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5.2.3 Der Interviewleitfaden

Für die Datenerhebung wird – auch vor dem Hintergrund der Erkenntnisse zum Phänomen aus dem theoretischen Teil der Arbeitein teilstrukturierter Interviewleitfaden konzipiert, der zunächst eine offen gestellte Eingangsfrage beinhaltet:

„Ich beschäftige mich mit dem Enthusiasmus im Musikunterricht. Und da frage ich mich, was bedeutet für dich eigentlich Enthusiasmus?“ Sie eröffnet die Phase 1 des Interviews (vgl. Fischer et al., 1997b, S. 414ff). Gleichzeitig dient sie zur Verständnisklärung des Begriffs Enthusiasmus sowie des Synonyms ‚Begeisterung'. Die ausgewählte Eingangsfrage zu Beginn des Interviews weist neben den im vorangegangenen Kapitel beschriebenen drei Typen des Nachfragens einen neuen Typus auf. Ich nenne ihn den Typ der „Ansteuerung zur Definition“. Der Interviewpartner vermutet wahrscheinlich nicht, gleich zu Beginn eine Definitionsfrage zu beantworten, weil er sich in dieser Situation nicht als Experte wahrnimmt. Diese nimmt er jedoch in dieser Situation, angeleitet durch den Forscher, ein. So bekommt der Forscher einen schnellen Eindruck von dem Befragten. Sollte es hier nicht zu einer eigenen Definition kommen und der Begriff wohlmöglich nicht bekannt sein, so wird an dieser Stelle des Interviews sichergestellt, dass der Interviewpartner den Begriff richtig versteht. Dadurch kann von einem gleichen Verständnis im weiteren Verlauf des Interviews auf beiden Seiten ausgegangen werden. In dieser Phase wird das Interview zwar offen eingeleitet, jedoch rückt es nicht gleich eine Meinung oder einen Standpunkt des Befragten in den Vordergrund.

Es folgt mit der nächsten Frage „Kannst du dich an eine bestimmte Situation erinnern, in der Enthusiasmus im Musikunterricht ausgelöst wurde?“ die Aufforderung zur autonomen Haupterzählung: Sie leitet die Phase 2 des Interviews (vgl. a.a.O., S. 414ff) ein. Der Interviewpartner wird zu dem Thema ME im Musikunterricht weiter hingeführt und seine Gedanken, Erfahrungen und Situationen, in denen er Enthusiasmus im Musikunterricht möglicherweise verspürt hat, in seiner Erinnerung angeregt. Wenn es hier auf Anhieb innerhalb der autonomen Haupterzählung zu konkreten Schilderungen kommt und keine Nachfragen erforderlich sind, wird mit der Frage „Wie hat sich der ausgelöste ME physisch, emotional o.ä. bei dir gezeigt?“ auf die genauen Auswirkungen des ME beim Befragten hingeführt. Dieses erzählgenerierende Nachfragen bildet die Phase 3 des Interviews. Da der ME im Musikunterricht bisher nicht zentraler Forschungsgegenstand einer Studie war und erst recht nicht auf den Schüler konzentriert ist, reizt es innerhalb dieser schülerorientierten Forschung umso mehr, über den ME aus Sicht der Schüler zu erfahren. Daher erweist sich in diesem Fall die Phase 3 des konkreten Nachfragens hier als sehr ausgeprägt.

„Wie würdest Du Dich auf einer Skala von 1 (nicht begeisterungsfähig) bis 10 (sehr begeisterungsfähig) einschätzen?“ Mit dieser Frage wird der Proband aufgefordert, sich nach seinen ersten Äußerungen zum ME nun persönlich einzuschätzen. Mit der numerischen Skala enthält das narrative Interview ein quantitatives Messinstrument, das an dieser Stelle den Interviewpartner auffordert eine sehr konkrete Einschätzung über sich selbst zu treffen. Hier wird die geschlossenste Phase des Interviews erreicht, die keine Offenheit mehr zulässt und aufgrund der Skala eine genaue Einschätzung fordert. Nach dieser Phase folgt eine Definitionsfrage: „Was ist für dich der Unterschied zwischen Motivation und Enthusiasmus?“. Damit wird der Interviewpartner aufgefordert, auf seinen persönlichen Erfahrungen basierend, eine Erklärung zu geben. Der Forscher leitet seine eigene Frage an den Befragten weiter. Dem Proband wird vom Forscher erneut die Möglichkeit gegeben, sich aufgrund seiner persönlichen Erfahrung als

„Experte“ zu zeigen (Typ der „Ansteuerung zur Definition“). Diese Ansteuerung verlangt nicht eine schlichte Narration autonomer Erzählungen, sondern sie fordert den Befragten in einer besonderen Weise. Anschließend folgt noch eine kurze Nachfrage im Kontext der Selbsteinschätzung zur Motivation, so wie es zu Beginn des Interviews auch mit der Begeisterung der Fall war. „Würdest du dich auch als einen motivierten Schüler bezeichnen?“. Mit dieser Frage soll, neben der Selbsteinschätzung, geprüft werden, ob die Schüler eine Differenzierung zwischen Motivation und Enthusiasmus benennen können. Zum Abschluss des Interviews bietet es sich an, auch mit einer offenen und in die Zukunft gerichteten Frage das Interview bei den Schülern zu beenden (bei den Erwachsenen entfällt diese Frage am Ende des Interviews ohne weitere Konsequenzen für den Auswertungsprozess). Vor dem Hintergrund ihres eigenen Enthusiasmus und der Frage danach, welchen Stellenwert Musik nun im weiteren Verlauf ihrer schulischen Entwicklung einnimmt, stellt sich die Frage „Wählst du Musik weiter?“. Diese Frage wurde ebenfalls für den Schluss ausgewählt, da mit dem Abschluss der Mittelstufe die Musikpädagogik durch den Musikunterricht die grundlegende Basis durch ein vermitteltes Wissen und eine Ansammlung an musikalischästhetischen Erfahrungen bei dem Schüler geschaffen sein sollte. Damit soll nicht gesagt sein, dass jeder Schüler Musik weiter wählen soll. Er müsste jedoch abwägen und ausreichend begründen können, warum er es vielleicht nicht weiter wählt.

Der Interviewleitfaden:

1. Ich beschäftige mich mit dem Enthusiasmus im Musikunterricht. Und da frage ich mich, was bedeutet für dich eigentlich Enthusiasmus?

2. Kannst du dich an eine bestimmte Situation erinnern, in der Enthusiasmus im Musikunterricht ausgelöst wurde?

3. Wie hat sich der ausgelöste Musikalische Enthusiasmus bei dir gezeigt? (physisch, emotional, körperlich)

4. Wie würdest Du Dich auf einer Skala von 1 (nicht begeisterungsfähig) bis 10 (sehr begeisterungsfähig) einschätzen?

5. Was ist für dich der Unterschied zwischen Motivation und Enthusiasmus?

6. Würdest du dich auch als einen motivierten Schüler bezeichnen?

7. Wählst du Musik weiter?

 
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