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4.2.2 Situatives und individuelles Interesse

Krapp et al. unterscheiden zwischen zwei verschiedenen Quellen der Handlungsverursachung. Interesse kann demnach zum einen von „innen“ hervorgerufen werden und wird im ausgelösten Moment dann als ein aktualisiertes Interesse und generell als ein individuelles Interesse bezeichnet, sofern ein Interesse für den Gegenstand bereits vorhanden ist. Hingegen spricht man von einem situativen Interesse, wenn dieses bisher nicht vorhanden war und erst und ausschließlich in einer Situation ausgelöst wird (vgl. Krapp, 1992a, S. 309).

Krapp verweist in Zusammenhang mit dem ausgelösten Interesse auf weitere einflussreiche Faktoren wie die Interaktionen mit Freunden in der Klasse (peers), die Bewertungen des Gegenstandes durch das Individuum und die Vorbildwirkung anerkannter „Modelle“ wie zum Beispiel Lehrer (vgl. a.a.O.).

Das situative Interesse bezieht sich auf konkrete Interessenhandlungen und wird als ein einmaliger situationsspezifischer motivationaler Zustand beschrieben. Daher ist dieses für das aktive Handeln im Musikunterricht auch für den ME unter auslösungsspezifischen Aspekten relevant. Das individuelle Interesse steht innerhalb der persönlichkeitsspezifischen Disposition (vgl. a.a.O., S. 316) hingegen in einem ergänzenden Verhältnis zur Interessenhandlung. Für Krapp bilden diese beiden Komponenten des situativen und individuellen bzw. aktuali- sierten Interesses daher die beiden Komponenten seines Interessenkonstrukts (vgl. Daniels, 2008, S. 17). „Zwischen beiden Aspekten des Interesses besteht eine enge Wechselwirkung“ (a.a.O.).

Abbildung 14: Struktur des Interessenkonstrukts (Krapp 1992a, zitiert nach Daniels, 2008, S. 18)

Doch wie entwickelt sich ein situatives Interesse? Daniels betont, dass nach Krapp das situative Interesse nicht von einer individuellen Präferenz für einen bestimmten Gegenstand, sondern viel mehr die Interessantheit des Gegenstands in einer konkreten Situation ausschlaggebend dafür ist, dass sich das Individuum einem Gegenstand zuwendet (vgl. a.a.O., S. 19). Es ist eine anfängliche Zuwendung zu einem Sachverhalt, die der Neugier sehr ähnlich ist und sich unter bestimmten Bedingungen zu einer Lernmotivation entwickeln kann (vgl. a.a.O.). Im Gegensatz zur eigenen Neugierde steht bei einem situativen Interesse jedoch im Vordergrund, dass dieses durch den Gegenstand selbst hervorgerufen wird (vgl. Schiefele & Wild, 2000, zitiert nach Daniels, 2008, S. 20).

Als erste Voraussetzung führt Krapp den Anreiz von außen an, der gegeben sein muss, damit die Person mit dem möglichen Gegenstand in Kontakt kommt. Das ist zunächst eine fremdgesteuerte Handlung, die dann dazu führen kann, dass die Person mit dem Gegenstand später selbstbestimmt umgeht: „Die Auseinandersetzungen mit dem u.U. neuen Gegenstand rufen Erlebnisweisen hervor und führen zu Erfahrungen, die das Individuum veranlassen, sich zu einem späteren Zeitpunkt von selbst, ohne äußere Anreize und ohne extern gesteuerte Handlungsveranlassung, erneut mit dem Gegenstand zu befassen [...]. [Das] kann einen Internalisierungsprozess in Gang setzen, an dessen Ende die Person ein

„echtes“ dispositionales Interesse erworben hat.“ (Krapp, 1992a, S. 323). Krapp bezieht sich nun auf die verschiedenen Stufen der externen Motivation nach Deci

& Ryan (vgl. a.a.O., S. 324), nach der auf drei Stufen ein extrinsisch motivationaler Anreiz zu einem intrinsischen Handlungsreiz geworden ist. Diese Stufen wurden im Rahmen der Vorstellung der Motivationstheorie nach Deci & Ryan bereits vorgestellt (Kapitel 4.1), auf die sich auch Krapp innerhalb seiner Forschung kontinuierlich bezieht.

Das ‚individuelle Interesse' beschreibt eine dauerhaft verankerte Relation der Person zum Gegenstand, während die Interessenhandlung eine konkrete Situation beschreibt, in der die Person sich bewusst und daher intentional (Krapp führt hier auch das Beispiel des intentionalen Lernens auf) mit dem Gegenstand in einem bestimmten Kontext auseinandersetzt (vgl. a.a.O., S. 308). Der Gegenstand des persönlichen Interesses ist nicht wie bei der Interessenhandlung relativ verhaltensnah konstruiert, sondern kann auf einer generalisierten und abstrakteren Ebene beschrieben werden (vgl. a.a.O., S. 317). Es handelt sich um „Sinneinheiten in der Struktur des Weltwissens einer Person [...], die bedeutungsmäßig herausgehoben sind.“ (a.a.O.). Auch wenn das individuelle Interesse an einem Gegenstand aufgrund seiner Feinstruktur sehr verschieden ist, so betont Krapp, dass es bereits auf der mittleren Ebene der Abstraktion Annäherungen durch vergleichbare Interessen innerhalb eines sozialen Kontextes geben kann. Hier wählt Krapp an erster Stelle für den Gegenstandsbereich ein eingängiges Beispiel aus dem musikalischen Bereich: „So werden vermutlich viele Musikliebhaber darin übereinstimmen, daß sich ihr Interesse v.a. auf einen Teilbereich der Musik konzentriert und auch die bevorzugten Auseinandersetzungsformen durchaus vergleichbar sind.“ (a.a.O., S. 318)

Für die generelle Betrachtung fast aller Interessensgegenstände führt Krapp (a.a.O.) drei Komponenten auf, die für eine Analyse verwendet werden können. Als reale Objekte des Interessengegenstandes sind hier beispielsweise Musikinstrumente für das Musikinteresse von Krapp genannt. Eine weitere Komponente sind die Tätigkeiten und Auseinandersetzungsformen, denn auch das Wissen und die Kompetenz zur Bewältigung interessengeleiteter Aufgaben gehört dazu (vgl. a.a.O., S. 319). So zählen hierzu beispielsweise das Hören von Musik oder das Spielen eines Instruments. Diese Tätigkeiten machen den Kernbestand des Interesses aus (vgl. a.a.O.). Je nach der vorausgegangenen Auseinandersetzung mit dem Interessengegenstand untergliedert eine Person den Gegenstandsbereich des Interesses in Probleme oder Themengebiete. Sie sind nach Krapp daher Dimensionen der gegenstandsspezifischen Wissensorganisation und bilden die dritte und letzte Komponente seiner systematisch gegliederten Analyse der Interessen-gegenstände.

Das individuelle Interesse zeichnet sich durch gleiche Merkmale wie die Interessenhandlung aus. So gibt es nach Krapp sowohl für die Interessenhandlung als auch für das persönliche Interesse kognitive, emotionale und wertbezogene Merkmale. Für den kognitiven Bereich bedeutet das, dass die Person mit einem persönlichen Interesse an einem Gegenstand über ein relativ hochentwickeltes Wissen im Themengebiet verfügt. Durch die zahlreichen positiven Erfahrungen im Umgang mit dem Interessengegenstand entsteht bei der Person eine emotional positive Einschätzung der Situation. Und dieser durch das Interesse erzeugte besondere Wertbezug wird von Krapp als drittes Bestimmungsmerkmal hervorgehoben, da die Interessen in der „individuellen Wertehierarchie“ einen „herausgehobenen Platz“ einnehmen (a.a.O., S. 320). Nach Krapp kann die interessengeleitete Auseinandersetzung mit dem Gegenstand auch als eine zielorientierte Handlung beschrieben werden, wenn das Individuum frei über seine Zeit verfügen kann (vgl. Daniels, 2008, S. 21).

Wenn man davon ausgeht, dass es bei einer Person keinen Enthusiasmus für einen Gegenstand ohne ein gleichzeitiges Interesse für diesen Gegenstand gibt, und daher das Interesse eine Voraussetzung für den Enthusiasmus bildet, so gilt es sich zu fragen, inwiefern sich die Ergebnisse aus der von Krapp vorgestellten Interessenforschung auf die Erforschung des ME anwenden lassen. In Bezug auf die Abgrenzung zu anderen verwandten Phänomenen wie Neugierde, Aktivierung oder intrinsischer Motivation grenzt Knapp das Interessenkonstrukt von anderen Konstrukten zu den oben genannten Phänomenen ab. Das Interessenkonstrukt unterscheidet sich aufgrund der Inhaltsbzw. Gegenstandsspezifität des individuellen Interesses von anderen Modellen. Hier zeigt sich erneut die enge Beziehung von Interesse und Enthusiasmus. Der Enthusiasmus ist ebenso inhaltsbzw. gegenstandsbezogen wie das Interesse und grenzt sich demnach genauso von Neugierde oder intrinsischer Motivation ab.

Wie kommt es dazu, dass sich eine Person mit einem Gegenstand identifiziert und ihn langsam zum Kriterium der eigenen Identität macht? So fragt Krapp nach den Auslösern für ein individuelles Interesse. Gleiches gilt sich auch für den Enthusiasmus zu fragen: Wie kommt es dazu, dass sich eine Person für einen Gegenstand begeistert und vielleicht sogar eine Leidenschaft für ihn entwickelt? Krapp führt, wie bereits oben erwähnt, zwar die Stufen auf, nach denen extrinsische Motivation in intrinsische nach Deci & Ryan übergeht, jedoch nennt er keine weiteren Vorschläge zu einer umfassenden Bestimmung der möglichen Auslöser für Interesse. Welche Rolle spielt das soziale Umfeld? Wie stark hängt die Auslösung eines Interesses für Musik beim Schüler vom Lehrer ab? Krapp unterbreitet in seinem Personen-Umwelt-Interessenkonstrukt Vorschläge zur Definition sowohl für die Interessenhandlung als auch für das persönliche Inte-resse. Alle drei Merkmalskategorien sind auch für den ME anwendbar: Ein ME kann zu einer Erhöhung der kognitiven Komplexität führen. Die emotionale Tönung ist vermutlich beim ausgelösten ME ebenfalls anregend. „Dazu gehören emotionale Qualitäten wie Freude, angenehme Spannung oder das Gefühl des

„Ganz-in-der-Sache-Aufgehens“ im Sinne des Flow-Erlebens“ (Krapp, 1992a, S. 310). So beschreibt Krapp die positive emotionale Tönung. Auch der Wertaspekt ist auf den ME übertragbar. So wird eine von einem ME geprägte Handlung einer anderen Beschäftigung vorgezogen, was nach Krapp beim Interesse auf das Merkmal der Selbstintentionalität verweist.

Es bleibt festzuhalten, dass alle Vorschläge aus der Interessenforschung von Krapp für die Erforschung des ME verwendbar sind, da sowohl allgemein der Enthusiasmus oftmals mit einem „gesteigerten Interesse“ definiert wird als auch das Interesse in jeglicher Hinsicht als Voraussetzung für einen Enthusiasmus angesehen werden kann.

Da die Unterscheidung zwischen einer individuellen und einer situativen Interessenhandlung für die Psychologie bereits erforscht wurde, stellt sich nun die Frage: Gibt es auch einen situativen und einen individuellen ME?

Vor dem Hintergrund eines von ME geprägten Musikunterrichts wirft dieser Kontext ebenso die Frage auf, ob ein individuelles und ein situatives Interesse Vorläufer für den ME sein können. Ein situatives Interesse gibt schließlich dem Musiklehrer die Möglichkeit, das bisher noch nicht vorhandene individuelle Interesse für den Unterrichtsinhalt beim Schüler zu wecken: „[...] eine interessenorientierte Auseinandersetzung [kann] auch dort angeregt werden [...], wo ein persönliches Interesse (noch) nicht besteht und durch den Unterricht erst ‚geweckt' werden soll“ (a.a.O., S. 309). Auf diesen Aspekt wird am Ende der Ergebnispräsentation vor dem Hintergrund der erhobenen Daten und ihrer Auswertung erneut eingegangen (Kapitel 6.10.1).

Ein weiteres Interessenmodell von Hidi und Renniger (1996) beschreibt den Übergang von einem situativen in ein individuelles Interesse in Form eines vierphasigen Stufenmodells: Die erste Stufe ist ein hervorgerufenes situatives Interesse (triggered situativ interest). Auf der zweiten Stufe steht ein aufrechterhaltenes Interesse (maintained situativ interest). Das individuelle Interesse beginnt nach Hidi und Renniger auf der dritten Stufe (emer-ging individual interest) mit einem entstehenden Interesse und führt auf der letzten Stufe zu einem gut entwickelten individuellen Interesse (well-developed individual interest). Auch in diesem Modell wird betont, dass der Ausbau eines Interesses eine Umwelt voraussetzt, die Gelegenheiten zur dessen Verfolgung bietet. Ansonsten kann das Interesse zurückgehen oder gar verschwinden (vgl. Daniels, 2008, S. 19).

 
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