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6.3 Qualitative Datenauswertung

Zunächst sollen die qualitativen Ergebnisse zum allgemeinen Begriff ‚Enthusiasmus' kategorisch zusammengefasst werden. Damit ist diese erste qualitative Analyse, im Gegensatz zu den weiteren Analysen, auf einer abstrakteren Ebene außerhalb des musikalischen Umfeldes anzusehen. Die Ergebnisse sind hier inhaltlich verschiedenen Kategorien zugeordnet worden, die aber nicht im Sinne der GT eine Anordnung verfolgen. Sie sollen an dieser Stelle nicht vorenthalten werden, da sie einen Eindruck geben, wie der Begriff ‚Enthusiasmus' heutzutage verstanden und benutzt wird. Anschließend verengt sich der Blick auf die Untersuchungsergebnisse zum Enthusiasmus im Umfeld musikalischer Bildung.

6.3.1 Auswertung der qualitativen Interviews zum Phänomen Enthusiasmus

Die Voranstellung der Analyse zum Enthusiasmus, losgelöst vom musikalischen Umfeld, begründet sich aus der (bereits im theoretischen Teil erwähnten) man-gelnden Erforschung des Enthusiasmus in der Geisteswissenschaft. Durch die erste offene Interviewfrage „[...]Was bedeutet für dich eigentlich Enthusiasmus?“ lassen sich auch Antworten der Probanden erwarten, die sich allgemein auf den Enthusiasmus beziehen und nicht direkt in Verbindung mit dem ME stehen. Bei der Frage zeichnet sich ab, dass es einige Begriffe gibt, die besonders häufig mit dem Enthusiasmus in Verbindung gebracht werden. Allen voran der ‚Spaß'.[1] „Also man sagt ja dann: Ah, das macht mir jetzt besonders Spaß.“, oder:

„Das nicht so.“ Und dann, würde ich die Sachen, die mir sehr Spaß machen zu Enthusiasmus zählen.“ (15 Jahre, Schwerin II / 1510210F, Z. 19). Dicht gefolgt werden die Begriffe ‚Freude' und ‚Interesse' (wie bereits in Kapitel 6.1 erwähnt) genannt: „Irgendetwas packt mich, fasziniert mich in meinem Inneren, berührt mich [...] , ich entwickele dann ein Interesse daran.“ (45 Jahre, Eltern-BläserGruppe / 450520B, Z. 15). Der Begriff ‚Leidenschaft' kommt vergleichsweise wenig in den Beschreibungen vor. Auffälliger ist, dass der Begriff im Zusammenhang mit Enthusiasmus vorwiegend von den Probanden der Eltern-BläserGruppe und den Mitgliedern der Klasse mit einem musikalischen Schwerpunkt benutzt wird. „Das kann gut sein, dass [die Leidenschaft] am Schluss, also danach kommt, ja. Das etwas sich zu einer Leidenschaft entwickeln kann. Wobei im Wort ‚Leidenschaft' ja auch das ‚Leiden' drin ist und gerade beim Musikinstrument lernen, oder sowas, da leidet man manchmal, wenn der Ton nicht kommt.“ (a.a.O., Z. 68).

Als weniger aufschlussreich hat sich die Selbsteinschätzung des eigenen Enthusiasmus auf der nominalen Skala herausgestellt. Der bereits erwähnte Mittelwert von 8,0 auf der Skala von 1-10 ist vermutlich durch eine durchschnittliche bis überdurchschnittliche eigene Selbsteinschätzung zu begründen (zwischen 7-10), da sich bei so einer allgemeinen Einschätzung zu einem Phänomen der Proband tendenziell nicht besonders negativ einschätzen würde, sondern tendenziell immer eher in einem positiven Mittelbereich. Die Auswertung der Skala belegt lediglich noch einmal, dass der Enthusiasmus ein durchwegs positiv verstandener Begriff ist, der auch zu keiner negativen Selbsteinschätzung führt: „Ja, dann auf jeden Fall acht. Also ich bin ziemlich schnell begeisterungsfähig.“ (15 Jahre, Schwerin I / M, 1500310E, Z. 59).

Die Beschreibungen auf der emotionalen Ebene zum Enthusiasmus als ausgelöstes Phänomen sind besonders mit der Schilderung von Momenten und Gefühlen des ‚Glücks' beschrieben. „Also halt dieses Glücksgefühl. So, nicht Adrenalin, sondern Glückshormone, die dann frei werden. Dass du richtig fröhlich wirst und gute Laune kriegst.“ (15 Jahre, Schwerin II / 1510910F, Z. 49).

In Bezug auf die Auslösung des Enthusiasmus beim Subjekt und seine Hinwendung zum Objekt, werden nur wenige Aussagen zu körperlichen Ausdrucksformen des Enthusiasmus gemacht. So wird er vielmehr mit dem bereits in der Philosophie geschilderten Gefühl des „Erfülltseins“ von einem Erwachsenen der Eltern-Bläser-Gruppe beschrieben: „Enthusiasmus spiegelt sich mit in meiner ganzen Seele, in meinem ganzen Körper ab eigentlich. Also bereitet [es] mir ein Gefühl der Freude [...].“ (46 Jahre, Eltern-Bläser-Gruppe / 460420B, Z. 16). Auch die philosophisch ausgedrückte ‚Verschmelzung mit dem Objekt' ohne ein Bewusstsein für Zeit, Raum und Ort wird emotional zur Beschreibung eines ausgelösten Enthusiasmus erwähnt: „Wenn ich etwas tue, wo ich nicht drüber nachdenke, wie lange es dauert, sondern es tue, weil es in dem Moment einfach Spaß macht. Und dann denkt man an nichts anderes. Ich glaube dann ist man enthusiastisch“ (45 Jahre, Eltern-Bläser-Gruppe / 450620B, Z. 9).

Hinsichtlich der am Ende der Datenauswertung anstehenden Analyse zur Bildung einer Theorie, können auch für die allgemeine Beschreibung des Enthusiasmus Zitate verwendet werden, die auf verschiedene Typen zu seinem Auftreten hinweisen. So wird ein situativer Enthusiasmus wie folgt beschrieben: „Also Enthusiasmus ist ja mehr so, würde ich sagen, spontan. [...] Also dass man gleich sich dafür begeistert [...] Ja, also es gibt natürlich auch Ausnahmen, dass man sofort von irgendwas begeistert ist.“ (16 Jahre, Schwerin I / M, 1610210E, Z. 72). Ein erwachsener Proband erwähnt hier die mögliche Kurzlebigkeit des Enthusiasmus. „Also es gibt ja so Enthusiasmus, der ist mal ganz kurz da und dann ist er ganz schnell vorbei. Ich denke so, das was Sie dann wahrscheinlich meinen ist dann schon ein bisschen länger (lacht)“ (46 Jahre, Eltern-Bläser-Gruppe / 460420A, Z. 23). So wird also auch der Unterschied zum individuellen Enthusiasmus erkannt und öfter unter verschiedenen Aspekten benannt „das kann sehr kurzlebig sein für manches und dann ist es halb im nächsten Moment schon fast wieder weg. Oder es kann halt tatsächlich länger andauern.“ (a.a.O., Z. 33). Eine emotionale Berührung durch etwas wird mit einem ausgelösten Enthusiasmus anscheinend verbunden: „Wenn mich etwas begeistert, ich glaube erst irgendwie spricht mich's irgendwie an. Also irgendwas in meinem Innern wird berührt, angesprochen. Das kann eine Erinnerung sein an eine frühere Geschichte aus der Kindheit oder irgendwas, was ich mal gesehen habe und mal machen wollte oder so und dann bin ich erst mal so angestoßen. Und dann danach kommt das Interesse, oder das Dranbleiben wollen.“ (45 Jahre, Eltern-Bläser-Gruppe / 450520B, Z. 23).

Diese Aussagen und Anfänge von Typisierungen des Enthusiasmus bedeuten einen hohen Grad der Reflexion von Lebenssituationen und eigener Selbstreflexion, weshalb die meisten Aussagen hierzu von den erwachsenen Probanden vorliegen. Ein 15-jähriger Schüler, der keine Schule mit einem musikalischen Schwerpunkt besucht, gibt auf eine fast selbstverständliche Art eine erstaunlich genaue Definition zum Auftreten des Enthusiasmus: „Also ich glaube den Begriff ‚Enthusiasmus' kann man nicht in einen Block packen. Es gibt glaube ich auch noch mehr Arten als nur zwei. Es kommt ja auch immer auf die Situation an was man macht.“ (15 Jahre, GAG / 1510710D, Z. 99). Dieses Zitat fasst alles zusammen, was für die weitere Forschung zum Enthusiasmus der leitende Gedanke ist. Es bildet daher den Abschluss der qualitativen Analyse zum allgemeinen Begriff ‚Enthusiasmus' und leitet dazu über, ein mehrdimensionales Konstrukt in Form einer Theorie für den ME aufzustellen.

  • [1] Die Zitate aus den Interviews sind im Anschluss wie folgt vermerkt. I. Alter des Probanden, II. die Population: Eltern-Bläser-Gruppe = erwachsene Bläsergruppe „Atemlos“, Schwerin I / M = Gymnasialklasse mit musikalischem Schwerpunkt, Schwerin II = Gymnasialklasse ohne musikalischen Schwerpunkt, Realschule = Robert Koch Realschule in Frankfurt und GAG für das Gymnasium in Tecklenburg. Die anschließende Nummerierung verweist auf die Kodierung des jeweiligen Interviews
 
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