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4 Psychologische Theorien im Kontext des Enthusiasmus

In den folgenden Kapiteln wird auf die aktuellen Motivationsund Interessentheorien aus der Psychologie Bezug genommen, die in verschiedener Hinsicht mit dem Enthusiasmus allgemein, und demnach auch speziell mit dem ME, in Verbindung stehen. Sie dienen als theoretischer Hintergrund verwandter Theorien zum Enthusiasmus, die nun vor der folgenden empirischen Datenauswertung vorgestellt werden.

4.1 Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation

Ähnlich wie die Feldtheorie von Kurt Lewin, stützt sich auch die Selbstbestimmungstheorie der Motivation von Edward L. Deci und Richard M. Ryan auf das Konzept der Intentionalität des Menschen, mit der ein Verhalten begründet wird (Deci & Ryan, 1985). Hierbei ist das Zusammenspiel der kräftigen Einflussnahme durch die Situation als Umfeld von außen (Feldtheorie nach Lewin) und die von der Person selbst ausgerichtete Handlung zur Erreichung einer befriedigenden Erfahrung von entscheidender Bedeutung. Was bewegt ein Individuum zu einer motivierten Handlung? Und unter welchem Grad der Selbstbestimmung geschieht das?

Die Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan beschreibt zu diesem Wechselspiel unterschiedliche qualitative Ausprägungen des motivierten Handelns. Im Gegensatz zu anderen Theorien (Heckhausen & Rheinberg, 1980; Rheinberg, 1998, Eccles et al., 1998), welche die Handlung als ein einheitlich motiviertes Konzept beschreiben, unterscheidet die Selbstbestimmungstheorie nicht nur zwischen motiviertem und amotiviertem Verhalten, sondern schlüsselt auch die intentionalen Handlungen weiter auf als es andere Theorien bisher darlegten (vgl. Deci & Ryan, 1993, S. 223ff).

Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation von Deci & Ryan gilt aktuell als eine der führenden Motivationstheorien, weil sie nicht mehr strikt zwischen extrinsischen und intrinsischen Faktoren als Auslöser unterscheidet. Sie ist vielmehr eine organismische Theorie, die immer zur stetigen Integration der menschlichen Entwicklung auffordert und gleichzeitig durch die ständige Interaktion zwischen diesem Prozess und den Einflüssen der sozialen Umwelt eine dialektische Theorie darstellt (vgl. a.a.O.).

Deci & Ryan vertieften im Laufe der Jahre ihre Untersuchungen zur intrinsischen und extrinsischen Motivation. Eine mehrdimensionale Betrachtung der menschlichen Motivation und ihrer Bedingungen rückte mit der Zeit immer mehr in den Vordergrund. Die Forscher fragten sich: In welchem Verhältnis stehen extrinsische und intrinsische Motivation wenn sie keine Antagonisten sind? (vgl. a.a.O., S. 226).

Eine extrinsische Motivation wird durch Anforderungen von außen an das Individuum hervorgerufen. Extrinsische Handlungsweisen treten daher normalerweise nicht spontan auf, sondern geschehen mit dem Ausblick nach einer Handlung etwas Positives zu erreichen. Nachdem man in Experimenten nachgewiesen hat, dass Personen, denen man für ursprünglich durch eine intrinsisch motivierte Handlung nun Belohnungen aussprach und diese dann nach der Belohnung in ihrer Freizeit weniger motiviert waren dieselbe Tätigkeit wiederaufzunehmen, ging man davon aus, dass extrinsische und intrinsische Motivation Gegensatzpaare sind (vgl. a.a.O.). So galt die intrinsische Motivation als selbstbestimmt und die extrinsische Motivation als nicht-selbstbestimmt. Mitte der 1980er Jahre bewiesen jedoch Studien von Deci & Ryan (1985), dass extrinsische und intrinsische Motivation keine Gegensatzpaare sind und sogar auseinander hervorgehen können. Extrinsisch motivierte Verhaltensweisen können durch Prozesse der Internalisierung und Integration in selbstbestimmte Handlungen übergeführt werden. Folgendermaßen überarbeiteten Deci & Ryan ihre Selbstbestimmungstheorie:

Sie differenzierten zunächst die extrinsische Motivation in vier verschiedene Typen (vgl. a.a.O., S. 227). Zum ersten Typ der „externalen Regulation“ zählen alle Verhaltensweisen, auf welche das Individuum keinen direkten Einfluss hat. Er ist daher rein von äußeren Steuerungsfaktoren abhängig und tut weder etwas freiwillig noch handelt er autonom. Der zweite Typ der „introjezierten Regulation“ ist ebenfalls wenig selbstbestimmt, da es sich um Verhaltensweisen handelt, die das Individuum beispielsweise aufgrund einer autoritären Erziehung besitzt. Er handelt daher wenig selbstbestimmt und viel mehr „weil man das so macht“. Beim dritten Typ, der „identifizierten Regulation“, ist schon eine persönliche Wertigkeit für das angestrebte Ziel mit einbezogen. Die Person vollzieht die Handlung zur Erreichung eines Zieles noch nicht aus einer intrinsischen Motivation heraus. Hier gibt es jedoch reizvolle Bedingungen, die das Individuum zur Handlung veranlassen oder über die es einem Druck von außen standhält. Die „integrierte Regulation“ ist die Form der extrinsischen Motivation mit dem höchsten Grad an Selbstbestimmung. Zwar wird die Motivation zur Handlung immer noch von außen, sprich vom sozialen Umfeld aus, gegeben, jedoch identifiziert sich das Individuum mit dem sozialen Umfeld und integriert es in das kohärente Selbstkonzept.

Im Gegensatz zur extrinsischen Motivation beinhaltet die intrinsische Motivation

„Neugier, Exploration, Spontanität und Interesse an den unmittelbaren Gegebenheiten der Umwelt“ (a.a.O., S. 225). Sie steht daher dem Enthusiasmus sehr nahe, da die intrinsische Motivation durch ihn hervorgerufen wird. Dem Enthusiasmus steht, neben der intrinsisch motivierten Handlung, nach Deci & Ryan eine weitere Handlung sehr nahe. Es ist die „autothelische“ Handlung, so wie sie der Psychologe Mihály Csikszentmihalyi (*1934) im Rahmen seiner FlowTheorie (1975) beschreibt, „um die spontane Erfahrung dieser Art freudvollen Tuns zu kennzeichnen“ (Deci & Ryan, 1993, S. 225). Die bekannte Theorie wird, ähnlich wie das Interesse, in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zum Enthusiasmus vermutet. Es lädt dazu ein, dieses Verhältnis weiter zu erforschen. Hierzu bedürfte es jedoch einer ausführlichen Vorstellung und Untersuchung der Theorie im Kontext des Phänomens Enthusiasmus. Auf dieses wird aufgrund der Konzentration ausschließlich auf das Interesse und seine Theorien der Interessenforschung an dieser Stelle bewusst verzichtet. Deci & Ryan sehen die Quelle und den Ursprung dieser freigesetzten Energien als Grundvoraussetzung für die Motivation und als eine viel komplexere grundsätzliche Gegebenheit, als es bisherige Motivationsforscher getan haben. Letztere gingen einfach davon aus, dass der Mensch über hinreichende psychische Energie verfügt. Nach der Theorie der Selbstbestimmung ist der Mensch für seine selbstbestimmten Handlungen auf drei Energiequellen angewiesen, welche die Prozesse beeinflussen, mit deren Hilfe der Mensch seine Triebe und Emotionen autonom steuert. Deci & Ryan fassen diese Bedürfnisse nach Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit für die Motivationsforschung so neu zusammen:

Abbildung 13: Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation (nach Deci & Ryan, 1993)

„Autonomy refers to the desire to be self-initiating and to have a sense of acting in accord with one's own sense of self“ (Deci, 1998, zitiert nach Daniels, 2008,

S. 40). Demnach muss ein Mensch selbstbestimmt und frei handeln können, sodass er die Wirksamkeit seines eigenen Handelns erlebt und sich aktiv und autonom fühlt. Für das Umfeld bedeutet dieses, einen ausreichenden Raum an Freiheit zu schaffen, damit der Einzelne sich mit seinem Handeln autonom fühlt. Autonomie meint jedoch nicht, dass das Individuum völlig frei von allem ist. Viel mehr bedeutet es, dass das Umfeld ihm einen angemessenen Freiraum zum selbstbestimmten Handeln gibt und sich das Individuum gleichzeitig im gegebenen sozialen Umfeld geborgen fühlt. Daher ergibt sich bereits zwischen diesen beiden Grundbedürfnissen eine Wechselbeziehung, da sie auf einem permanenten Austausch zwischen Individuum und sozialem Umfeld basiert, um das Grundbedürfnis ausreichend und immer wieder neu zu erfüllen.

Die eigene Autonomie ist auch für das zweite zu erfüllende Grundbedürfnis, die Kompetenz, wichtig, was beide als psychologische Grundbedürfnisse ebenso in ein wechselseitiges Verhältnis stellt. Um die eigene Kompetenz und deren Wirksamkeit zu spüren, muss das Individuum selbstständig handeln können und die Konsequenzen seines Handelns nachvollziehen „Competence refers to the desire to feel efficacious, to have an effect on one's environment, and to be able to attain valued outcomes“ (a.a.O.). Deci & Ryan leiten aus der Kompetenz und der intrinsischen Motivation einen Zusammenhang her. Demnach fühlt sich ein Mensch intrinsisch motivierter, je höher das eigene Erleben seiner Kompetenz in einem Bereich ist. Hierbei kommt es stark auf die Rückmeldung an (vgl. Daniels, 2008, S. 31).

Das letzte Grundbedürfnis der Sozialen Eingebundenheit beinhaltet das Bedürfnis eines jeden Menschen, sich in seinem Umfeld sozial geborgen zu fühlen.

„Relatedness refers to the desire to feel connected to others, to experience love, or care for and be cared for by others“ (a.a.O.). Durch die soziale Eingebundenheit wird die Person gleichzeitig von ihrem Umfeld wahrgenommen. So wird ihr damit ausreichend Raum für die eigene Autonomie, die Erfahrung der eigenen Kompetenz und damit ein selbstbestimmtes Handeln ermöglicht.

„Empirische Befunde […] belegen, dass eine auf Selbstbestimmung beruhende Lernmotivation positive Wirkungen auf die Qualität des Lernens hat“ (Deci & Ryan, 1993, S. 223). Aufgrund der intrinsischen Motivation bei einem ausgelösten Enthusiasmus ist diese Motivationstheorie auch in Hinblick auf den ME interessant: Wenn ein ausgelöster Enthusiasmus ein gesteigertes Interesse impliziert und damit eine intrinsische Motivation für etwas gegeben ist, dann müssen diese psychologischen Grundbedürfnisse als Faktoren in Anlehnung an die Theorie von Deci & Ryan erst recht gegeben sein, um einen ME als zweite Stufe, die über ein normales Interesse hinausgeht, auszulösen.

 
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