Der Sohn jüdischer Eltern widmete sich 1910 dem Studium der Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (vgl. Wittmann, 1998, S. 15). Dort arbeitet er zwei Jahre lang an seiner Dissertation über „Die psychische Tätigkeit bei der Hemmung von Willensvorgängen und das Grundgesetz der Assoziation“ (zitiert nach Schönpflug, 1992, S. 16). Lewin dient in dieser Zeit als Kriegsfreiwilliger (vgl. Lück, 1996, S. 14). Daher legt er erst kurz nach Kriegsbeginn seine mündliche Doktorprüfung ab. 1918 wird er im Krieg schwer verwundet. Nach einigen willenspsychologischen Forschungen an Industriearbeitern am Psychologischen Institut der Berliner Universität erscheint im Jahre 1922 Lewins Habilitation beim Springer Verlag (vgl. Schönpflug, 1992, S. 16). 1928 wird er zum außerordentlichen Professor der Philosophie und Psychologie ernannt. In Deutschland erreicht Lewin mit einem Filmvortrag „Kindlicher Ausdruck“ auf dem X. Kongress für experimentelle Psychologie in Bonn den nationalen Durchbruch. International folgt dieser kurz darauf beim Kongress für Psychologie in den USA. Kurz nachdem er von der Nachricht erfahren hatte, dass Hitler zum Reichspräsidenten ernennt wird, entschließt sich Lewin 1932 sofort zur Emigration in die USA und gibt seine Stellung am Berliner Institut umgehend auf (vgl. Wittmann, 1998, S. 17). Während dieser Zeit in den USA entstehen, zusammen mit seinen Mitarbeitern, die inzwischen bekannten Untersuchungen über Führungsstile, auf die am Ende dieses Kapitels noch ausführlicher eingegangen wird. Sie nehmen eine Schlüsselstellung in Lewins wissenschaftlicher Entwicklung von der Kinderpsychologie zur Psychologie von Gruppen ein.

In der Wissenschaft entwickelte sich Lewin vom theoretisch und akademisch organisierten Psychologen zum Gruppendynamiker und Aktionsforscher (vgl. Schönpflug, 1992, S. 18). Seinen wissenschaftlichen Höhepunkt erfuhr er mit seiner Berufung zum Leiter des Research Center for Group Dynamics am Massachusetts Institut of Technology (MIT) in Boston. Nur wenige Jahre nach diesem großen Erfolg stirbt Kurt Lewin am 12. Februar 1947 unerwartet an den Folgen eines Herzanfalls (vgl. Wittmann, 1998, S. 19).

Edward Toleman führte Kurt Lewin in seiner Rede im Rahmen der akademischen Trauerfeier zusammen mit Sigmund Freud als die beiden Anführer der Psychologie an, die diese als Wissenschaftler durch ihr zeitgemäßes Verständnis maßgeblich prägten: „Freud, der Kliniker und Lewin, der Experimentator, dies sind die beiden Männer, deren Namen in der Geschichte unserer Psychologie vor allen anderen stehen werden“ (a.a.O.).

Auch wenn die Erziehungsstile nach Kurt Lewin sowohl unter politischen als auch kulturellen Aspekten (in Bezug auf eine typisch amerikanische Sozialisation) diskutiert wurden (vgl. Lück, 1996, S. 102), so ist es ein hervorragendes Beispiel der Geschichte dafür, wie bei einer dynamischen Betrachtungsweise von Lewin Politik, Pädagogik und Psychologie als wissenschaftstheoretisches Abbild der Zeit in seiner Arbeit zusammenhängen.

Doch auch nach Lewins Tod waren die Erziehungsstile weiterhin ein Interessenschwerpunkt der Forschung. So bekamen sie im Rahmen der familiären Sozialisationsforschung besonders durch die Münchener Gruppe um Klaus Schneewind weiterhin eine besondere Bedeutung (Schneewind & Lukesch, 1978) und es entstanden neue Theorien, Methoden und Anwendungen für das elterliche Erziehungsverhalten (Herrmann & Schneewind, 1980). Das unterstreicht nur noch einmal mehr, wie wegweisend und bedeutend bis heute nicht nur Lewins beeindruckende Biographie sondern auch seine frühen Forschungsansätze über die Führungsstile bis heute sind.

Weder bei der Feldtheorie noch bei der Typologisierung verschiedener Erziehungsstile ging es Kurt Lewin um die Operationalisierung theoriebegründeter Hypothesen im Sinne des Neopositivismus. Es ging ihm immer um die Gesamtsituation (vgl. Lück, 1996, S. 103). Lewin geht von dem handelnden Menschen in seinem Umfeld als Ganzes aus. Seiner Meinung nach führt es nicht weiter, wenn man Handlungen in einzelne Teile zerlegt, sondern vielmehr sei von einer Analyse der Gesamtsituation auszugehen (vgl. Lück, 1996, S. 1). Unter dem Begriff des „Aufforderungscharakters“ gibt Lewin eine Begründung für die bestimmte Wertigkeit, die ein Ziel für einen Menschen besitzt. Lück fasst dieses als simple Definition der Feldtheorie von Lewin so zusammen: „Ganz einfach gesagt, [geht es darum] dass wir uns zu manchen Dingen in unserer Umgebung hingezogen und von anderen abgestoßen fühlen, ähnlich wie eine Masse im Schwerefeld oder Eisenfeilspäne im Magnetfeld [sich] verhalten.“ (Lück, 1996, S. 3). Um die Fehleinschätzung zu vermeiden, dass die Annahme eines passiven Verhaltens des Individuums und seiner Steuerung durch die Umwelt Lewin zu unrecht dem Behaviorismus zuordnet, fügt Lück gleich hinzu, dass es vielmehr um ein „Sich-Verhalten“ geht, da es der Mensch selbst ist, der im Sinne Lewins seine Umwelt wahrnimmt und bewertet (vgl. a.a.O.). „Field theory is probably best characterized as a method: namely, a method of analyzing causal relations and of building scientific constructs. This method [...] can be expressed in the form of [...] the ‚nature' of the conditions of change.“ (Lewin, 1951, S. 45).

Mit seinen Mitarbeitern Ralph K. White und Ronald Lippitt führte Lewin in den Jahren 1937 und 1938 in Amerika experimentelle Studien zur Wirkung verschiedener Führungsstile auf die Gruppenatmosphäre durch, die bis heute als klassische Beispiele für experimentelle sozialpsychologische Forschung gelten.

Der Erziehungsstil kennzeichnet die Grundhaltung des Erziehers gegenüber einer Gruppe, die konstant und gleichzeitig immer individuell und personenabhängig ist (vgl. Hobmair et al., 2008, S. 213). Die Entstehung der Forschungsgruppen für das Experiment zeigen Lewins besonderes Verständnis von Wissenschaft. Zunächst waren nur zwei Fünfergruppen von Jungen im Alter von zehn Jahren gebildet worden, die sich einmal pro Woche innerhalb dieser Spielgruppe zum Anfertigen von Theatermasken trafen. Lewin ging hier zunächst nur von einem Gegensatzpaar zweier unterschiedlicher Erziehungsstile aus. Er differenzierte zwischen einer autoritären und einer demokratischen Verhaltensweise. Der eine Leiter führte die Gruppe daher nach einem autoritären, der andere Leiter eine andere Gruppe nach einem demokratischen Erziehungsstil. Ersterer impliziert, dass die Aktivitäten der Kinder vom Gruppenleiter bestimmt werden und er die alleinige Verantwortung trägt. Die Aufmerksamkeit der Gruppe ist durch ein ausgesprochene und persönlichkeitsbezogene Lob und Tadel auf den Leiter gerichtet. Dieser ergreift jedoch keine extremen autoritären Maßnahmen in Form von Drohungen o.ä.. Durch ein recht unpersönliches Verhalten hält er sich ansonsten von der Gruppe fern. Den Gruppenmitgliedern ist das weitere Vorgehen meistens nicht bekannt und sie verlassen sich daher ganz auf die Leitung des Gruppenleiters (vgl. Lück, 1996, S.98ff).

Im Gegensatz zum autoritären Erziehungsziel nennt der Gruppenleiter bei einer demokratischen Verhaltensweise verschiedene Lösungsvorschläge. Die Mitglieder der Gruppe besitzen Wahlmöglichkeiten. Sein Lob und seine Kritik sind objektiv und nicht individuell auf die einzelnen Mitglieder bezogen. Auch über das gemeinsame Ziel gibt der Gruppenleiter einen Überblick und überträgt die Verantwortung an die Gruppe (beispielsweise was Fragen der Aufgabenverteilung sowie Aufgabenlösung angeht). Er steht mit der Gruppe auf einer Ebene, da er sich wie ein Mitglied von ihr verhält. Auch die Gruppenarbeit an sich wird nicht durch Kommandos oder Befehle unterbrochen (a.a.O.).

Auf den dritten Erziehungsstil kam Lewin innerhalb seiner Forschung erst durch das Verhalten seines Mitarbeiters Ralph White. Dieser verhielt sich anders, als es nach einem demokratischen Führungsstil der Gruppe für dieses Experiment vorgesehen war. Sein Kollege Lippitt, ein ausgebildeter Sozialarbeiter, beschrieb die Situation wie folgt: „Während des ersten oder zweiten Treffens der [...] Jungen [...], verhielt sich Ralph, der [...] die Rolle des demokratischen Führers übernommen hatte, in einer Weise, die sich sehr von den anderen demokratischen Führerrollen unterschied, die wir definiert hatten. Offensichtlich erzielte er eine ganz andere Wirkung, wie die Reaktionen der Kinder zeigten. So war ein neuer Genotyp – der später Laissez-faire Typ genannt wurdegeboren“ (Lück, 1996, S. 100). Der neue Erziehungsstil zeichnet sich dadurch aus, dass der Gruppenleiter sich sehr passiv verhält und nur minimale Vorgaben macht. Sein Auf- gabengebiet beschränkt sich weitgehend auf das Bereitstellen unterschiedlicher Materialien. Er verhält sich zwar freundlich, jedoch ausgesprochen passiv zur Gruppe.

Nicht nur die Tatsache an sich, dass anhand des unvoreingenommenen und natürlichen Verhaltens von Lewins Mitarbeiter White dieser neue Erziehungsstil zum Vorschein kam, sondern auch besonders Lewins Verhalten in dieser Situation sind bemerkenswert: „[...] Kurt beobachtete [...]. Seine Augen verrieten seine Aufregung darüber, daß er einen grundlegenden genotypischen Unterschied zwischen dem demokratischen Verhaltensmustern und dem wahrnahm, was wir später das LaissezfaireMuster [...] nannten. [...] Die Veränderung ist ein gutes Beispiel für Kurts Kreativität.“ (a.a.O.). Nach dieser Erkenntnis folgte ein weiteres Experiment, durchgeführt von Lippitt und White, mit Gruppen von zehnjährigen Jungen. Nun wurde eine weitere Gruppe systematisch unter einer Laissezfaire Atmosphäre untersucht, in der sich der Gruppenleiter völlig fern hielt. Zwar stand er für Rat zur Verfügung, jedoch nur auf Anfrage. Hier wurde, ebenso wie in der autokratisch geführten Gruppe, ein deutlich höherer Grad an Streitigkeiten und Aggressivität im Gegensatz zu der Gruppe mit einer demokratischen Atmosphäre vermerkt. „Äußerungen mit ‚Wir-Charakter' kamen in der Demokratie doppelt so oft vor wie in der Autokratie“ (a.a.O., S. 101). Dieses Ergebnis, welches das Resultat zweier verschiedener Führungsstile ist, fasst Lewin für das Individuum zusammen, indem er dem sozialen Klima eine hohe Bedeutung für das Sicherheitsbewusstsein des Gruppenmitglieds zuschreibt: „Die Gruppe, zu der ein Kind gehört, ist der Boden, auf dem es steht. Sein Verhältnis zu dieser Gruppe und sein Rang in ihr sind die bedeutsamsten Faktoren für sein Sicherheitsoder Unsicherheitsgefühl“ (Lewin, 1953, S. 125, zitiert nach Lück, 1996, S.101).

 
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