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6.4 Aufstellung einer materiellen Theorie zum Musikalischen Enthusiasmus

Nachdem einzelne Kategorien nach dem Paradigmatischen Modell in Beziehung gesetzt wurden, ist nun auch durch die Zitate aus den Interviews eine ausführlichere Phänomenbeschreibung des ME entstanden.

Doch wie lässt sich dieses Phänomen ME in Hinblick auf seine Form des Auftretens in verschiedenen sozialen Situationen definieren?

Strauss & Corbin sprechen von einem „neuen Blick“, mit dem man durch das Umkehren der Betrachtungsweise auf neue Ergebnisse stößt. So resultiert aus den Ergebnissen der Fallauswahl eine Phänomenbeschreibung. Jedoch fehlt in Hinblick auf den wichtigen Praxisbezug, den der ME im Umgang mit Musik besitzt, noch eine hinreichende Beschreibung des Phänomens in verschiedenen Kontexten. Dieses soll im Folgenden in Form einer Typisierung nun geschehen.

In den durchgeführten Interviews ist für die Aufstellung einer Typologie des ME eine Interviewfrage von besonderer Bedeutung: „Kannst du dich an eine bestimmte Situation erinnern, in der Enthusiasmus im Musikunterricht ausgelöst wurde?“ (Interviewfrage Nr. 3). Vor dem Hintergrund des Paradigmatischen Modells wird nun nicht (wie es sonst die Theorie der GT vorschreibt) die Kernkategorie dimensionalisiert, da sie in ihrer Charakteristik keine einfach zu bestimmenden Merkmale zur Dimensionalisierung aufweist. Deshalb werden die einzelnen Kategorien des Kodierparadigmas nach Strauss & Corbin, die den ME beschreiben, dimensionalisiert: Kontext und intervenierende Bedingungen“ (1) ,

„Handlungsstrategien“ (2) und „Konsequenzen“ (3).

Die Dimensionalisierung ist durch die Auswertung des Datenmaterials gleichzeitig auch eine weitere systematische Zusammenführung der Ergebnisse.

„Vergleichsdimensionen können erstens den Kriterien für die Fallauswahl bzw. dem Stichprobenplan [...], zweitens dem Erhebungsinstrument (beispielsweise dem Interviewleitfaden) entnommen werden oder sie können drittens im Rahmen der Kodierung des Materials [...] entwickelt werden. (vgl. Kelle & Kluge, 2010,

S. 83 ff). Neben dem Kodierparadigma wird nun die Aufstellung einer Typologie in Anlehnung an den Prozess der Typenbildung durch Dimensionalisierung nach Kelle & Kluge vorgenommen (vgl. a.a.O., S. 91 ff).

Die Erarbeitung relevanter Vergleichsdimensionen:

Die Kategorie Kontext wird hauptsächlich durch das soziale Umfeld charakterisiert. Ob eine Person den ME daher für sich alleine oder gemeinsam in einer Gruppe, geprägt von einem starken Gruppengefühl der Zusammengehörigkeit, erfährt, beschreibt der mögliche Kontext des Phänomens. Eine Dimensionalisierung der Kategorie erfolgt anhand der Unterscheidung, ob der ME in einem Fall alleine oder in der Gruppe erfahren wird. Hier gilt es zu betonen, dass die Konzentration nicht auf die physische Anwesenheit von Personen im Umfeld, sondern auf das Bewusstsein des Individuums erfolgt. Wie hat das Individuum den ME erlebt? Hat es durch die Auslösung von einem ME zwischen sich und dem Objekt alleine quasi ‚Raum und Zeit' vergessen? Oder definiert sich die eigene Erfahrung des ME über ein gemeinsames Gruppengefühl?

Abbildung 24: Erstellung einer Vergleichsdimension durch Dimensionalisierung des Kontextes

Das zweite Kodierparadigma wird zur Kategorie Handlungsstrategie und Intervenierende Bedingung zusammengeführt, da es in dieser Dimensionalisierung allgemein um die Auslösung des ME geht, je nachdem, ob der ME situativ (unbewusst) vom Individuum ausgelöst wird oder individuell (bewusst). Entweder wird der ME durch das Individuum selbst oder durch eine Herbeiführung von außen, beispielsweise durch eine Unterrichtsgestaltung des Lehrers, handlungsstrategisch eingeleitet. So erhält diese Kategorie zusammengefasst den Einflussgrad „situativ-individuell“, da das Individuum in diesen Fällen von außen zu einem ME angeleitet wird. Inhaltlich geht die Dimensionalisierung ebenfalls auf die Erkenntnisse von Krapp im Rahmen der vorgestellten Interessenforschung (Kapitel 4.2.1) zurück. Er spricht von einer „Handlungsquelle“, die als Begriff auch für die vorliegende Arbeit übernommen wird. So wird eine Dimensionalisierung nach dem Kodierparadigma der Kategorie „Handlungsstrategie und Intervenierende Bedingung“ (2) in die Einteilung von situativem (unbewusst herbeigeführten) ME und individuellem (bewusster herbeigeführten) ME als Quelle der Handlungsverursachung vorgenommen:

Abbildung 25: Erstellung einer Vergleichsdimension durch Dimensionalisierung der Kategorie ‚Handlungsund Interaktionale Strategien'

Mit den Konsequenzen wird das dritte Kodierparadigma als Folge des ME dimensionalisiert. Hier wird anhand eines zeitlichen Paradigmas zwischen einem kurzzeitigen und einem (über längere Zeit) andauernden ME unterschieden. Gleichzeitig besitzt letzterer eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass eine dauerhafte Verbindung und Auseinandersetzung des Individuums mit der Musik im Leben entsteht.

Abbildung 26: Erstellung einer Vergleichsdimension durch Dimensionalisierung der Kategorie ‚Konsequenz'

Nun kann eine Typologie durch die Kombination von Merkmalen konstruiert werden. Die sogenannte ‚Kreuztabellierung' ist eine heuristische Strategie zur Theoriebildung (vgl. Kelle & Kluge, 2010, S. 90):

Kategorien

Merkmalsausprägung

1. Kontext

(Erfahrung mit Musik)

Alleine

In der Gruppe

2. Handlungsstrategie und Intervenierende Bedingung (Herbeiführung)

Situativ (unbewusst)

Individuell (bewusst)

3. Konsequenz = ME (Auswirkung)

Kurzzeitig

Andauernd

Tabelle 13: Kreuztabellierung der Merkmalsausprägung

 
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