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5.2.2 Qualitative Interviews

In der Sozialforschung sind qualitative Interviews weit verbreitet. Bereits anhand der Struktur der Interviewfragen werden verschiedene Typen und Verfahren qualitativer Interviews charakterisiert. So sollte sich der Forscher vorab fragen, ob eine (individuellere) Narration des Interviewpartners oder eine Meinung oder Deutung zu allgemeinen Themen und Positionen als Forschungsgegenstand im Fokus der Erhebung steht.

Für die Interviewdurchführung ist es wichtig zu entscheiden, wie stark die Fragen ausformuliert sind und wie hoch der Grad der Offenheit ist. „Die in der Forschung besonders häufig eingesetzten Varianten „[...] stehen zwischen diesen Extremen [...]“ (Hopf, 2010, S. 351). Aus einem gut gewählten Mittelmaß zwischen vorgegebener und führender Fragestruktur sowie der benötigten Offenheit für Freiräume und unerwartete Äußerungen, resultiert ein einsetzbarer teilstrukturierter Interviewleitfaden. Eine gute Balance zwischen gegebener Offenheit und Struktur sollte ebenso für den Untersuchungsgegenstand gewählt werden: Wird nur ein bestimmtes Phänomen, ein Gegenstand oder ein Text in den Fokus gerückt oder werden viele verschiedene Themen und Situationen angesprochen? Auch dieser Aspekt verdeutlicht, wie sensibel und bewusst die Entscheidungen zwischen Determination und Freiraum für die Gewinnung von unvorhersehbaren wichtigen Daten in der Konzeption des Interviewleitfadens seitens des Forschers während der Vorbereitung getroffen werden müssen. Die Struktur des Interviewleitfadens ist Grundlage und gleichzeitig auch Bestimmung für die jeweilige Variante des qualitativen Interviews.

Je nach Forschungsobjekt, der Anzahl und Art der Interviewpartner, den organisatorischen Gegebenheiten und vieler weiterer Faktoren, erweist sich die eine oder die andere Variante qualitativer Interviews besser zur Durchführung und Erforschung des Forschungsgegenstands. In Kürze soll nun ein Überblick über diese Varianten (a.a.O., S. 349ff) gegeben werden, um schließlich die Entscheidung für die ausgewählte Vorgehensweise ausreichend zu begründen. Die sogenannten Struktur oder Dilemma-Interviews dienen der Erforschung unterschiedlicher moralischer Urteilsfähigkeiten beim Menschen. Hierzu wird der Interviewpartner anhand von relativ stark festgelegten Fragen innerhalb eines sehr strukturierten Interviewleitfadens vor Entscheidungsprobleme gestellt, um seine moralischen Urteilsstufen zu erforschen. Sie entwickelten sich im Lau- fe der Tradition nach Piaget-Kohlberg (1995).

Ähnlich wie bei den Strukturoder Dilemma-Interviews, besitzen auch die Fokussierten Interviews eine Konzentration auf einen bestimmten Gesprächsgegenstand bzw. Gesprächsanreiz (beispielsweise einen Text, einen Film, eine Situation). Im Gegensatz zu den Strukturoder Dilemma-Interviews handelt es sich hier jedoch um flexibel eingesetzte Interviewleitfäden. In ihrer ursprünglichen Form sind es Gruppeninterviews, die jedoch nicht an die konkrete soziale Gruppensituation gebunden sind. Durch die Fokussierung auf einen bestimmten Gegenstand lassen sich die Äußerungen vieler Interviewpartner zum gleichen Interviewgegenstand untereinander vergleichen. „Zu den Vorteilen fokussierter Interviews gehört [...] die Möglichkeit, eine sehr zurückhaltende, nicht-direktive Gesprächsführung mit dem Interesse an sehr spezifischen Informationen und der Möglichkeit zur gegenstandsbezogenen Explikation von Bedeutungen zu verbinden.“ (Hopf, 2010, S. 355).

Klinische Interviews dienen der Diagnose von Erkrankungen am Anfang der psychoanalytischen Behandlungen. Sie werden meist als Begriff für teilstandardisierte oder nicht-standardisierte Erhebungsformen innerhalb der Psychologie als Abgrenzung zu Testverfahren verwendet.

Einen deutlich höheren Grad an subjektiven und vielleicht auch unerwarteten Schilderungen seitens des Interviewpartners lassen Biographische Interviews zu. Sie dienen der Erschließung persönlicher Lebensgeschichten und erkenntnisreicher Situationen. Oftmals verbindet man teilstandardisierte biographische Interviews auch unter dem Begriff des Narrativen Interviews. Hopf hebt diesen Aspekt aufgrund des heutigen Umgangs mit dem etwas weiter gefassten Begriff an dieser Stelle hervor. Ursprünglich verstand man jedoch unter einem narrativen Interview eine zu Beginn des Interviews durch den Forscher gestellten Eingangsfrage als „erzählgenerierende Frage“ zur Anregung einer Stegreiferzählung. Er führt zur Beschreibung der Struktur narrativer Interviews folgende einzelne Phasen des Interviewverlaufs auf (vgl. Fischer et al., 1997b, S. 414ff):

Die Erzählaufforderung muss so formuliert sein, dass den Gesprächspartnern dabei geholfen wird, Erinnerungen zu mobilisieren und diese frei zu erzählen (Phase 1). Der zweite Schritt ist die autonom gestaltete Haupterzählung, die bei einem biographischen Interview der biographischen Selbstrepräsentation entspricht (Phase 2). In einem nächsten Schritt erhöht sich nun die Intervention des Forschers innerhalb des Nachfrageteils, in welchem er sowohl erzählgenerierende Nachfragen zur Haupterzählung als auch weitere externe Nachfragen stellt (Phase 3). Auch diese Fragen sollen möglichst so offen gestellt sein, dass der Interviewpartner zu weiteren Erzählungen aufgefordert wird. Das Nachfragen fordert eine gleichzeitig hohe Reflexion über die Relevanz der Schilderungen und eine sofortige Selektion von potenziellen geschilderten Aspekten, die einer weiteren Vertiefung bedürfen. Das ist die Überprüfung von aufkommenden An- nahmen. Wo ist es sinnvoll weiter nachzufragen? Was könnte zu einer genaueren Schilderung des bereits in der autonomen Erzählung interessanten Aspektes führen? Was das Nachfragen innerhalb von narrativen Interviews angeht, so haben Fischer et al. hierzu drei verschiedenen Typen bestimmt (vgl. a.a.O.):

1. Ansteuern einer bestimmten Lebensphase.

2. Ansteuern einer in der Hauptsituation erwähnten Situation.

3. Ansteuern einer Belegerzählung zu einem Argument.

Diese Aspekte dienen zur Strukturierung der Interviews. Auch innerhalb der Durchführung ist es hilfreich, diese Phasen und deren bewusste Ansteuerung zu kennen und richtig anzuwenden. Diese Theorie wird auch auch für den Aufbau des Interviewleitfadens angewendet und im nächsten Kapitel vorgestellt wird.

Zur Erforschung des ME wird sich für die Form des narrativen Interviews entschieden. Diese Interviewform erweist sich als besonders geeignet, da hier aufgrund der bisher mangelnden Forschungserkenntnisse keine zu überprüfenden Hypothesen zum Phänomen vorhanden sind. Durch die im Gegensatz zu den anderen vorgestellten Formen qualitativer Interviews, besitzt das narrative Interview einen hohen Grad an Offenheit. So wird für die Datenerhebung des bislang empirisch weitestgehend unerforschten Phänomens ME durch die gewählte Form des narrativen Interviews als Erhebungsinstrument erhofft, auch möglichst viele natürliche Daten zum Phänomen zu gewinnen. Auch Aussagen zum ME im biographischen Kontext, beispielsweise in einem einprägsamen Moment der Auslösung des ME beim Probanden, an den es sich besonders erinnert, werden durch die nur wenig gegenstandsfokussierte Form des narrativen Interviews erwartet.

 
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