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6.10.2 Zum situativen und individuellen Charakter

Wenn im Bereich des Interesses zwischen einem situativen und einem individuellen Interesse unterschieden wird, und das Interesse mit dem Enthusiasmus in Verbindung steht, gibt es dann auch einen situativen und einen individuellen Enthusiasmus?

Ein situativer Enthusiasmus kann durch die bereits beschriebene Typologie in verschiedenen Situationen beim Individuum hervorgerufen werden. Neben dem situativen Enthusiasmus kann aber auch der Enthusiasmus für etwas „aktiviert“ werden. Über einen Reiz kann ein individueller Enthusiasmus allgemein in einer Situation erweckt werden. So kann nach den Ergebnissen aus der empirischen Studie und der daraus entwickelten Typologie auch die zweite Stufe der Pyramide zum Enthusiasmus in einen situativen und einen individuellen Enthusiasmus eingeteilt werden. In ihrem horizontalen Kern und Charakter bezieht sich die Pyramide immer auf ein individuelles Interesse und einen individuellen Enthusiasmus (was in Bezug auf die Typologie konkret die Typen 1, 2, 5 und 6 bedeutet). Da das situative Interesse als ein einmaliger, motivationaler Zustand beschrieben wird (vgl. Daniels, 2008, S. 17), führt dieses nicht automatisch zu einer Leidenschaft. Dennoch lassen sich auch die Aussagen der Probanden, nach deren Aussagen zunächst durch ein vorhandenes Interesse ein ME ausgelöst wird, durch die folgende visuelle Darstellung begründen:

Abbildung 32: Die Verteilung des situativen und individuellen Charakters in der Pyramide der Leidenschaft

Die von einem situativen Charakter geprägte Auslösung führt also durch die Momenthaftigkeit in der Situation nicht auf den Weg der Entwicklung einer Leidenschaft, solange sie sich nicht zu einem in der Persönlichkeitsstruktur verankerten Interesse für Musik oder dem folgenden ME entwickeln.[1] Das begründet modellhaft auch die erwähnten „musikpädagogischen Strohfeuer“. Sie zeigen einen ausgelösten situativen ME und ein damit verbundenes situatives Interesse auf, jedoch ist es ein Trugschluss, dass der aufkommende ME (Typ 7) dadurch zu einer regelmäßigeren Beschäftigung mit Musik führt oder sich gar zu einer Leidenschaft für Musik bei den Beteiligten entwickelt. Das stufenförmige Modell der Pyramide erweist sich nach dem bisherigen Forschungsstand als geeignetste Form, um die Entwicklung und die möglichen Wege einer Leidenschaft zu skizzieren.

Die Leidenschaft am obstersten Ende der Pyramide jedoch mit einer Spitze zu versehen, suggeriert eine Endlichkeit, die keinesfalls der stetig andauernden und sich entwickelnden Leidenschaft beim Menschen entspricht. Deshalb bildet der zutreffendere Abschnitt der Pyramidenspitze für die modellhafte Beschreibung der Leidenschaft den Abschluss:

Abbildung 33: Pyramide der Leidenschaft II

Weitere empirische Forschungen wären zusammen mit der Interessenforschung zum ME für die Musikpädagogik wünschenswert. In Hinblick auf einen Musikunterricht, der auf die mögliche Auslösung eines ME beim Schüler von der Lehrperson ausgerichtet ist, wären sie ein wichtiger Schritt, um weitere Erkenntnisse über die Möglichkeiten und Anforderungen des musikalischen Lernens zu gewinnen. Der Musikunterricht ist jedoch nicht die einzige Fachdisziplin, die Möglichkeiten für die Förderung des Enthusiasmus anbietet. Diese Thematik betrifft auf einer formalen Ebene alle Unterrichtsdisziplinen. Sigrid Abel-Struth beschreibt als eine der bedeutsamsten Musikpädagoginnen des 20. Jahrhunderts das Besondere der Musik philosophisch. Sie definiert für ihre Disziplin die Musik als eine besondere Kraft für eine mögliche Seelenbewegung des Menschen:

„Die Zahlenverhältnisse der Bewegungen der menschlichen Seele und der Musik stehen in Übereinstimmung, und darum entspricht jeder melodischen und jeder rhythmischen Bewegung eine ganz bestimmte menschliche Seelenbewegung. Dies gibt der Musik ihre ethische Kraft: Musik kann durch die Entsprechung der Zahlenverhältnisse ihre Bewegungen mit den menschlichen Seelenbewegungen der Seele zu Gleichgewicht verhelfen.“ (Abel-Struth, 2005, S. 26).

  • [1] Diesen Unterschied sollen die eingezeichneten gestrichelten Linien in Abbildung 32 visuell verdeutlichen
 
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