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5.2 Beschreibung der Messinstrumente

5.2.1 Der Persönlichkeitstest

Der für dieses Forschungsvorhaben verwendete Persönlichkeitstest mit dem sogenannten NEO-Fünf-Faktoren Inventar (kurz NEO-FFI) nach Paul T. Costa und Robert R. McCrae (1987) ist innerhalb der Psychologie auf große Resonanz gestoßen. Er zeigt die Ausprägung von fünf Dimensionen auf, welche die Persönlichkeit eines Menschen beschreiben. In der Psychologie wird der Test aufgrund seiner fünf Dimensionen heutzutage oft als der „Big Five“ bezeichnet. Mit dem Rückgriff auf den vorhandenen Wortschatz des Menschen zur Beschreibung seiner Persönlichkeit, besitzt die Psychologie mit der Sprache eine lexikalisch dimensionierte Konstante. Sie bezieht sich in einem quasi evolutionsbiologischen Sinne als eine Kodierung auf die entwickelte Sprache des Menschen. „Die Sedimentationshypothese [(vgl. Kluge, 1926)] impliziert, dass die in Lexika aufgeführten Begriffe, welche sich zur Beschreibung von Persönlichkeitsmerkmalen eignen, das Universum aller bedeutenden Persönlichkeitseigenschaften abdecken.“ (Borkenau & Ostendorf, 2008, S. 7). Würde der Mensch daher weitere persönliche Eigenschaften besitzen, so hätte er dafür weitere Begriffe in seiner Sprache entwickelt. Sir Francis Galton war der erste Wissenschaftler, der bereits 1884 für den englischsprachigen Raum die Sedimentationshypothese, die auch als lexikalischer Ansatz bekannt ist, bestimmte: „I tried to gain an idea of the number of the more conspicuous aspects of the character by counting in an appropriate dictionary the words used to express them... I examined many pages of its index here and there as samples of the whole, and estimated that it contained fully one thousand words expressive of character, each of which has a separate shade of meaning, while each shares a large part of its meaning with some of the rest“ (Galton, 1884, S.181). Die Herleitung der fünf Merkmalsbereiche aus dem psycho-lexikalischen Ansatz wurde für den deutschsprachigen Raum ursprünglich von Ludwig Klages (1926) nach der oben zitierten Sedimentationshypothese abgeleitet. Der deutsche Philosoph und Psychologe bestimmte für die deutsche Sprache ca. 4000 Wörter, die den innerlichen Zustand des Menschen beschreiben. Allport & Odbert (1936) führten diesen Ansatz im Englischen fort, indem sie aus 18.000 Wörtern 4504 Begriffe bestimmten, die das Verhalten des Menschen an seine Umwelt ausdrücken. Raymond B. Cattell (1943) fasste diese entwickelten Begriffe später wiederum zu 35 Gruppen zusammen. Weitere wissenschaftliche Zusammenfassungen von Fiske (1949), Norman (1963) und Goldberg (1971) führten dazu, dass Costa & McCrae 1985 fünf robuste Faktoren benannten, welche die Persönlichkeit eines Menschen beschreiben: „If a large number of rating scales is used and if the scope of the scales is very broad, the domain of personality descriptors is almost completely accounted for by five robust factors.“ (Costa & McCrae, 2008, p. 283). Costa & McCrae vertreten den Standpunkt, dass durch diese Faktoren genetisch bedingte Verhaltenstendenzen (basic tendencies) aufgezeigt werden (Borkenau & Ostendorf, 2008, S. 12). Die Autoren der deutschen Version des NEO-FFI, Peter Borkenau und Fritz Ostendorf, sind der Auffassung, dass es sich um robuste Dimensionen handelt, die der Wahrnehmung und Beurteilung individueller Unterschiede zugrunde liegen (vgl. a.a.O.). Für die Anwendung des Persönlichkeitstests hat diese Unterscheidung zu der Auffassung von Costa & McCrae nur geringe Auswirkungen, denn selbst wenn mit diesem Test Daten zur Wahrnehmung individueller Unterschiede durch menschliche Beurteilung zugrunde liegen, so gibt dieses eben auch Aufschluss über die eigene Selbsteinschätzung. Durch einen faktorenanalytisch konstruierten Fragebogen werden die individuellen Merkmalsausprägungen in den Bereichen Neurotizismus (Neuroticism), Extraversion (Extraversion), Offenheit für Erfahrung (Openness to Experience), Verträglichkeit (Agreeableness) und Gewissenhaftigkeit (Conscientiousness) ermittelt. „Diese fünf Merkmalsbereiche haben sich als diejenigen Dimensionen individueller Unterschiede erwiesen, welche bei Faktorenanalysen vielfältiger Eigenschaftsurteile mit hoher Regelmäßigkeit aufscheinen.“ (Borkenau & Ostendorf, 1993, S. 7). Nach Costa & McCrae werden die fünf Dimensionen mit individuellen Merkmalsausprägungen wie folgt definiert (vgl. a.a.O.):

Neurotizismus (Neuroticism):

Besitzen Probanden einen hohen Wert im Bereich Neurotizismus, so neigen sie dazu generell ängstlich, nervös, unsicher, traurig und verlegen zu sein. Sie machen sich Sorgen um ihre Gesundheit, sind weniger in der Lage ihre Bedürfnisse zu kontrollieren und in Stresssituationen angemessen zu reagieren.

Extraversion (Extraversion):

Hohe Werte im Bereich Extraversion sind bei Probanden zu erwarten, die gesellig, aktiv, gesprächig, personenorientiert, herzlich, optimistisch und heiter sind. Sie mögen Aufregungen und Anregungen.

Offenheit für Erfahrung (Openness to Experience):

Probanden mit hohen Werten in diesem Bereich haben vielfältige kulturelle Interessen, interessieren sich für öffentliche Ereignisse, zeichnen sich durch eine hohe Wertschätzung für neue Erfahrungen aus, sind kreativ, wissbegierig, phantasievoll und unabhängig in ihrem Urteil.

Verträglichkeit (Agreeableness):

Altruistische, mitfühlende, verständnisvolle und wohlwollende Persönlichkeiten weisen in diesem Bereich hohe Werte auf. Die Probanden haben ein starkes Harmoniebedürfnis, neigen zu zwischenmenschlichem Vertrauen, zu Kooperation und Nachgiebigkeit.

Gewissenhaftigkeit (Conscientiousness):

Dieser Faktor unterscheidet ordentliche, zuverlässige, disziplinierte, pünktliche, hart arbeitende, ehrgeizige und systematische Probanden von nachlässigen und gleichgültigen Personen.

Der NEO-FFI kann sowohl hypothesengeleitet als auch nicht hypothesengeleitet eingesetzt werden. Dieses gilt sowohl, wenn man ein Interesse an dem spezifisch durch den NEO-FFI erfassten individuellen Konstrukt besitzt, als auch wenn man ein Instrument sucht, um die wichtigsten Bereiche individueller Differenzen abzudecken. Für die vorliegende Untersuchung ist Letzteres der Fall. Aufgrund der kurzen Bearbeitungszeit zur Auswertung der Ergebnisse und seines einfachen und verständlichen inhaltlichen Aufbaus, lädt der NEO-FFI zum Einsatz in vielen Forschungsvorhaben mit einem psychologischem Hintergrund ein. Die Anwendung des NEO-FFI als quantitativer Teil der empirischen Datenerhebung zur Erforschung des ME dient der Gewinnung weiterer Daten zur Ausprägung der fünf Dimensionen einer Persönlichkeit. Folglich können die quantitativ ge- wonnenen Ergebnisse in Bezug zu den qualitativ erhobenen Daten aus den durchgeführten Interviews gesetzt werden.

 
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