< Zurück   INHALT   Weiter >

3.7 Objekte und enthusiasmierende Atmosphären

Die Philosophie beschreibt den Enthusiasmus bereits als eine verbindende und sogar verschmelzende Beziehung von Subjekt und Objekt, so wie es innerhalb der triadischen Beziehung im vorangegangenen Kapitel dargestellt wurde. Die Verschmelzung reicht hin bis zur Ekstase des Subjekts durch eine völlige Hingabe der Menschen zum Objekt. Das Subjekt nimmt ein Objekt in diesen Situationen mit einer uneingeschränkten Konzentration wahr.

Der Philosoph Gernot Böhme beschreibt in seiner neuen Ästhetik diesen primären Gegenstand der Wahrnehmung als ‚Atmosphäre' (vgl. Böhme, 2001, S. 48). Demnach sollte bei der Betrachtung der Subjekt-Objekt-Beziehung im Kontext des ME auch die Atmosphäre, in der ein Enthusiasmus existiert, und deren Einflüsse und Auswirkungen als ein möglicher Faktor zur Förderung des ME nicht außer Acht gelassen werden.

Böhme bestimmt in seiner Theorie den Begriff der Ästhetik vor dem Hintergrund der Subjekt Objekt-Beziehung neu: „Die [...] neue Ästhetik hat es mit der Beziehung von Umgebungsqualitäten und menschlichem Befinden zu tun. Dieses und [...] dasjenige wodurch Umgebungsqualitäten und Befinden aufeinander bezogen sind, das sind die Atmosphären.“ (Böhme, 1995, S. 22f). Böhme verweist weiter darauf, dass es bei der Wahrnehmung von Atmosphären zwischen zwei Formen zu unterscheiden gilt. Die sogenannte Ingressionserfahrung beschreibt eine Atmosphäre als Stimmung, die dem Objekt zwar anmutet, wenn er beispielsweise in den Raum kommt, die jedoch noch nicht seine eigene Stimmung entspricht. Neben der Ingression beschreibt Böhme als eine weitere gegenständliche Erfahrung von Atmosphären, die Diskrepanz. Hier weicht das Subjekt mit seiner eigens mitgebrachten Stimmung von der Stimmung um es herum ab. Als Beispiel führt er die Heiterkeit eines Frühlingsmorgens an, die für das Individuum nicht in dem Maße zu erfahren ist, wenn es selber gerade trauert (vgl. Böhme, 2001, S. 47f). Ingression und Diskrepanz beschreiben die Formen der Auseinandersetzung des Individuums mit Atmosphären. Auch wenn Böhme im Rahmen seiner Differenzierung von Atmosphäre und subjektiver Stimmung den Begriff in diesem Zusammenhang nicht anführt, so kommt man aufgrund der Wechselwirkung von Subjekt und Atmosphäre als Objekt auch nicht um den Begriff der Reziprozität herum. Eine von Enthusiasmus geprägte Atmosphäre kann dazu führen, dass das Subjekt die anmutende Stimmung aufnimmt und, wie man sagt, von der Atmosphäre „angesteckt“ wird. (Zur Beschreibung des Verhältnisses spricht Böhme hier von den „gestimmten Räumen“ und nennt als Beispiel die Melancholie, den Gegenspieler des Enthusiasmus [vgl. a.a.O., S. 49ff]). Hier wirkt die von Enthusiasmus geprägte Atmosphäre als Objekt „ansteckend“ auf das Subjekt. Umgekehrt kann auch der Enthusiasmus eines Einzelnen auf eine Atmosphäre wirken und damit viele Subjekte erreichen. Sein eigener Enthusiasmus ist etwas, das er in die Atmosphäre als „Gabe“ mit hineingibt. Daher kann man durch diese Wechselhaftigkeit von einer Reziprozität sprechen, die bei der Schaffung einer von Enthusiasmus geprägten Atmosphäre gegeben ist.

Aus verschiedenen Gründen kann der Enthusiasmus also als Charakter einer Atmosphäre definiert werden: „Charakter in diesem Sinne ist die besondere Weise, wie uns etwas affektiv betrifft, und genau das ist mit dem Charakter von Atmosphären gemeint. [...] Wichtig ist [...], dass man den Charakter einer Atmosphäre nur bestimmen kann, indem man sich ihr aussetzt.“ (Böhme, 2001, S. 52). Neben dieser von Böhme angesprochenen Partizipation des Charakters einer Atmosphäre als Bedingung für eine Definition von ihr, erweist sich ein weiterer Punkt als herausragendes Merkmal zur weiteren Bestimmung des ME. Es ist das Momenthafte im Sinne einer Zeithaftigkeit. „In dem, was Atmosphären sind, ist immer ein subjektiver Anteil und sie sind überhaupt nur in aktueller Erfahrung.“(a.a.O.). Der ME wird daher in einer Situation wahrgenommen, sei es alleine oder mit mehreren Personen gemeinsam. Die Situation an sich ist damit das, was ihn belebt und gleichzeitig das Individuum an der Atmosphäre teilhaben lässt, sei es im Kontext von Musik beispielsweise durch die Gesänge im Fußballstadion oder ein Konzert. Die musikalische Erfahrung charakterisiert ihn in der aktuell erlebten Situation und löst ihn aus – oftmals in enthusiasmierenden Atmosphären.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >