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8 Schlusswort

Durch die vielseitige Annäherung an das mehrdimensionale Konstrukt fällt es schwer an dieser Stelle ein passendes Schlusswort zu finden. Vielmehr ergeben sich neue Fragen, die einen inhaltlichen Schluss zu dieser Thematik gar unmöglich machen. Außerdem zeichnet die Generierung einer Theorie immer einen neuen Beginn für weitere Forschung auf, so dass mir eher nach einem Vorwort als nach einem Schlusswort zumute ist. Nach dieser Untersuchung kann jedoch als aktueller Forschungsstand zum Enthusiasmus mit einem in die Zukunft gerichteten Blick für die Musikpädagogik einiges zusammengefasst werden.

Die Aussagen zum Enthusiasmus aus der Philosophie verdeutlichen, dass die umfangreiche Charakteristik des Phänomens und seine mögliche Wirkung auf den Menschen bereits früh definiert wurden und bis heute vorwiegend zutreffend sind. Denn auch die hier aufgestellte Theorie bleibt bei der Unterscheidung zwischen einem individuellen und einem gemeinsam in oder durch eine Gruppe erfahrenen Enthusiasmus, so wie das existierende Phänomens Enthusiasmus schon im 20. Jahrhundert unterschieden wurde. Es wurde gezeigt, dass die Auslösung eines ME für das Individuum immer stark von der jeweiligen Situation und deren Bedingungen im sozialen Umfeld abhängig ist. Was den Musikunterricht angeht, so konnte aus den Ergebnissen keine Schlussfolgerung dazu gezogen werden, dass der Musiklehrer eine besondere Rolle in Bezug auf die Auslösung des ME beim Schüler einnimmt. Auch hier ist es vielmehr die Situation selbst, in der die Musik als Kunst ein Objekt ist, die aufgrund ihrer Mehrdimensionalität beim Schüler auf vielfältige Weise einen ME auslösen kann. Speziell für den Musikunterricht müssten nun weitere Studien folgen, die umgekehrt auch die möglichen Faktoren untersuchen, welche einen ME beispielsweise hemmen können. Weitere Ergebnisse aus den Daten der Eltern-Bläser-Gruppe zeigen auf, dass der ME vor allem auf die eigene Motivation und Disziplin positive und langfristige Wirkungsweisen besitzt. Gleichzeitig deutet nichts darauf hin, dass der ME vom Alter oder anderen spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen abhängig ist. Als Ergebnis wurde eine materielle Theorie in Form einer Typologie mit acht verschiedenen Typen aufgestellt, die unterschiedliche Situationen beschreiben in den ein ME nach den Ergebnissen der durchgeführten Studie entstehen kann. In einem abschließenden Schritt wurde dieses Ergebnis auf eine formale Ebene angehoben und eine allgemeine Typologie mit weiteren acht Typen zum Enthusiasmus, losgelöst vom musikalischen Umfeld, aufgestellt.

Die Ergebnisse reichen im Umfang dieser Studie längst nicht aus, um große Fragen, wie die nach dem ‚enthusiastischen Sinn' beim Menschen zu beantworten. Diese und die anschließende Frage nach seiner möglichen Sinnhaftigkeit möchte ich jedoch dem Leser mit auf den Weg geben, um sowohl für die Musikpädagogik als auch für die Erforschung des Phänomens in anderen Disziplinen wachsam zu sein. Denn bereits die Aussagen dieser Studie belegen, dass der Enthusiasmus für die (nicht nur musikalische) Bildung großes Potential besitzt. So findet sich vor dem Hintergrund der in der Vergangenheit wechselnden Zuschreibung seiner möglichen parallel zum Verstand herrschenden Existenz und der heutigen völlig säkularisierten Nähe zur Motivation, zum eigenen Interesse und zur persönlichen Leidenschaft doch noch ein Schlusswort: Denn nach einer langen und intensiven Beschäftigung mit dem Enthusiasmus ist er im postmodernen Zeitalter in seinem Charakter meinem Verständnis nach epistemisch. Seine vielen verschiedenen Eigenschaften und Prinzipien beschreiben ihn „but to [...] discern it in several kinds, both in ourselves and others, this is the great work“ (Shaftesbury, 1707, S. 27f). So hat es schon vor 300 Jahren der Philosoph Shaftesbury ausgedrückt und so wird auch in Zukunft der Enthusiasmus ein besonderes, vermutlich in seiner Ganzheit nie vollkommen erkanntes, Phänomen bleiben.

 
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