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6.10 Der Begriff und das Phänomen ‚Leidenschaft'

Nach der intensiven Auseinandersetzung mit dem (musikalischen) Enthusiasmus soll abschließend ein Begriff nicht unbeachtet bleiben, der die Forschung lange im Hintergrund begleitete. Es sind die grundsätzlichen Fragen zur Leidenschaft im Kontext des Enthusiasmus. Im Folgenden soll deshalb sowohl auf den Begriff als auch auf das Phänomen ‚Leidenschaft' im abschließenden Kapitel eingegangen werden.

Als Phänomen erfuhr die Leidenschaft in ihrer Bedeutung, ähnlich wie der Enthusiasmus, erst im Laufe der Zeit eine positivere Wertung. So galt Leidenschaftlichkeit, ebenso wie Enthusiasmus, bis ungefähr zur Zeit der Aufklärung als ein widervernünftiger Zustand. „Im ursprünglichen Sinn schwingt der Beilaut von etwas Zerstörerischem mit. [...Heute] wird das Leiden Schaffende jedoch oft verdrängt“ (vgl. Brockhaus, 1990, S. 232). Für die Einordnung der Leidenschaft in den vorliegenden Kontext sind diese Werke jedoch nicht sehr hilfreich, da sie keine Systematik oder Definition zur Leidenschaft im pädagogischen Kontext beinhalten. Auch die führenden Interessenforscher der Psychologie präsentieren mit ihren Theorien keine Erkenntnisse zur Leidenschaft oder zum Verhältnis des Enthusiasmus sowohl zum menschlichen Interesse als auch zur Leidenschaft.

Fündig wird man hierzu wieder in der Philosophie: in den bereits zitierten

„Vorlesungen über Moralphilosophie“ von Immanuel Kant. In seiner Definition setzt er den Enthusiasmus bereits in Bezug zur Leidenschaft: „Wenn die Neigung zum Guten bis zur Leidenschaft gestiegen ist, so ist dieses eine Enthusiasterey“ (Kant, [1770] 1974, S. 206). Kant beschreibt eine sich steigernde Form im Prozess, die sich über die anfängliche Neigung zu einer Leidenschaft entwickelt hat. Kant ist nach dem bisherigen Stand der Recherchen für die vorliegende Arbeit damit der erste, der Enthusiasmus innerhalb einer prozesshaften Entwicklung in Relation zu Leidenschaft setzt. In welchem Verhältnis stehen also Enthusiasmus, Leidenschaft und Interesse? Diese anordnende Begründung und Verankerung der Begriffe wird aufgrund mangelnder empirische Ergebnisse aus den anderen Fachdisziplinen im folgenden Kapitel nur in Form einer modellhaften Darstellung geschehen.

6.10.1 Interesse – Enthusiasmus – Leidenschaft. Ein Modell

Dem Enthusiasmus wird in der alltäglichen und aktuellen Definition in digitalen Nachschlagewerken oft die Nähe zum Interesse zugeschrieben: „Enthusiasmus bezeichnet heute allgemein [...] ein mehr als durchschnittliches, intensives Interesse auf einem speziellen Gebiet“[1]. Sowohl beim Interesse als auch beim En- thusiasmus sind die äußeren Umweltbedingungen von großer Bedeutung. Sie sind mit ausschlaggebend dafür, ob ein Interesse beziehungsweise Enthusiasmus für etwas beim Individuum ausgelöst wird, unabhängig davon, ob es sich um gefühlsbezogene oder gefühlsneutrale Valenzen handelt. Diese Eigenschaft haben das Interesse nach den vorgestellten Konstrukten und der Enthusiasmus in seiner vorgestellten Charakteristik gemeinsam. Gleichzeitig grenzen sie sich in diesem Punkt von der intrinsischen Motivation ab, da diese nicht von einem Person-Gegenstands-Bezug abhängig ist, denn sowohl beim Enthusiasmus als auch beim Interesse ist stets eine Gegenstandsspezifität vorhanden. „[Diese] grenzt das Interessenkonstrukt damit von benachbarten theoretischen Konzepten wie Aufmerksamkeit, Aktivierung, Neugier und intrinsischer Motivation ab“ (Daniels, 2008, S. 21). Es ist bemerkenswert, dass in den bereits erwähnten philosophischen Definitionen der Enthusiasmus als ein Affekt, der eine intensive Zielstrebigkeit impliziert, oder auch als „Gemütsschwung“ (Kant), der eine Zielstrebigkeit nahelegt, beschrieben wird. So sieht auch Krapp die Beziehung zwischen einem Individuum und dem Gegenstand bei einem individuellen Interesse als zielgerichtet: „Die interessengeleitete Auseinandersetzung mit dem Gegenstand kann auch als zielorientierte Handlung beschrieben werden [...]“ (Krapp 1992a, zitiert nach Daniels, 2008, S. 21).

Für den Enthusiasmus und das Interesse bleibt daher festzuhalten, dass sie in einem engen Verhältnis zueinander stehen.

Kant hat mit der steigenden Neigung zum Guten auch den Bezug des zielgerichteten Enthusiasmus zur Leidenschaft erwähnt, indem er die bereits beschriebene Richtung und den Charakter der Prozesshaftigkeit nennt. So ist die Leidenschaft auch ein gesteigerter Enthusiasmus für ein Objekt. Es gibt keine Leidenschaft ohne Enthusiasmus und auch keinen Enthusiasmus ohne ein Interesse für ein Objekt. Demnach lassen sich Leidenschaft, Enthusiasmus und Interesse in Form eines Dreieckes anordnen:

Abbildung 29: Pyramide der Leidenschaft I

Ich nenne dieses Modell die „Pyramide der Leidenschaft“. Das entwickelte individuelle Interesse als Ursache für einen ausgelösten Enthusiasmus führt zu einer Leidenschaft. Die Form einer Pyramide zeigt den bei Kant beschriebenen ‚steigenden' Charakter der Entwicklung einer Leidenschaft und visualisiert gleichzeitig, dass nicht jedes Interesse zu einem Enthusiasmus wird und auch nicht jeder ausgelöste Enthusiasmus eine Leidenschaft entfacht. Dies ist ein individueller Prozess, der von vielen verschiedenen Bedingungen und der eigenen Identitätsbildung abhängt.

Abbildung 30: Mögliche Entwicklungen, die nicht zu einer Leidenschaft führen

Die Daten aus den Interviews belegen, dass auch die Motivation in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt, denn die Entwicklung einer Leidenschaft wird auch durch Motivation gefördert. Eine Leidenschaft kann nämlich nur durch eine (intensive) Beschäftigung mit dem Objekt über einen längeren Zeitraum entstehen. Ohne Motivation, die sich neben dem Grad an Selbstbestimmtheit im sozialen Umfeld nach den dargestellten Ergebnissen auch aus einem ausgelösten ME speist, kann keine Leidenschaft durch Interesse oder Enthusiasmus aufkommen. Sie begleitet und nährt daher immer wieder die prozesshafte Entwicklung.

Abbildung 31: Die Entwicklung einer Leidenschaft und ihre Förderung durch Motivation

  • [1] de.wikipedia.org/wiki/Enthusiasmus (zuletzt aufgerufen am 11.8.2014)
 
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