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3.6 Das Phänomen im Subjekt-Objekt-Verhältnis als Trias

Eine triadische Betrachtung des Subjekt-Objekt-Verhältnises wird in der Philosophie im Zusammenhang mit der Beschreibung der Erfahrung vom allgemeinen Enthusiasmus durch ein Objekt beim Subjekt vorgenommen. Die eindeutige Ähnlichkeit von dieser Subjekt-Objekt-Beschreibung und die ebenso zu verstehende Verbindung des Schülers mit dem Lerninhalt als Definition der Pädagogik, führten zu diesem zusammenfassenden Kapitel des triadischen Verständnisses aus den beiden Disziplinen.

Im Jahre 1919 veröffentlichte der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers (1883-1969) die „Psychologie der Weltanschauungen“. In diesem Werk widmet er auch ein Kapitel der „Phänomenologie des Enthusiasmus“. Hierbei unterscheidet Jaspers zwischen sechs Grundcharakteren. Um den Begriff Enthusiasmus für die Philosophie wieder aufleben zu lassen, untersuchte der Philosoph Bernd Bösel diese Grundcharaktere, um die besondere Subjekt-Objekt Beziehung im Kontext des Enthusiasmus für die Philosophie zu begründen.

Bösel systematisiert Jaspers Ausführungen zum Enthusiasmus allgemein, da Jaspers keine inhaltliche Trennung verschiedener Ebenen vornimmt. Er unterscheidet Jaspers Aussagen in monadische, dynamische und triadische Vereinigungen. Der Enthusiasmus wird vom Individuum als ein „Erfülltsein“ erlebt, das die Seiensebenen Leib, Seele und Geist beim Subjekt gleichermaßen anspricht und vitalisiert – eine monadische Vereinigung (vgl. Bösel, 2008, S. 52). Auf der direkten Subjekt-Objekt-Ebene fasst Bösel das Erleben eines Enthusiasmus durch ein Objekt als eine Verflechtung zusammen, „ohne sich gegenseitig ihrer Konturen zu berauben“ (a.a.O.). Diese Vereinigung aufs Tiefste, ohne zu verschmelzen, bezeichnet Bösel als dyadische Vereinigung. Die Begeisterung ist für ihn das Einswerden mit diesem Ganzen „und zwar auf dem Fundament der dyadischen Verbundenheit von Subjekt und Objekt“ (a.a.O.). Zwar betrachtet Kansanen sein didaktisches Dreieck nicht vor dem Hintergrund einer Vereinigung, jedoch beschreibt der Erziehungswissenschaftler den Subjekt-ObjektBezug aus pädagogischer Sicht ähnlich: „In a context where the teacher acts purposively in interaction with students who have also internalised the aims and goals of the curriculum, the teaching–studying–learning process may be called purposive as a whole“ (Kansanen, 2003, S. 228). Lehrer und Schüler sind hier Teile eines Ganzen. Und so wird der Unterschied der Beschreibungen des Subjekt-Objekt-Bezuges zwischen der pädagogischen und philosophischen Trias deutlich: Bösel spricht von einem Subjekt, dessen zielgerichteter Enthusiasmus durch ein Objekt ausgelöst wird, was auf einer dyadischen Beziehung zwischen Subjekt und Objekt basiert. Der ausgelöste Enthusiasmus öffnet diese Dyade zu einer Triade – zu einer Einswerdung mit dem „Sein im Ganzen“. Nichts anderes geschieht in einer von ME geprägten Unterrichtssituation zwischen dem Schüler, dem Lehrer und dem Unterrichtsinhalt, wenn ein ME ausgelöst wird. Die allgemeine pädagogische Situation beschreibt Kansanen mit der „purposiveness“ und „[internalisation] of the curriculum“, die zu einer „purposive as a whole“ führt (a.a.O.). Das ist Kansanens Beschreibung des „Ganzen“ mit dem Unterschied, dass zwei Subjekte in einer pädagogischen Situation diese Trias mit ihrer gleichzeitigen Verbundenheit zu einem Ganzen werden lassen. Doch gemeint ist hier ebenso die Vereinheitlichung und Betrachtung der gesamten Situation, die, philosophisch gesprochen, zu einer Einswerdung aller beteiligten Subjekte und Objekte durch den ausgelösten ME führt. Vor diesem Hintergrund kann man sich nun in Hinblick auf die Auslösung eines ME im Unterricht allgemein folgende Frage stellen, damit es zu einem ME im Unterricht kommt: Durch was wird der ME beim Schüler ausgelöst?

Abbildung 10: Mögliche Auslöser des Musikalischen Enthusiasmus im Musikunterricht

Ist es der Lehrer mit seinem eigenen ME für den Unterrichtsinhalt, so wie es auch in einer von Reziprozität geprägten Situation mit dem ME beschrieben wurde? Oder ist es der Unterrichtsinhalt selbst, der den ME beim Schüler auslöst? Bezogen auf das didaktische Dreieck ist es vorstellbar, dass der ME für den Unterrichtsinhalt über zwei mögliche Wege beim Schüler ausgelöst werden kann.

Fall 1:

Abbildung 11: Fall 1 der Auslösung des Musikalischen Enthusiasmus innerhalb des Didaktischen Dreiecks

Hier löst die Lehrperson durch den eigenen ME den Unterrichtsinhalt und dessen Vermittlung einen ME beim Schüler aus. Der ME beim Schüler zeigt sich durch Interesse, Neugierde und eine Motivation den Inhalt zu erlernen.

Fall 2:

Abbildung 12: Fall 2 der Auslösung des Musikalischen Enthusiasmus innerhalb des Didaktischen Dreiecks

Der Unterrichtsinhalt wird ebenso wie in Fall 1 von der Lehrperson an den Schüler vermittelt. Trotzdem löst dieses in der Situation ausschließlich einen ME für den Unterrichtsinhalt (philosophisch gesehen als ‚Objekt') aus. Die Lehrperson wird vom Schüler nicht besonders wahrgenommen und eher als Vermittler und Ermöglicher der Situation verstanden.

Die Musiklehrer werden innerhalb der empirischen Datenerhebung nicht zu ihrem ME befragt und es wird auch keine Analyse der Unterrichtssituation zu ME durchgeführt. Dennoch soll anhand der Untersuchung erforscht werden, welche Rolle und welchen Einfluss die Lehrkraft auf den ME des Schülers besitzt. Eine natürliche Gewinnung von Daten hierzu wird ermöglicht, da die Lehrkraft nicht im Mittelpunkt der Befragung steht. Die empirischen Ergebnisse werden auf Aussagen zum ME und seine Auslösung durch die Lehrperson im empirischen Teil zusammengefasst.

 
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