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II. EMPIRIE

5 Das Forschungsdesign

Der empirische Teil der Arbeit beinhaltet verschiedene qualitative und quantitative Untersuchungen zum Phänomen ME. Als Forschungsmethode wurde die Grounded Theory von Glaser & Strauss (1967) verwendet. Die Methode beinhaltet einen sozialwissenschaftlichen Ansatz, der sich als für das vorliegende Forschungsvorhaben als besonders geeignet erweist und im Folgenden ausführlich beschrieben wird.

5.1 Die Grounded Theory

Die Grounded Theory wurde von den amerikanischen Wissenschaftlern Anselm

L. Strauss und Barney G. Glaser entwickelt und stammt aus der qualitativen Sozialforschung. Sie entstand innerhalb der Tradition des Symbolischen Interaktionismus und steht für eine wissenschaftliche Betrachtung der Bedeutung von Objekten, Beziehungen und Situationen durch die sprachlichen Grundlagen menschlichen Zusammenlebens (symbolisch), die in wechselseitigen Beziehungen zueinander (Interaktion) in gemeinsamen Handlungen stehen (vgl. Denzin, 2010, S. 137).

Die Grounded Theory ist eine Methode zur systematischen Erforschung und Auswertung qualitativer Daten aus denen eine neue Theorie nicht getestet sondern generiert wird. Diese sozialwissenschaftliche Methode führt zu einer Entdeckung von Theorie hinter einem bislang unerforschten Phänomen. Für die hier bevorstehende Erforschung des ME für die Musikpädagogik erweist sich diese Methode zum einen durch den systematischen und zeitlich parallel verlaufenen Datenauswertungsprozess und zum anderen aufgrund der einfachen und sicheren Anwendung der Methode als äußerst hilfreich und vielversprechend. Neben der im Vordergrund stehenden Generierung einer Theorie zum bislang unerforschten Phänomen (musikalischen) Enthusiasmus in der Musikpädagogik, wird durch die Anwendung dieser Methode außerdem ausreichend Raum zur Erfassung von weiteren natürlich gewonnenen Daten zum Phänomen gegeben. Dieses zeigen internationale Forschungen mit der Anwendung dieser Methode und allgemein viele durchgeführte Studien zu noch unerforschten Phänomenen, auch außerhalb des Fachgebietes der Sozialwissenschaft, im deutschsprachigen Raum.

In den vergangenen Jahren entwickelte sich die Grounded Theory in der Sozialforschung so zum festen Bestandteil des methodologischen Diskurses in Deutschland. Zu der deutschen Übersetzung gibt es unterschiedliche Angaben.

Meistens wird die Grounded Theory mit „Gegenstandsbezogene Theorie“ übersetzt (vgl. a.a.O.). Flick kritisiert, dass die Übersetzung „Gegenstandsnahe Theorie“ nicht das übersetzt, was diese Theorie ausmacht, im Gegenteil: Sie wird von und gleichzeitig mit dem zu erforschenden Gegenstand begründet. „[Die Grounded Theory] bezieht [ihre] Doppeldeutigkeit daraus [...], dass es die zentrale Qualität der mit dem Verfahren zu erarbeitenden Theorien zugleich zum Namen für das Verfahren selbst erhebt.“ (Strübing, 2008, S. 13). Deshalb spricht sich Flick für den Begriff der „Gegenstandsbegründeten Theorie“ als angemessene Übersetzung aus (vgl. Hildenbrand, 2010, S. 41). Die Auffassung von Strauss, dass die Beziehung zwischen dem Forscher als Subjekt und seinem Forschungsgegenstand als Objekt der Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Kunstobjekt ähnelt, ist in Anlehnung an John Dewey. Er sagt, dass in dieser Hinsicht zwischen Wissenschaft und Kunst kein großer Unterschied besteht: „Der Ausdrucksakt, aus dem sich ein Kunstwerk entwickelt, [...] ist keine momentane Äußerung. Diese Behauptung [...] bedeutet, daß der Ausdruck des Selbst in einem und durch ein Mediumwas das eigentliche Kunstwerk ausmacht – an sich eine Verlängerung einer Interaktion von etwas dem Selbst entstammenden mit konkreten Umständen ist – ein Prozeß, in dem beide eine Ordnung und eine Form annehmen, die sie vorher nicht besaßen.“ (Dewey, 1934, S. 63, zitiert nach Strauss, 1991b). Aufgrund des dialektischen Verhältnisses ergibt sich daher immer ein subjektiv geprägtes Produkt (vgl. a.a.O.).

Neben diesem Grad an Subjektivität seitens des Forschers, durch den die Grounded Theory (im Folgenden mit GT abgekürzt) charakteristisch gekennzeichnet ist, gibt es innerhalb des Verfahrens parallel geführte Prozesse von Datenerhebung, Datenanalyse und Theoriebildung. Diese Parallelität führt dazu, dass das Datenmaterial immer wieder neu gebraucht und auf verschiedene Aspekte hin untersucht wird.

Abbildung 16: Das interaktiv-zyklische Prozessmodell – Veranschaulichung der parallelen Arbeitsschritte im Verfahren der Grounded Theory (Strauss, nach Strübing, 2008, S. 15)

Nach diesem interaktiv-zyklischen Modell wird der Erkenntnisprozess mit einer Unendlichkeit behaftet, da die Theorie keinen Endpunkt impliziert (vgl. Strübing, 2008, S. 14f). Der wissenschaftlich-kreative und multidimensional ausgerichtete Erkenntnisgewinn wird daher als künstlerisch ausgelegt. Der subjektive Anteil innerhalb der wechselseitigen Abhängigkeit der Prozesse und die zeitliche Parallelität ihrer Bearbeitung legen eine Stellung des Forschers gegenüber seinem Forschungsgegenstand zugrunde, die eine große Realitätsnähe und Objektivität trotz oder besser gesagt gerade wegen der Subjektivität verspricht. Glaser & Strauss sprechen hier von einer ‚Theoretical Sensivity' (Theoretische Sensibilität). Diese muss der Forscher kontrolliert, unbestimmt und flexibel zulassen, um die kreative Generierung von Theorie zu unterstützen (vgl. Strauss & Corbin, 1996, S. 25f): „Die Kreativität liegt in der Fähigkeit der Forschenden, Datenmaterial zu benennen oder ihm konzeptuelle Etiketten zu geben, um dann die ent- stehenden Konzepte in innovative und plausible Erklärungen lebendiger Erfahrungen zu integrieren.“ (Corbin, 2003, S. 71).

Strübing spricht innerhalb des Forschungsprozesses von einem kontinuierlichen Wechsel von Handeln und Reflexion. Dieser verhilft immer wieder zu neuen Entscheidungskriterien innerhalb der Prozesssteuerung, die im Folgenden zur Beschreibung der GT als vielversprechende und geeignete Forschungsmethode zur Auswertung qualitativer Daten über den ME dienen soll.

Begleitet wird die gesamte Datenanalyse von dem Schreiben von theoretischen Memos. Es handelt sich hierbei um einen kontinuierlichen und die Analyse begleitenden Schreibprozess, der aufkommenden Fragen, Aspekte und noch vager Ideen dokumentiert und bedeutende Punkte zu einer neuen Kategorie zusammenfasst (vgl. Böhm, 2010, S. 476f). Im Folgenden sollen nun die ersten einzelnen Schritte der Datenauswertung in Form des Kodierens nach der GT Methode erläutert werden.

 
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