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5.3 Zur Entstehung des selektiven Samplings

„Theoretisches Sampling meint [...] [,dass] der Forscher seine Daten parallel erhebt, kodiert und analysiert sowie darüber entscheidet, welche Daten als nächste erhoben werden sollen und wo sie zu finden sind“ (Glaser & Strauss, 1998, S. 53). Das theoretische Sampling erfordert daher ein völlig offenes Untersuchungsdesign ohne einen Plan über die Fallauswahl und eine festgelegte Dauer des Erhebungsprozesses, unabhängig von den nicht vorhersehbaren Komplikationen beim Feldzugang. Um die Schüler zu dem Phänomen ME zu befragen, ist ein gewisser Entwicklungsstand und ein daraus vermuteter Grad an Reflexion nötig, was zu einer kriteriengesteuerten Fallauswahl führt. Dieses ist nach Glaser

& Strauss, geleitet durch diese beispielhafte a priori Definition von Auswahlkriterien, möglich. Drei Kriterien müssen für das theoretische Sampling die bevorstehende Fallauswahl festgelegt werden (vgl. Kelle & Kluge, 2010, S. 50):

1. Relevante Merkmale für die Fallauswahl

2. Merkmalsausprägungen

3. Größe des qualitativen Samples

In dieser Studie handelt es sich allerdings um eine Mischform, da auch aufgrund von organisatorischen Gegebenheiten kein völlig theoretisches Sampling mit einem offenen Untersuchungsdesign bei einer Datenerhebung im schulischen Bereich in dieser Form durchzuführen war. Das führte zu einem selektiven Sampling. Folgende Merkmale wurden vor dem Feldzugang zunächst festgelegt, um eine logistische Planung der Datenerhebung zu ermöglichen:

Insgesamt sollten die Größe des qualitativen Samples 50 Interviews an verschiedenen Institutionen umfassen, um eventuell unterschiedliche Merkmalsausprägungen zu benennen.

Zehn Interviews davon waren mit Erwachsenen geplant, da sie einen freien und nicht an die Schulpflicht gebundenen Bezug zu Musik haben. Ebenso gilt dieses Kriterium für zehn Jungstudenten der HfMDK, die genauso alt sind wie die Schüler an den weiterführenden Schulen, jedoch aufgrund ihres Studiums als Jungstudent einen erhöhten ME vermuten lassen: Besitzen die Jungstudenten daher einen höheren ME, da sie für ihr Alter einen besonders hoch ausgeprägten Fähigkeitsbereich in Musik besitzen? Zunächst war die Aufteilung der Interviews daher folgendermaßen geplant:

Population

Größe der Fallauswahl

Jungstudenten der HfMDK

10

Eine Hauptschule in Frankfurt a. M.

10

Realschule Robert Koch in Frankfurt

10

Gymnasium in Frankfurt a. M.

10

Erwachsene, die regelmäßig Musik in der Freizeit ausüben

10

Tabelle 1: Design des selektiven Samplings vor Beginn der 1. Datenerhebung

Wie Glaser & Strauss betonen, so soll während dieses Prozesses stets eine Offenheit für neue Felder und Populationen gegeben sein. Daher wurde dieses Sampling immer als vorläufig betrachtet. Ein relevantes Merkmal für die Fallauswahl und das damit verbundene selektive Sampling war das ausgewählte Alter der Schüler als Probanden. Für die bessere Nachvollziehbarkeit der ausgewählten Altersstufen der Populationen soll im Folgenden ein kurzer Überblick zu den verschiedenen entwicklungspsychologischen Phasen bei Kindern und Jugendlichen gegeben werden.

In der Entwicklungspsychologie spricht man allgemein von verschiedenen Entwicklungsphasen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens durchläuft. Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896-1980) besaß eine universal-konstruktivistische Sichtweise auf die kognitive Entwicklung des Kindes. Er stellte eine kognitive Entwicklungstheorie auf, nach der sich das Wissen der Kinder auf jeder Stufe der persönlichen Entwicklung weiter ausbreitet, indem sie „aktiv auf ihre Umwelt einwirken, sie erkunden und bewusst abbilden“ (Berk, 2005, S.24). Seine gesamte Theorie basiert auf dem Konzept der Adaption, nach dem das Kind sich den Gegebenheiten der Umwelt anpasst, und die mentalen Strukturen in Form einer sich qualitativ im Laufe des Lebens verändernden Art des Denkens gut in der Außenwelt repräsentiert werden (vgl. a.a.O., S. 25). Nach Piaget durchläuft ein Kind vier Entwicklungsstufen: in der sensomotorischen Stufe (0-2 Jahre) lernt das Kind mit seinen Sinnen die Umwelt zu erfahren. Auf diese Stufe folgt die Phase des präoperationalen Denkens (2-7 Jahre). Das Denken entwickelt sich zu seinem symbolischen, aber noch nicht formal-logischen Denken im Vorschulalter. Innerhalb der Stufe der konkreten Operationen (7-11 Jahre) erfolgt eine Strukturiertheit des Denkens. Diese vorletzte Stufe leitet zur letzten Stufe, die der formalen Operation, (ab elf Jahren) über, auf der nach Piagets konstruktivistischen Sicht das Denken zu einem komplexen, abstraktlogischen System wird (vgl. a.a.O., S. 22).

Der russische Psychologie Lew Wygotski (1896-1934) führte den entwicklungspychologischen Ansatz nach Piaget weiter, indem er die kognitive Entwicklung auch auf die Interaktion des Kindes mit seiner Umwelt als einen gesellschaftlich vermittelnden Prozess zurückführte. Nach Wygotskis soziokultureller Entwicklungstheorie besitzt die Kultur einen großen Einfluss auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten beim Kind. Wygotski vernachlässigte nach Berk wiederum die Eigengestaltung des Kindes innerhalb seiner Forschung. Es bekam mehr die Interaktion von Kind und Gesellschaft als Förderer der psychologischen Entwicklung Gewicht (vgl. a.a.O., S. 27f).

So stehen zwei entwicklungspsychologisch bedeutsame Theorien (ergänzend) nebeneinander, die beide eigene und sich ergänzende Positionen innerhalb der Interaktion von dem sich entwickelnden Kind als Individuum in einer Gesellschaft einnehmen.

Entwicklungspsychologisch begründet sollten die Schüler der empirischen Studie deshalb vorzugsweise zwischen 15 und 16 Jahre alt sein. Damit befinden sie sich nach der universal-konstruktivistischen Theorie von Piaget in der Phase der Adoleszenz. Die Theorien der Informationsprozesse stimmen mit den Entwicklungsstufen von Piaget weitestgehend überein, jedoch weisen sie spezifischer auf kognitive Veränderungen hin (vgl. a.a.O., S. 505). Die Psychologin Laura Berk fasst diese Veränderungen unter sechs Punkten zusammen (a.a.O.): Die Aufmerksamkeit konzentriert sich stärker auf relevante Informationen und passt sich besser den wechselnden Anforderungen der Aufgaben an. Strategien werden effektiver, indem Speicherung, Repräsentation und die Wiederholung der Informationen sich verbessern. Das Wissen nimmt zu und verbessert damit die Verwendung der Strategie. Die Metakognition weitet sich aus und führt zu neuen Einsichten in wirksame Strategien, um Informationen zu erwerben und Probleme zu lösen. Die kognitive Selbstregulation verbessert sich, was bessere Überwachung von Augenblick zu Augenblick, Bewertung und Richtung des Denkens ergibt. Die Verarbeitungskapazität von Informationen entwickelt sich und mehrere Informationen können in effektive, abstrakte Repräsentationen umgewandelt werden.

Nach der Präsentation dieser charakteristischen Veränderungen in der Entwicklungsphase der Jugendlichen erweist sich die Auswahl der zu interviewenden Schüler in mehrfacher Hinsicht als vielversprechend. Eine jüngere Population in einem früheren Entwicklungsstadium würde bei den offenen Fragen zu diesem unbekannten Phänomen vermutlich noch nicht so ausführlich und differenziert auf die Interviewfragen antworten können. Die gestellten Interviewfragen sollen neben der reinen Erhebung von Daten bis zu einem gewissen Grad auch eine Förderung und Stärkung der Strategie des Probanden im Rahmen seiner eigenen Metakognition sein. Durch Reflexionen, Erkenntnissen aus dem Schulalltag und auch Faktoren oder Einflüssen, die seinen persönlichen ME anregen oder auch verhindern, wird ebenso die kognitive Selbstregulation gefördert. Der Schüler wird mit neuen Inhalten konfrontiert, die er gegebenenfalls durch eigene Kritik und Anmerkungen in dieser ausgewählten Entwicklungsstufe weiterentwickelt. Die Forscherin ist in diesem Prozess nicht nur für die Erhebung, Auswertung und Transformation von Informationen verantwortlich, sondern nimmt einen Standpunkt ein, der auch dem Schüler als Förderer seiner eigenen Metakognition dienen kann. Da sich die Forschung im Rahmen dieser Interviews auf einzelne Schüler konzentriert, ergibt sich ein neues Bild, was Forschung im Schulalltag auch bedeuten kann. Die Förderung der eigenen Metakognition des Schülers, ist im Rahmen der Theorien des informationsverarbeitenden Ansatzes zentral für die Entwicklung des abstrakten Denkens (vgl. Berk, 2005, S. 505). Ferner wird während des Interviews noch die eigene Selbstreflexion, individuelle Metakognition und Reflexion des Schülers in Bezug auf sein persönliches Verhältnis zur Musik gefördert.

 
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